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Mumien-Gewänder in Riggisberg

Das Nationalmuseum Beirut im Libanon hat der Berner Abegg-Stiftung archäologische Textilien aus dem 13. Jahrhundert zur Restaurierung anvertraut.

Grosser Moment: Die kostbare Fracht wird aus der Transportkiste geholt.
Grosser Moment: Die kostbare Fracht wird aus der Transportkiste geholt.
Franziska Rothenbühler
Gespannt, was sie erwartet: Die beiden Texitlrestauratorinnen Hélène Dubuis (links) und Bettina Niekamp (rechts) nehmen die in Seidenpapier verpackten Mumien-Gewänder aus der gepolsterten Box.
Gespannt, was sie erwartet: Die beiden Texitlrestauratorinnen Hélène Dubuis (links) und Bettina Niekamp (rechts) nehmen die in Seidenpapier verpackten Mumien-Gewänder aus der gepolsterten Box.
Franziska Rothenbühler
Eines von 44 gut erhaltenen Kleidungsstücken aus der Höhle von Assi el-Hadath im Qadisha-Tal, etwa 100 km von Beirut entfernt, das in den kommenden vier Jahren in Riggisberg restauriert werden soll.
Eines von 44 gut erhaltenen Kleidungsstücken aus der Höhle von Assi el-Hadath im Qadisha-Tal, etwa 100 km von Beirut entfernt, das in den kommenden vier Jahren in Riggisberg restauriert werden soll.
Franziska Rothenbühler
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Zehn Personen haben sich versammelt, um beim grossen Moment dabei zu sein. Gewalteinwirkung könne man ausschliessen, sagt Frau Dr. Anne-Marie Afeiche, während sie das Siegel an der mannshohen Holzkiste knackt. «Die drei Frauen und fünf Säuglinge starben eines natürlichen Todes. Die Körper waren...» Was die Direktorin des libanesischen Nationalmuseums Beirut weiter sagt, geht unter im Lärm. Der elektrische Dreher frisst sich ins Holz. Eine Schraube nach der andern wird herausgezogen. Dann endlich ist es so weit: Der Deckel kann abgehoben werden.

Der Ursprung der kostbaren Fracht, die da im Keller der Abegg-Stiftung geöffnet wird, liegt im Libanon. In einer schwer zugänglichen Grotte im Kadisha-Tal wurde 1991 eine vier Monate alte Säuglingsmumie entdeckt. Der Kopf des Kindes, das die Forscher in der Folge Yasmine nannten, ruhte auf einem glatten Stein rund sechzig Zentimeter unter der Erde. Das Kind hatte Haarsträhnen zwischen den Zehen.

Einer lokalen Tradition zufolge reisst sich eine Mutter, deren Kind stirbt, die Haare aus. Die Gesichtszüge des völlig bekleideten Kinderleichnams waren gut erhalten. Die kühlen Temperaturen und die Trockenheit in der Höhle hatten den Körper vor dem Verfall bewahrt. Yasmine war nicht allein. Die Archäologen entdeckten sieben weitere gut erhaltene Mumien in der Höhle, die den Frauen und Kindern offenbar als Zuflucht gedient hatte.

Kreuzritter-Münzen

Was für ein Fund! Da gab es bestickte Textilien, Alltagsgegenstände, mundgeblasene Glasperlen, Keramik, Schriftfragmente und Münzen aus der Kreuzritterzeit. So wurde die sichere Datierung möglich: Die drei Frauen und fünf Säuglinge, die als maronitische Dorfbewohner identifiziert werden konnten, starben um 1283. «Funde aus dem Mittelalter sind selten», sagt die Direktorin des Nationalmuseums Beirut, die für die Übergabe der kostbaren Fracht extra nach Riggisberg gereist ist.

Doch warum hat es lange 27 Jahre gedauert, bis der Fund endlich restauriert werden kann? Die Entdeckung sei in die Zeit des libanesischen Bürgerkriegs gefallen, sagt Afeiche. Das Interesse der Öffentlichkeit sei erst nach dem Krieg gewachsen, als ein erstes Buch über die Entdeckung der maronitischen Mumien veröffentlicht worden sei. Auch die Vorarbeiten hätten zu der Verzögerung geführt. «Die Recherchen und die Sicherstellung der Finanzen sind aufwendig.» Ausserdem hätten in der Abegg-Stiftung die Kapazitäten bereitstehen müssen. Wenn man die Qualität der Restaurierung nicht garantieren könne, sei es besser, Dinge im Verborgenen zu lassen, um sie zu schützen, ist Abeiche überzeugt.

Zerfetzt, gelblich, fleckig

Der Holzdeckel ist entfernt worden, die grauen Schaumstoffeinlagen ebenfalls. Die Textilrestauratorinnen Hélène Dubuis und Bettina Niekamp von der Abegg-Stiftung heben ein erstes weisses Paket auf den Tisch und rollen das Seidenpapier aus. Da liegt es: das Fragment eines Kinderkleides. Ein gelblicher Baumwollstoff, in dem einst der Körper der Mumie lag.

Nichts Besonderes auf den ersten Blick. Die Textilie ist zerfetzt, fleckig, geflickt. Auf der Brustpartie fällt ein Band aus geometrischen Stickereien auf, indigoblaue, dunkelbraune, krapprote Muster. Naturfarben, wie man sie aus Pflanzen im Mittelmeerraum gewinnt. Auch an den Ärmeln sind Stickereien, die Motive aber anders und feiner.

Antworten gibt es in vier Jahren

Restauratorin Hélène Dubuis vermutet, dass das Kleid aus recycelten Stoffen genäht wurde. Wozu wohl die längliche Öffnung auf der Unterseite des Ärmels diente? Und was werden die Tücher verraten, in welche die Mumien eingewickelt waren? Je länger man hinsieht, desto mehr Fragen tauchen auf. Auch solche methodischer Art: Wie soll man da Hand anlegen, ohne etwas zu zerstören oder in seiner Aussagekraft zu manipulieren? Sie freue sich darauf, viele Fragen beantworten zu können, sagt Regula Schorta, Direktorin der Abegg-Stiftung. Etwa in vier Jahren wird es so weit sein. So lange wird die Arbeit an den 44 Kleidungsstücken und 171 Textilfragmenten aus dem Libanon in Anspruch nehmen.

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