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Mitarbeiterin des Monats

Man muss die Kultur nicht zwingen, sich nützlich zu machen. Das macht sie freiwillig. Und riskiert damit ihre Autonomie.

Kunst will der Gesellschaft gerne etwas nützen. Zwei Bilder von Augusto Giacometti in der Ausstellung des Kunstvereins Trubschachen.
Kunst will der Gesellschaft gerne etwas nützen. Zwei Bilder von Augusto Giacometti in der Ausstellung des Kunstvereins Trubschachen.
Valérie Chételat (Archiv)

Dass sie der Gesellschaft etwas nützen soll, die Kultur – dagegen hat keiner etwas. Das Publikum nicht. Die Politik nicht. Und auch die Kultur selbst nicht. Fragt sich höchstens, was an diesem Nutzen real ist. Und was nur Liebe, Glaube, Hoffnung. Oder Reklame.

Also: Bringt das Kulturschaffen das lokale Gewerbe voran? Dient es der sozialen Integration? Unterstützt es die Bildung? Trägt es zur Lebensqualität bei? Fördert es die Gesundheit? Und verringert es die Kriminalität? Das sind die Erwartungen, und sie haben vor allem in Grossbritannien eine ganze Flut sogenannter Wirksamkeitsstudien hervorgebracht. Das berichtet Eleonora Belfiore, Dozentin für Kulturpolitik an der University of Warwick. Sie meint Studien, «die behaupten, messen zu können, inwieweit die subventionierte Kultur zur Umsetzung staatlicher Wirtschafts- und Sozialpolitik beiträgt».

So sagte es Belfiore 2010 an einer Tagung in Luzern. Ihr Urteil war klar: Es gebe nach wie vor «keine ausreichende Evidenzbasis», um etwas Schlüssiges darüber zu sagen, was die Kunst bei ihrem Publikum auslöse und welche Veränderungen sie bewirke. Und das allen Mühen zum Trotz. «Mittlerweile scheint mehr Energie in die Suche nach der perfekten Methode zur Wirkungsbestimmung investiert zu werden als in das Bemühen zu verstehen, was mit den ‹Auswirkungen von Kunst und Kultur› eigentlich gemeint ist.»

Ein riskanter Erfolg

Dabei meinen es die Briten erst noch ein bisschen ernster als alle anderen mit dem Vorhaben, Kultur als Breitbandtherapeutikum gegen alle möglichen gesellschaftlichen Sorgen zu verstehen. Belfiore nennt es die «instrumentalistische Prägung der Kulturagenda»; verantwortlich dafür sei die New-Labour-Regierung gewesen. Eine erfolgreiche Strategie – aber nur scheinbar.

So habe sie den Kulturschaffenden zusätzliche Kassen geöffnet; etwa jene der Bildung oder der Gesundheitsförderung. Zugleich sei die ganze «Anbindung an ökonomische und soziale Agenden» riskant. Weil es eben nicht nachzuweisen ist, dass die Kultur überhaupt etwas zum Erreichen solcher Ziele beiträgt. Insofern ist es eigentlich ein Wunder, dass es auf der Insel noch staatliche Kulturförderung gibt.

Der britische Fall zeigt zweierlei. Zum einen ist es längst nicht nur der Markt, der die Kultur kolonisiert; zur Logik des Gelds kommen gesellschaftspolitische Programme.

Zum anderen braucht man den Kulturbetrieb keineswegs zu dieser «Anbindung» zu nötigen: Vielmehr entspricht sie seiner «Bereitschaft» (Belfiore). Und offenbar auch seinem Selbstverständnis: Die Kultur will sich nützlich machen.

Das ist etwas Neues. Einen «Epochenwandel» nennt es Hanno Rauterberg, Kunstkritiker der «Zeit» – und findet ihn bedenklich. Er hat ein Buch darüber geschrieben, wie sich ein exemplarischer Sektor des Kulturschaffens aus einer Position verabschiedet hat, die einmal eine der «grössten Errungenschaften der Moderne» war: Heute will die bildende Kunst nichts mehr wissen von ihrer Autonomie. Und zwar von jener Autonomie, die sie sich vor zweihundert Jahren erkämpfte, nachdem sie bis dahin Auftragnehmerin gewesen war, domestiziert von den Gesetzen und Massstäben staatlicher und kirchlicher Mächte; «von den Zwängen des Geldes, den Pflichten des handwerklichen Könnens, den Erwartungen des Publikums». Die Avantgarden sagten sich zuerst davon los; bald verstand sich die ganze Kunst als Gegenwelt zur Gesellschaft. Das hat ihr ihren Rang verschafft, ihre Einzigartigkeit und Glaubwürdigkeit.

