Muskeln und Synapsen

An den Langnau Jazz Nights treten am Laufmeter überragende Schlagzeuger auf – allen voran Billy Hart, in dessen Quartett Joshua Redman hospitiert.

Billy Hart ist einer der unberechenbarsten Schlagzeuger weit und breit.

Billy Hart ist einer der unberechenbarsten Schlagzeuger weit und breit.

(Bild: John Rogers)

Ohrenstöpsel rein. Ohrenstöpsel raus. Und wieder rein. Und wieder raus. Rein, raus, rein, raus … Der Pianist Marc Copland war wahrlich zu bedauern, als er vor einigen Jahren mit Billy Hart im Gewölbekellerclub La Spirale in Freiburg auftrat. Hierzu muss man wissen, dass Hart zu den unberechenbarsten Schlagzeugern weit und breit gehört: Sein Spiel steckt nicht nur in dynamischer Hinsicht voller Überraschungen.

Seit gut einem Jahrzehnt leitet der 1940 in Washington geborene Hart ein formidables Quartett, zu dem mit Mark Turner (Tenorsax), Ethan Iverson (Piano) und Ben Street (Bass) drei gleichermassen progressive und traditionsbewusste Ausnahmemusiker gehören, die zwischen 1965 und 1973 auf die Welt kamen. Das eher unspektakuläre Debütalbum der Gruppe erschien 2006 auf dem kleinen US-Label High Note.

Cool und widerborstig

Es folgten mit «All Our Reasons» (2012) und «One Is the Other» (2014) zwei zwischen Eleganz und Rasanz oszilliernde Einspielungen für das international renommierte Münchner Label ECM: Sie zählen zum Tiefschürfendsten, was der Jazz im 21. Jahrhundert hervorgebracht hat. Das Repertoire besteht fast ausschliesslich aus Stücken aller Bandmitglieder ausser Street – dazu kommt auf «One Is the Other» eine verzückend zerbrechliche Version des Standards «Some Enchanted Evening».

Was Harts Gruppe auszeichnet, ist eine beeindruckende Balance aus emotionaler Dringlichkeit und intellektueller Ambivalenz – nicht alles wird ausgespielt, manches wird nur angedeutet. Einen grossen Teil ihrer Spannung erhält die Musik durch das Verhältnis zwischen Turners abstrakter Coolness und Iversons ironischer Widerborstigkeit. Street hält die Fäden auf ungemein agile Weise zusammen. Und Hart? Er prägt die Musik nicht nur durch seine rhythmische Durchtriebenheit, sondern auch durch allerlei klangliche und dynamische Nuancen. Muskelreflexe und Synapsenaktivität halten sich bei Hart die Waage.

Auf der sommerlichen Europa-Tournee wird Turner durch Joshua Redman ersetzt: Ein Wechsel, der sich insofern auf das Gleichgewicht innerhalb der Band auswirken dürfte, als dass Redman zuweilen nicht vor populistischen Spektakeleinlagen zurückschreckt. Dies dürfte sich auch in einem Plus an Swing-Geradlinigkeit niederschlagen. Mit Street ist Hart übrigens auch auf dem hinreissenden Trio-Album «Find the Way» zu hören, das der Pianist Aaron Parks letztes Jahr auf ECM veröffentlicht hat.

Briefträger und Mentor

Mit seinen 77 Jahren kann Hart auf eine lange und ereignisreiche Karriere zurückblicken. Sein erster wichtiger Mentor in Washington war der vor zwei Jahren verstorbene Tenorsaxofonist Buck Hill, der hauptamtlich als Briefträger tätig war. Dank der Initiative Harts konnte Hill Ende der 1970er-Jahre für das dänische Label Steeplechase mehrere Alben aufnehmen. Auf «This Is Buck Hill» und «Scope» geht dank einer Eins-a-Rhythmusgruppe, zu der neben Hart der Bassist Buster Williams und der Pianist Kenny Barron zählen, richtig die Post ab.

Mit Buster Williams, der im letzten Jahr in Langnau zu Gast war, bildete Hart ab 1969 ein magisches Zweigespann im afro-futuristischen Mwandishi-Sextett des Keyboarders Herbie Hancock. In dieser bahnbrechenden Band trugen alle Musiker Swahili-Namen – darum taucht im Zusammenhang mit Bill Hart immer mal wieder der Name Jabali (stark wie ein Stein) auf. Nach Engagements bei McCoy Tyner und Stan Getz landete Hart im enorm langlebigen Quartett Quest, das durch den Saxofonisten Dave Liebman, den Pianisten Richie Beirach und den Bassisten Ron McClure vervollständigt wurde.

Diese Gruppe kombinierte die Ekstatik John Coltranes mit einer stark erweiterten Harmonik. Bedenkt man, dass Hart auch als Begleiter der Slow-Motion-Sängerin Shirley Horn tätig war, wird klar, dass wir es hier mit einem enorm vielseitigen Schlagzeuger zu tun haben. Hart ist allerdings kein Chamäleon, sondern ein Charismatiker, dem es gelingt, in ganz unterschiedlichen musikalischen Kontexten ein Höchstmass an Individualität zu bewahren.

Der Bund

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