Näher an C. G. Jungs Geheimnissen

Die Nachkommen des Tiefenpsychologen machen dessen prächtiges Wohnhaus in Küsnacht der Öffentlichkeit zugänglich. Ein Besuch gibt Einblicke in Jungs Arbeitsweise.

Von Religionswissenschaften bis UFO-Forschung: Die Bibliothek von C. G. Jung. Foto: Alex Troehler

Von Religionswissenschaften bis UFO-Forschung: Die Bibliothek von C. G. Jung. Foto: Alex Troehler

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Was für eine Zufahrt! Welch ein Garten! So grosszügig die Anlage am Zürichsee, so weitläufig ist das Wohnhaus, das die vermögende Emma Rauschenbach und Carl Gustav Jung 1908 bezogen und später mit ihren fünf Kindern bewohnten.

Durfte man bis anhin nur die Bibliothek besichtigen, so werden ab 3. April auch andere Räume öffentlich zugänglich. Im ersten Stock, wo sich die Arbeitszimmer von Jung befinden, bewegt man sich im breit gefächerten intellektuellen Kosmos des Psychologen: von griechischen und lateinischen Denkern im Original bis zu den zeitgenössischen Klassikern.

In dem im Parterre befindlichen Speise- und Gartenzimmer dreht sich alles um den Alltag und den Genuss. «Es geht hier mehr um den Bauch, weniger um den Kopf», sagt Cornelia Meyer, die Kuratorin des neuen Museums. Im Zentrum steht ein grosser ovaler Esstisch, an dem auch gespielt wurde. Hier fanden zudem die Interviews mit C. G. Jung statt.

Andreas Jung, einer der Enkel, hat als angehender Architekt, der später bei der Denkmalpflege der Stadt Zürich arbeitete, früh schon Fotografien in den Räumen des Hauses gemacht, sodass Möbel, die irgendwann mal verschoben wurden, an ihren ursprünglichen Platz gebracht werden konnten. «Ein paar Stücke haben wir von der weitverzweigten Familie zurückbekommen, um eine möglichst originale Rekonstruktion zu ermöglichen», sagt Andreas Jung, der selbst mit seiner Frau seit 1975 in dem Haus lebt und sich etwas zurückgezogen hat, um Platz zu schaffen für das neue Museum.

Protestantische Arbeitsethik

Geht man durch das stattliche Haus, meint man etwas zu spüren von der Arbeitsatmosphäre, die darin herrschte. Jung war ein äusserst produktiver Autor auf dem Gebiet der Tiefenpsychologie und galt bis zum legendären Zerwürfnis mit Freud als dessen Kronprinz. Der Mann mit der eisernen Disziplin und der Lust an der Grenzerfahrung kämpfte um einen internationalen Spitzenplatz in der psychoanalytischen Forschung. Im Unterschied zum rationalistischen Freud, dessen Theorie und Praxis dem Motto folgten: «Aus Es soll Ich werden», war Jungs Bestreben darauf gerichtet, auch die dunklen Seiten zu erdulden – es ging mehr um eine Integration der Schattenseiten als um eine Aufhebung dieser in einem wohlgeordneten, der Vernunft gehorchenden Ich.

Für Thomas Fischer, der die Stiftung Werke C. G. Jung präsidiert, finden sich in der Bibliothek, im «lieu de mémoire», zahlreiche Belege für dieses Bestreben, an die Ränder herkömmlichen Wissens zu gelangen – und darüber hinaus. Das, was Freud als Aberglauben bezeichnete, interessierte, ja faszinierte Jung: Alchemie und Gnosis, Kabbala und UFOs. In Anlehnung an eine Sentenz Jacob Burckhardts war für den Tiefenpsychologen auch Geistlichkeit eine Art Geistigkeit. «Er war auf der Suche nach verschollenem Wissen», erklärt Thomas Fischer. «Es sind Verwandlungsprozesse, die ihn ein Leben lang beschäftigten.»

Im Museum stösst man auf Schritt und Tritt auf die Spuren dieses wissbegierigen und neugierigen Forschers, der sich vor keiner Grenzüberschreitung fürchtete: Die bürgerliche Fassade gewährte ihm den Raum, um das drohende, lockende Schattenreich zu betreten, das auch zum Menschsein gehört – und aus dem sein Werk schöpfte: in politischer, sexueller und psychodynamischer Hinsicht.

Das Gegenüber im Blick

Andreas Jung zeigt auf die Voltaire-Büste im Wartezimmer des Psychologen: Der durchdringende Blick des französischen Philosophen sollte die Klientinnen und Klienten nicht so sehr einschüchtern, als vielmehr deren dunkle Seiten bewusst machen. Im Unterschied zum klassisch- psychoanalytischen Setting therapierte Jung stets mit Blickkontakt zum Kunden. Wenn es das Wetter erlaubte, so verlegte der Naturliebhaber und passionierte Segler seine Sitzungen in den Garten mit Seesicht.

Während Jung im deutschsprachigen Raum nicht mehr so nachgefragt wird wie früher, kann dies von den USA nicht gesagt werden. «Vermehrt Interesse an den Arbeiten meines Grossvaters zeigen Russland und die Türkei, wie überhaupt der asiatische Raum», sagt Andreas Jung. Mit der Eröffnung des C.-G.-Jung-Museums, in dem Cornelia Meyer auch einen hübschen Raum mit einer kleinen Hutausstellung bespielt, dürfte die Nachfrage im In- und nahen Ausland wieder wachsen. Das Bild des Menschen mit all seinen dunklen Seiten, das der Tiefenpsychologe zeichnete, ist nach wie vor aktuell. Mehr Aufklärung und Reflexion können da nicht schaden.

Das Museum Haus C. G. Jung an der Seestrasse 228 in Küsnacht kann nur auf Anmeldung und im Rahmen einer Führung besucht werden.
Informationen: www.cgjunghaus.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2018, 10:27 Uhr

Die bürgerliche Fassade gewährte Jung den Raum, um das Schattenreich zu betreten, das auch zum Menschsein gehört. Foto: Museum Haus C. G. Jung

Wenn es das Wetter erlaubte, so verlegte der Naturliebhaber und passionierte Segler seine Sitzungen in den Garten mit Seesicht. Foto: Alex Troehler

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