Und heute? Heute sieht man Erstligakünstler wie Olafur Eliasson, die massgeschneiderte Bestellkunst verfertigen und damit einen Palazzo verzieren, wenn ein Massenmilliardär wie François Pinault sie dafür bezahlt. Man sieht aber auch jene «Kunstaktivisten», die Kleinbauern beim Herstellen von Limonade unterstützen, um das Monopol der Getränkeindustrie zu brechen. Andere helfen Stadtentwicklern beim Stadtentwickeln oder Immobilienverwertern beim Immobilienverwerten, indem sie die Elektrokästen eines Bahnhofsquartiers in Kunstwerke verwandeln oder ein braches Hochhaus am Stadtrand in einen Kunstort.

Sie wollen dazugehören

Doch ob die Künstler ans Geld glauben oder ans Gute – Rauterberg sieht überall die gleiche neue Ära der «Post-Autonomie». «Die Kunst durchlebt eine Phase der Normalisierung. Sie suspendiert ihre Freiheit.» Statt dessen: dieses «Verlangen nach Zugehörigkeit und Kollaboration». Auf dem Spiel steht damit gerade das, was die Kunst so wertvoll gemacht, ja ausgemacht hat, bisher jedenfalls: nämlich die Möglichkeit, «der Gesellschaft ein Gegenüber» zu sein. Von diesem Kapital zehrt sie zwar noch. Aber ewig wird es nicht reichen. Auch das ist ein Risiko ihrer neuen Mission.

Und wenn die Kunst nicht mehr Gegenüber ist? Dann wird sie Mitarbeiterin. Man schätzt sie dafür, auch in der Wirtschaft. «In der Auseinandersetzung mit Kunst entwickeln wir das Wissen, das uns befähigt, Antworten auf die Fragen der Zukunft zu finden. Wir lernen zum Beispiel einen konstruktiven Umgang mit Unsicherheit und Mehrdeutigkeit.» So hat es dem «Bund» neulich Dorothea Strauss erklärt, die früher die St. Galler Kunsthalle und das Haus Konstruktiv in Zürich geleitet hat. Heute ist es die Abteilung für unternehmerisches und gesellschaftliches Engagement bei der Mobiliar-Versicherung; dazu gehört auch die hauseigene Kunstsammlung, und wenn die Angestellten im Berner Hauptsitz auf ihrem Weg in die Kantine an der Ausstellung vorbeikommen, dann weiss Strauss, was «ihnen die Kunst zuruft»: «Mach mit, stell Fragen, lass dich herausfordern und spiegeln!»

Museen werden Agenturen

Vielleicht ruft die Kunst ja etwas anderes, wenn sie im Museum hängt. Aber das ist nicht mehr so sicher. Auch in den Museen findet ein Funktionswandel statt, und auch er hat zu tun mit dem wachsenden Glauben an den gesellschaftlichen Nutzwert der Kultur: Aus Tempeln der Kunst würden «Kreativitätsagenturen», so der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich. Sie haben einen «sozialpolitischen Auftrag», und der unterscheidet sich nicht vom Innovations- und Aktivierungsprogramm, dem die Kunst in Firmen dient: Auch im Museum soll sie Kreativität freisetzen – im Sinne einer öffentlichen Ressource, die allen zusteht. Das heisst, «dass die Besucher nicht mehr nur kommen, weil sie Meisterwerke bewundern, sondern weil sie sich selbst als kreativ erleben wollen», erklärt Ullrich. Daher der anhaltende Boom der Kunstvermittlung, der machtvolle Drang zur «Teilhabe»: um den Leuten die Kultur so näher zu bringen, dass sie schöpferisch regsam werden.

Das muss nicht heissen, dass nun alle Museumsbesucher Künstler werden wollen. «Kreativität bedeutet auch», so Wolfgang Ullrich, «in einer Wettbewerbs- und Leistungsgesellschaft die Chance auf Erfolg zu haben, da man schneller, origineller, überraschender als andere agiert.» Spätestens hier zeigt sich, wie tief ins «System» die Kultur verstrickt ist: als Komplizin von herrschenden Normen, mit denen sie früher nichts zu tun haben wollte.

Zugleich wird damit klar, wieso es auf die Wirksamkeitsforschung gar nicht ankommt. Weil es um den Glauben geht. Um einen Glauben, den die Kultur mit dem Rest der Welt teilt.

Hanno Rauterberg: Die Kunst und das gute Leben. Über die Ethik der Ästhetik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2015.

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