«Nur noch eine Metapher»

Daniel Gersons Vater konnte kaum über den Holocaust reden. Er selber machte ihn zu seinem Thema und wurde Historiker. Was bedeutet das Trauma der Eltern für die Kinder? Und was läuft im öffentlichen Bewusstsein schief?

«Unsere Herausforderung heute ist weniger die Leugnung des Holocausts als seine Relativierung»: Daniel Gerson, Jahrgang 1963.

«Unsere Herausforderung heute ist weniger die Leugnung des Holocausts als seine Relativierung»: Daniel Gerson, Jahrgang 1963. Bild: Beat Mumenthaler © Gamaraal Foundation

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt im Film in der Ausstellung den Moment, da Sie vor der Kamera ein altes Telefonbuch zeigen. Was hat es damit auf sich?
Es handelt sich um ein Adressbuch der polnischen Stadt Lodz, und zwar um die letzte Ausgabe vor dem Zweiten Weltkrieg. Ich habe sie in einem Antiquariat in Lodz gefunden. Ein ganz gewöhnliches Adressbuch, aber es ist ein wichtiger materieller Beweis für die Existenz meiner Grosseltern, den ich selber besitze.

Nur Ihr Vater überlebte den Holocaust.
Ja, sein Vater, seine Mutter und seine Schwester wurden in Treblinka vergast. Er selber überstand sechs Jahre Flucht, Zwangsarbeit und Konzentrationslager und kam im Juni 1945 aus dem befreiten Buchenwald mit einem Rotkreuztransport in die Schweiz. Da war er neunzehn und hatte nur noch sich selbst.

Sie sprechen auch von einem «Vakuum» in Ihrer Familiengeschichte.
Von einem Fehlen. Es waren ja nicht nur die Grosseltern, die bei uns fehlten. Es gab auch keine Erinnerung an sie: Mein Vater konnte über seinen Vater genauso wenig reden wie über das, was er erlebt hatte.

Ein Schutz vor dem Schrecken?
Ja, wie bei vielen Überlebenden, die sich vor ihren Erfahrungen schützen mussten, wenn sie weiterleben wollten. Mein Vater hat sich alle Emotionen versagt. Aber im Schlaf hat er oft geschrien. Umso wichtiger war ihm seine Rationalität. Sein Selbstverständnis als Wissenschaftler und Chemiker, sein Leistungswille, seine Karriere – das war zentral für seinen Halt und seinen Platz in der Gesellschaft. Es fehlte ihm ja eine ganze Sozialisation, die Jugend hatte er im KZ statt im Gymnasium verbracht.

In der Schweiz hat er Ihre spätere Mutter kennen gelernt – ein Waisenkind. Genau das sei ihm recht gewesen, wie Sie sagen.
So hat er mir es erklärt. Intakte Familien mit vielen Angehörigen – er konnte sich nicht vorstellen, das zu ertragen.

Prägt so das Trauma der Überlebenden auch das Leben der Nachkommen?
Ich bin kein Psychoanalytiker, aber so kann man es sagen. Es gibt in einer solchen Familie eine existenzielle Verunsicherung, einen Mangel an Unbeschwertheit, an Zuneigung auch.

Haben Sie darunter gelitten?
Es war wohl schon das Gegenteil dessen, was man bräuchte. Aber als Kind nimmt man das so selbstverständlich hin wie vieles andere, mit dem man aufwächst. Ich war dann schon gut dreissig, als ich zum ersten Mal das ehemalige Lager in Treblinka besuchte und einen kleinen Zusammenbruch erlitt.

Was ist passiert?
Es gibt dort einen Gedenkstein für jede Ortschaft, aus der die Opfer damals ins Lager deportiert worden waren, eine Art symbolischen Friedhof. Damit bekam ich eine konkrete Vorstellung von allem, was bei uns fehlte: Das Vakuum war plötzlich präsent. Ich erlitt einen Weinkrampf und hatte im Hotelzimmer eine Nacht lang Fieber. Am Tag darauf war es vorbei.

Sie nennen Ihre Suche nach der ausgelöschten Vergangenheit ein typisches Verhalten der zweiten Generation.
Ich war nie in einer Selbsterfahrungsgruppe für Nachkommen von Holocaust-Überlebenden. Aber ich habe die Bruchstücke zusammengelesen und eine Welt zusammenzufügen versucht: Man integriert sich in eine Kultur, die einem nicht von Anfang an mitgegeben wird, man eignet sich das Jüdische an, die Geschichte der Verfolgung. Das ist schon typisch.

Sind Sie darum auch Historiker geworden, und zwar für jüdische Geschichte?
Sehr wahrscheinlich. Jedenfalls hat mich Geschichte sehr früh interessiert.

Was aber soll ein Vater mit Fragen, die ein Tabu für ihn waren?
Bei meinem Vater war es ambivalent. Er reagierte mit Widerstand, das Erzählen hat ihn viel Überwindung gekostet. Zum anderen hat er es geschätzt, dass ich auf ihn zuging und so interessiert an ihm war.

Der Bruch der Überlebenden mit ihrem Schweigen – war er auch nötig, damit der Holocaust erst ins öffentliche Gedächtnis eingehen konnte?
Ja, es gibt eine Parallele zwischen dem privaten und dem allgemeinen Erinnern. Gegen Ende ihres Lebens wollten viele Überlebende ihre Geschichte doch noch festgehalten haben. 1978 gab es dann die amerikanische TV-Serie «Holocaust», die international für viel Aufsehen sorgte. Aber bis 1989 lag Auschwitz noch hinter dem Eisernen Vorhang, und erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten konnte der Holocaust zum Gründungsmythos Europas werden.

