Nichts wird gut

Die Fiktion ist gefühlsecht, und die Zuschauer sind Avatare: «Weg» der Berner Theatergruppe Club 111 ist ein Trip in die digitale Opiumhöhle, einfallsreich und hochaktuell.

Die digitalen Welten werden auf vier Leinwände projiziert, und die Schauspieler per Spezialkamera mittenhinein: Needer (Philippe Nauer) und Arti Fish (Saladin Dellers) in der Wüste.

Die digitalen Welten werden auf vier Leinwände projiziert, und die Schauspieler per Spezialkamera mittenhinein: Needer (Philippe Nauer) und Arti Fish (Saladin Dellers) in der Wüste.

(Bild: zvg)

Xymna Engel

«Ist irgendwo ein Fenster offen?» Needer 101 fröstelt. Dabei gibt es hier kein einziges Fenster. Needer 101 hat sich wieder einmal eingeloggt in die digitale Abenteuerwelt des Wonnewerks, einer Institution, die zum «ultimativen Ganzkörpertrip» lädt. Dafür hat Needer in der realen Welt Eintritt bezahlt, einen grauen Overall angezogen, sich auf einen schäbigen Stuhl gesetzt und eine rot genoppte Badekappe mit dem Hauptrechner verkabelt.

Und nun befindet er sich also hier, in dieser digitalen Opiumhöhle, die im Moment noch aus vaginalen Blütenbildern à la Georgia O’Keeffe besteht. Und friert. Zum Glück ist er nicht allein: Arti Fish, sein digitales Alter Ego, wickelt ihn in eine warme Decke und verspricht: «Alles wird gut.» Doch schon hier wird klar: Nichts wird gut. Denn der kalte Wind, er bläst durchs ganze Stück «Weg» der unbändigen Berner Theatergruppe Club 111.

Virtuelle Raserei

Weg mit dem Körper, her mit dem Gefühl: Das ist es doch, was wir auch im Theater suchen, dieser Illusionsmaschine, die nur dann anhält, wenn der Stuhl unbequem wird. Bei Needer ist es seine volle Blase, die ihn zwingt, vom Wonnewerk in die Realität zurückzukehren.

Wer kann schon unterscheiden zwischen dem richtigen und dem falschen Lebensfilm?

Kurz fragt er sich, ob er nicht Schluss machen soll mit der virtuellen Raserei. Doch er kann nicht anders: Schliesslich heisst er Needer und nicht User.

Der Club 111 um Regisseurin Meret Matter treibt das Spiel mit der virtuellen Realität auf die Spitze, indem sie die Fiktion gefühlsecht macht – und die Zuschauer zu Avataren. Das ist in der Umsetzung nicht nur einfallsreich, sondern auch hochaktuell in einer Zeit, in der bereits das digitale Theater erprobt wird, wo Hologramme Schauspieler und Bühnenbild ersetzen sollen.

In «Weg» stehen derweil noch ganz analoge Menschen auf der Bühne, wobei auch hier der Übergang fliessend ist: Die digitalen Welten werden auf vier Leinwände projiziert und die Schauspieler per Spezialkamera mitten hinein. Schlösser, Wüsten, Lounges, das Meer: Es ist eine wunderbare Plötzlichkeit, mit der hier zwischen den Illusionen gezappt wird. Da verzeiht man auch einige Längen. Eine Überreizung ist es sowieso, aber das sind wir uns ja auch von der echten Welt gewohnt.

«Wirf deine Drogen ins Klo»

«Ich halte dich fest» – «Ich glaube an dich»: Das sind Sätze, die jeder Mensch hören will. Needer hört sie von Sel Fi, seiner Geliebten, die aber auch nur seiner Fantasie entsprungen ist. Was ihn immer wieder zu ihr treibt? Die Enttäuschungen des Lebens, eine Kindheit, in der seine Eltern «nie bemerkt haben, wenn ich geweint habe». Der Schauspieler Philippe Nauer verkörpert auch hier wieder grandios den Durchschnittsmann, dem das Leben passiert (mit dem Club 111 verbindet ihn eine 20-jährige Zusammenarbeit). Wenn er schimpft, hadert und verzweifelt, hat das immer etwas zutiefst Menschliches.

Als beeindruckend unfassbar beweist sich Saladin Dellers als Arti Fish, wenn er Engel und Teufel zugleich spielt. Und wenn Johanna Kolberg als seine erste Liebe Sel Fi im glitzerroten Overall (Ausstattung: Renate Wünsch) vor Freude jauchzt, spürt man ihn wieder im Nacken: diesen kalten Windhauch. Denn im Wonnewerk («Vergiss Serien und Games! Wirf deine Drogen ins Klo! Kehr dem Bordell den Rücken! Bei uns kriegst du etwas Besseres») entstehen nicht nur Wonnemomente, sondern auch Horrorszenarien.

Theatrale Popcorn-Maschine

Wo die Dinge beginnen, aus dem Ruder zu laufen, ist schwer zu sagen. Und das ist eine der Stärken dieser theatralen Popcorn-Maschine. Was sicher auch mit dem Stücktext zu tun hat. Neben Meret Matter und Grazia Pergoletti vom Club 111 haben auch Ariane von Graffenried, Raphael Urweider und Gabriel Vetter daran geschrieben. Diese Arbeitsweise mausert sich seit dem letzten Stück «Remake 68» zum Erfolgskonzept von Club 111.

Schrecken, Humor und eine sprachlich raffinierte Sexszene: Es ist nicht nur der Regie zu verdanken, dass dieses Gemeinschaftswerk auf der Bühne ein homogenes Ganzes ergibt, sondern auch der Musik des Luzerner Duos Blind ­Butcher. Das Artifizielle trifft hier auf stoppeligen Rock, dem der Glamour abhandengekommen ist. Die beiden Cyberpunks springen übrigens auch als Schauspieler ein, was weniger ungelenk als sympathisch wirkt.

Die Illusion schlägt zurück

Diese Sucht nach Bedürfnisbefriedigung; der Wunsch, einen Augenblick für immer festhalten zu können: Das Motiv wird spätestens seit «Faust» in der Kulturgeschichte verhandelt. Und heute? Tinder, Videogames, VR-Brillen und Instagram: Ist nicht bereits unser Alltag Fiktion?

Wer kann schon unterscheiden zwischen dem richtigen und dem falschen Lebensfilm? Jedenfalls kann man sich wie im richtigen Leben auch im Wonnewerk auf nichts verlassen. So schreit Sel Fi Needer plötzlich an: «Ich bin viel zu jung für dich. Du hast jeden Bezug zur Realität verloren.» Und mit Arti Fish scheint sie sich auch gut zu verstehen – etwas zu gut. So treibt das Geschehen in «Weg» auf einen Schluss zu, der nicht unerwartet kommt, dafür Unbehagen hinterlässt: Es ist nicht die virtuelle Realität, vor der man sich fürchten muss. Es ist das ganz reale Ich.

Vorstellungen bis 23. März www.schlachthaus.ch

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