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Nicht identisch malen

Unaufdringlich und nicht an Rändern interessiert: Die Bilder von Heinz Mollet suchen Öffnungen.

Jede Gestalt ist verflüssigt: Heinz Mollets Werk «(scheinen) 26. März 2017».
Jede Gestalt ist verflüssigt: Heinz Mollets Werk «(scheinen) 26. März 2017».
zvg

Man müsste meinen, festzustellen, wo ein Bild anfängt und wo es aufhört, sei nicht besonders schwierig: dort Wand, hier Bild. Doch seit wie lange schon werden Gemälde gerahmt, in manchen Zeiten mit Holzgestellen, die grösser und schwerer schienen als die Bilder selbst? Das hat man sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts abgewöhnt, wohl weil man sich für kompetent genug hielt, Bild und Nicht-Bild voneinander zu unterscheiden. Auch Heinz Mollets Gemälde, zurzeit in den Galerien von Béatrice Brunner in Bern und Brüssel ausgestellt, haben keine Rahmen. Wo ihre Ränder sind, ist allerdings nicht immer ganz so klar.

Mollet arbeitet mit Acrylemulsion auf Baumwolle. In mehr als einer der mehrheitlich nach dem Datum ihrer Fertigstellung benannten Arbeiten scheint diese Baumwolle am Rand nicht nur durch, sie rahmt das Bild an mindestens einer Seite sogar. Nun ist in der abstrakten Malerei – und dazu gehören Mollets Werke – das Verhältnis zwischen Bildgrund und Form ohnehin immer ambivalent, bei Mollet aber ist der Grund eigentlich gar keiner mehr. Im Gegenteil, das Beige der Baumwolle legt sich wie ein Farbthema über die ganze Werkgruppe, und da, wo sie als eigener Bestandteil des Bildes aufscheint, grenzt sie das Gemalte sanft ein und öffnet es gleichzeitig nach aussen.

Dinge geschehen lassen

Das entspricht der Malweise des 1947 geborenen Berner Künstlers. Mollet geht technisch vor, nicht inhaltlich. Seine Malerei entwickelt sich aus der Malerei, aus der Handlung; man müsse Dinge geschehen lassen, die von sich aus geschähen, sagt er, von denen man nichts wisse, sonst könne ja gar nichts Neues entstehen. Etwas Neues, das kann auch heissen, alles zu übermalen, wie in dem aus einem erstaunlichen Farbverlauf bestehenden Bild «(scheinen) 26. März 2017». Hier verflüssigt Mollet jede Gestalt und erreicht dadurch eine erstaunliche Tiefe.

In den anderen Arbeiten suchen amorphe Formen, Linien, Raster oder zeichenartige Nicht-Zeichen scheinbar ihren Platz, wenn nicht sogar ihre Gestalt. Wer will, kann Gesichter darin finden, Früchte, Unterhemden, Wolken sowieso, nötig ist es nicht. Er fürchte, das Feste nütze sich ab, sagt Mollet, seine gestalterischen Grenzziehungen zeichnen sich durch Offenheit aus. Das gilt für seine Arbeit insgesamt. «Schön spröde» nennt er sie selbst, unaufdringlich wirkt sie. Er wolle sich nicht auf einen Stil festlegen, wie man das in der Moderne noch gemacht habe. Sich auf etwas zu berufen, das man dann das Eigene nenne, liege ihm nicht. Um Identität geht es also oder umgekehrt bei Mollet: um das Nicht-Identische.

Vielleicht waren die Rahmen, die hölzernen, ja einmal dazu da, um die Welt zu festigen, um Bilder Bilder sein zu lassen und den Rest den Rest. Um Identitäten zu bilden also, Ränder zu zeichnen, Grenzen zu ziehen, Abnützung vorzubereiten. Heinz Mollets Sache ist das nicht.

Heinz Mollet in der Galerie Béatrice Brunner. Bis 16. Dezember 2017.

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