Zum Gründungsmythos?
Zum negativen Gründungsmythos. Dieser Kontinent verstand sich traditionell aus dem Erbe der Aufklärung heraus, der Französischen Revolution und der Menschenrechte. Seit dem Holocaust steht Europa nun in einem Spannungsverhältnis zwischen der Aufklärung und Auschwitz. Im Holocaust wurden die Juden ermordet. Doch er stellt eine Bedrohung der Menschenrechte insgesamt dar.

Was sagen Sie zu Ihrem Berner Historikerkollegen Christian Gerlach? In seinem neuen Buch erklärt er, der Antisemitismus sei nicht die alles entscheidende Ursache des Völkermords an den Juden gewesen: Auch Wohnungsnot oder Nahrungsmittelknappheit hätten Gründe geboten.
Das ist der Versuch einer Scheinrationalisierung. In Wahrheit schuf erst die aggressive Ideologie der Nazis die Grundlage, um die Juden zu verfolgen – egal, welche momentanen Anlässe es dann dafür gab. Ohne den Rassenhass, ohne den Willen zur Vernichtung hätten Wohnungsnot oder Nahrungsmittelknappheit für die Juden nicht tödlich werden können.

Der Antisemitismus ist ja eines Ihrer grossen Themen als Forscher. Aber Gerlach bezweifelt auch, dass der Holocaust so konsequent geplant und realisiert worden sei, wie man heute annimmt.
Die Forschung belegt es überall: Der systematische Völkermord konnte dort verwirklicht werden, wo die deutsche Herrschaft zwischen 1941 und 1945 den Genozid initiierte und durchführte.

Kündet Gerlachs These von einem Paradigmenwechsel im Umgang mit dem Holocaust?
So will ich es auf die Schnelle nicht sagen. Was aber auffällt, und nicht nur mir: Die öffentliche Erinnerung an den Holocaust konzentriert sich heute zu sehr auf die Opfer. Es geht kaum um die Täter. Und damit auch nicht um die Frage, welche gesellschaftlichen Kräfte und Feindbilder zu Ausgrenzung und Verfolgung führen.

Was hat das für Folgen?
Es ergibt sich ein schöner Konsens, was das Leid der Opfer angeht, aber keine politischen Maximen für die Gegenwart. Darum können heute auch so rechte Regierungen wie die ungarische zum Holocaust-Museum Yad Vashem in Jerusalem pilgern, während sie gleichzeitig an ihrer Grenze Flüchtlinge misshandeln und abweisen.

Was sagen Sie zum grünen Nationalrat Jonas Fricker, der vor kurzem in einer Tierschutzdebatte Schweine und Juden verglich, worauf ihm nur der Rücktritt blieb?
Vielleicht zeigt der Fall gerade, wohin man schlimmstenfalls kommt, wenn sich die Erinnerung an den Holocaust in der unverbindlichen Beschwörung der Opfer erschöpft. Fricker sagte ja auch, die Juden hätten es besser gehabt als die Schweine heute. Damit hat er, im Fall der Juden, eine elementare Grundlage jeder Ethik beseitigt: den Unterschied zwischen Menschen und Tieren. Dabei ist er gar kein Antisemit in dem Sinn, dass er die Juden am liebsten aus der Welt haben wollte. Er hat sich für jüdische Projekte engagiert, und er ist Lehrer. Trotzdem fehlt ihm offensichtlich ein Grundwissen darüber, was der Holocaust war. Unsere Herausforderung heute ist weniger die Leugnung des Holocaust als seine Relativierung.

Und die findet häufiger statt?
Gewiss. Gerade weil der Holocaust mittlerweile eine so zentrale Grösse im öffentlichen Bewusstsein ist, ist er so leicht greifbar und wird zur blossen Metapher für alles Mögliche. Der Holocaust war aber nicht alles Mögliche, sondern das vom Antisemitismus getriebene Vorhaben, alle als Juden definierten Menschen zu beseitigen. Das heisst nicht, dass sich der Holocaust prinzipiell mit gar nichts vergleichen liesse. Es kommt darauf an, dass der Vergleich nicht verharmlosend ist.

Was passiert, wenn die Letzten sterben, die den Holocaust überlebt haben? Die in der Ausstellung porträtierten Zeitzeugen sind alle um die neunzig.
Ich denke, eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema ist weiterhin möglich. Die Auskünfte der Zeitzeugen sind ja reichlich für die Nachwelt dokumentiert. Was fehlen wird, ist die Unmittelbarkeit, die Begegnung mit den Überlebenden. Die geht einem näher als jedes Video.

Daniel Gerson, geboren 1963, ist Historiker und Lehrbeauftragter am Institut für Judaistik der Uni Bern. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die europäisch-jüdische Zeitgeschichte, das Judentum Frankreichs und der Schweiz, der moderne Antisemitismus sowie die Erinnerung an den Holocaust. (Der Bund)

Erstellt: 28.10.2017, 08:22 Uhr

Artikel zum Thema

«Sie verschwanden einfach»

Ivan Lefkovits ist einer der letzten Überlebenden des Holocausts. Ihm und dreizehn anderen, die in der Schweiz eine neue Heimat gefunden haben, ist eine Ausstellung im Berner Kornhausforum gewidmet. Mehr...

«Der Holocaust wird abstrakte Geschichte»

Der Historiker Aram Mattioli sagt, was es bedeutet, wenn die letzten Überlebenden der Nazi-Konzentrationslager sterben. Derweil porträtiert eine Ausstellung zwölf der letzten Zeugen der Shoa. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Bienenzüchter: Im spanischen Valencia protestieren Bienenzüchter für einen nachhaltigen und profitablen Sektor. Sie verlangen, dass die Etikettierung klar ist und beklagten den Preiszerfall. (11.Dezember 2018)
(Bild: Kai Foersterling/EPA) Mehr...