Mit Kafka im Bunker

Der Mundart-Debütroman des Berners Michael Nejedly wartet mit komischen und ernsten Szenen aus dem WK-Leben auf.

Der Berner Michael Nejedly berichtet aus dem komischen Alltag im Militär.

Der Berner Michael Nejedly berichtet aus dem komischen Alltag im Militär.

(Bild: zvg)

Erstmals rückt Benjamin Novotny in den WK ein – er ist also ein «Hamburger», wie ihn Kamerad DuPont aufklärt. Klartext: Der junge Mann muss die «Hamburgertaufe» über sich ergehen lassen, das heisst: eine exzessive Sauferei mit entsprechenden Folgen. Ihm graust davor. Auch der Bunker bleibt ihm nicht erspart – und vielleicht auch nicht der gefürchtete Bunkerkoller. Ob da Thomas Bernhards «Alte Meister» und Franz Kafkas «Das Schloss» eine therapeutische Wirkung erzielen? Beide Bücher hat er in den Tornister gepackt, aber eine konzentrierte Lektüre wird unmöglich sein, denn das erdrückende Schlafmanko, der Dienst als Sanitäter sowie unerwartete Befehle, sinnarme Aktionen und Zwischenfälle vereiteln jede Konzentration.

Michael Nejedly, 1991 in Bern geboren und gegenwärtig in der Ausbildung zum Sekundarlehrer, zeichnet ein lebendiges Bild des Militärlebens mit all seinen Begleiterscheinungen wie lähmender Langeweile, Blödeleien, Streitigkeiten, Besäufnissen. Und dies alles in einer saftigen Berner Mundart mit ihrer reichen Klaviatur an Ausdrücken. Nur selten schleichen sich Wendungen ein, die aus hochdeutschen Formulierungen stammen und im Dialekt nichts zu suchen haben.

Nicht auf den Mund gefallen

Zudem glänzt der Autor, der auch als Schauspieler und Regisseur tätig ist, mit gepfefferten Dialogen, bei denen die Partner einander nichts schuldig bleiben. Ohnehin zeichnen sich in der Gruppe der WK-Soldaten bald einmal Fronten ab: hier die Rebellen, dort die Anpasser und schliesslich noch die Gleichgültigen. Soldat Novotny ist nicht auf den Mund gefallen und schaltet sich gern in den hitzigen Debatten ein, provoziert öfters, versucht aber auch wieder zu schlichten.

Gerade das zwischenmenschliche Verhalten wird in Nejedlys Mundartroman klug durchleuchtet, und man erfährt, dass die durch die gemeinsamen Erfahrungen gekräftigte Kameradschaft auch rasch wieder schwinden kann, wenn das Ende des WKs angebrochen ist und man am Bahnhof auseinandergeht. Das Buch «Es het nid ufghört Tag z si» steckt voller Ironie und Komik – so sehr, dass man manchmal aus dem Schmunzeln kaum mehr hinausgerät. Natürlich gehören dazu auch Überzeichnungen, etwa wenn die hohen Offiziere samt und sonders dickbäuchig daherkommen. Aber dazwischen schieben sich anrührende Szenen ein, welche den Ausgleich herstellen und für Nuancen sorgen.

Das schlaue Bébé Hermes

Ein Kabinettstück – eines unter mehreren – liefert der Autor mit der Sanitätsübung in Anwesenheit ranghöchster Militärs. Die beteiligten Soldaten, die man zuvor ermahnt hat, die Vorführung müsse einfach gut aussehen, steigern sich derart in ihre Rollen hinein, dass sich kaum mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden lässt. Ganz anders gestaltet sich die Szene nach einem bösen Zwist, als Novotny abends den Kameraden aus Gustav Schwabs «Sagen des klassischen Altertums» vorliest und bei den Zuhörern die Geschichte vom schlauen Bébé Hermes auf grossen Anklang stösst, hat dieses doch selbst Apollon betrickst. Auf jeden Fall kehrt nach dieser «Gutenachtgeschichte» wieder Frieden im Bunker ein.

Die Porträts der Kameraden, darunter auch eine Frau namens Jasmin, fallen unterschiedlich aus, sodass die jungen Leute Gestalt und Charakter gewinnen. Eine «Ratte» bleibt Soldat DuPont mit seinen haarsträubenden Vorurteilen (u. a. gegenüber Homosexuellen). Aber sein Verhalten erklärt der Autor später mit dem Erwartungsdruck, der von seinen Eltern und seiner Freundin mit ihren militärischen Ambitionen ausgeübt wird, sodass DuPont wie ein Zelot die Regeln herumposaunt. Doch die von ihm so eifrig verfochtene «Hamburgertaufe» wird auf höheren Befehl hin nicht stattfinden. Novotny freuts.

Michael Nejedly: Es het nid ufghört Tag z si. Roman. Zytglogge-Verlag, Basel 2019. 144 S., 26 Fr. Buchvernissage: 2. Mai, 20.30 Uhr, Café Kairo Bern

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