Nobelkomitee missbraucht

Skandal-Impresario Jean-Claude Arnault kommt vor Gericht.

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Kann ein einzelner Mann eine ehrwürdige Institution, die seit mehreren Hundert Jahren ihre Arbeit tut, zerstören? Jean-Claude Arnault hat es geschafft. Natürlich ungewollt. Denn von der Schwedischen Akademie, die alljährlich den Literaturnobelpreis vergibt, hat der französische Fotograf und Impresario jahrelang kräftig profitiert. Seine Ehefrau, die Lyrikerin Katharina Frostenson, war eines ihrer 18 Mitglieder. Sie war gleichzeitig Teilhaberin des Forum, eines privaten Kulturclubs, den Arnault 1989 gegründet hatte. Das Forum veranstaltete Kammermusikkonzerte und Literaturlesungen, es brachte Leute zusammen; wer in Schwedens Kulturszene etwas werden wollte, für den war das Forum ein wichtiger Ort. Eine Schleuse. Und der Schleusenwärter hiess Jean-Claude Arnault.

Der 71-Jährige nutzte seine eheliche Verbindung zur Schwedischen Akademie auf zweierlei Art – oder vielmehr Unart. Das Gremium, das neben dem Literaturnobelpreis auch Fördergelder in mehrfacher Millionenhöhe vergibt, bedachte auch das Forum, regelmässig und grosszügig. Katarina Frostenson finanzierte also mit öffentlichen Geldern den Club ihres Mannes.

Arnault wiederum missbrauchte seine Position, um Frauen zu bedrängen, zu nötigen, sexuell zu belästigen – und Schlimmeres: Die Staatsanwaltschaft Stockholm hat ihn jetzt der Vergewaltigung in zwei Fällen angeklagt. Die Beweislage sei solide, sagte die Staatsanwältin Christina Voigt. Zweimal, im Jahr 2011, soll Arnault dieselbe Frau vergewaltigt haben. Er bestreitet die Vorwürfe.

Der Ruf ist ruiniert

So hat er es immer gehalten, schon als im November vergangenen Jahres 18 Frauen in einer Zeitung schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben und damit die Krise der Akademie ausgelöst hatten. Denn es gibt, wie fast immer in #MeToo-Fällen, Täter und Opfer, aber daneben ein Milieu, das von den Taten weiss, sie duldet und verschweigt – oder gar dreist leugnet: So hat Horace Engdahl, lange ein starker Mann in der Akademie, seinen Freund Arnault hartnäckig verteidigt und gepriesen: ausgerechnet wegen seines Lebensstils!

Als hätten die Missbrauchsvorwürfe nicht gereicht: Eine von der Ständigen Sekretärin Sara Danius beauftragte Anwaltskanzlei brachte auch noch juristische Verfehlungen des Forum ans Licht, ausserdem soll Arnault in sieben Fällen den Nobelpreisträger vorzeitig verraten haben. In der Akademie brach offener Krieg zwischen Aufklärern und Arnault-Freunden aus, nach diversen Austritten ist sie nicht mehr beschlussfähig, der Nobelpreis ausgesetzt. Wie es mit der wichtigsten Auszeichnung der Literaturwelt weitergeht, ist unklar. Ebenso, wie man die völlig diskreditierte Akademie neu aufstellen kann.

Klar dagegen ist: Arnaults Ruf ist ruiniert, das Forum geschlossen, und sein Gründer wird demnächst vor dem Richter stehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 23:06 Uhr

Jean-Claude Arnault

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