Mister Smith und seine Töchter

Das Kunstmuseum Liechtenstein lädt zur Familienparty: Kiki, Seton und Tony Smith sind bluts- und manchmal wahlverwandt.

Bronzeskulpturen und Gemälde von Kiki, dem Star der Familie Smith.

Bronzeskulpturen und Gemälde von Kiki, dem Star der Familie Smith.

(Bild: Kunstmuseum Liechtenstein)

Architekten sind oft Künstler, aber nicht jeder Künstler ist auch Architekt. Der amerikanische Avantgardist Tony Smith (1912–1980) übte sich in beidem – erst in der Malerei, später arbeitete er als Architekt, und ab seinem 50. Lebensjahr gab er sich nur noch der Bildhauerei hin. Im Nachhinein und mit Blick auf die amerikanischen Vertreter der Minimal Art, etwa Sol LeWitt oder Donald Judd, lässt sich sagen: Smith leistete Pionierarbeit, als er 1962 den ersten autonomen Würfel der Kunstgeschichte schuf und damit sozusagen die dreidimensionale Antwort auf Malewitschs berühmtes schwarzes Quadrat gab.

Das Kunstmuseum Liechtenstein erinnert nun mit einer von der Kunsthalle Bielefeld übernommenen Retrospektive an den Amerikaner und stellt seine Werke jenen der Töchter Kiki (geboren 1954) und Seton (1955) gegenüber.

Der Sarg des Vaters

Der Auftakt zur Ausstellung in Vaduz fällt ganz im Sinne der Minimalisten nüchtern aus. Drei Namen prangen beim langen Treppenaufgang übereinander. Zuoberst Kiki Smith, das prominente Aushängeschild der Familie. Die Künstlerin thematisierte einst mit abgefülltem Sperma oder mit Frauenfiguren, die Kot und Blutspuren hinter sich herschleppten, den Zerfall des menschlichen Körpers. Ihre Kunst, die nicht zuletzt unter dem Eindruck des frühen Todes der an Aids erkrankten Schwester Beatrice entstand, war ein Schocker und gleichzeitig der Anfang einer grossen Karriere. Auf der Familienliste folgt der Name der als Fotografin tätigen Schwester Seton, dann jener des Vaters, der entgegen der Reihenfolge und den erweckten Erwartungen den Hauptpart des familiären Showdowns bestreitet.

Wie ein erratischer Block steht der aus geöltem Stahl gebaute Kubus «Die» im ersten Saal. 6 × 6 × 6 amerikanische Fuss misst der Kubus. Er verkörpert das perfekte menschliche Mass, mit dem sich Tony Smith einst auf Le Corbusier, aber auch auf die berühmte Vitruvianische Skizze von Leonardo da Vinci berief. «Eine Six-Feet-Kiste, ein Sarg. Ich habe einfach zum Telefonhörer gegriffen und die Kiste bestellt», erzählte Smith in einem Interview aus den 60erJahren. Der Würfel als Metapher für das Spiel zwischen Leben und Tod.

Dass Smith später immer raffiniertere Objekte aus Prismen oder hexagonalen Körpern modulartig zusammenbaute, lässt sich aus seiner Architektur ableiten. Skizzen und Modelle veranschaulichen, wie der New Yorker als Mitarbeiter von Übervater Frank Lloyd Wright den Weg von der Architektur zur Kunst vollzog. Ein besonders aussagekräftiges Exemplar ist das Modell einer aus Wabenzellen gebauten Kirche, zu der Smiths engster Malerfreund Jackson Pollock die Gemälde hätte beisteuern sollen. Zur Ausführung gelangte das einzigartige Projekt nie. Entwürfe, darunter derjenige seines ebenfalls nicht realisierten Johnson Wax Museum, verkörpern amerikanische Bauhausarchitektur vom Feinsten. Eine Reihe unzähliger Pappmodelle, zusammengefügt aus Tetraedern, Prismen und weiteren geometrischen Körpern, zeigt, wie Smith aus dem modulartigen Aufbau heraus seine Kunstobjekte entwickelte. «Wandering Rocks», eine Gruppe von schief ausgerichteten Stahlkuben, steht im letzten Saal der Ausstellung und ergibt mit den wunderbaren fotografischen Landschafts- und Architekturaufnahmen von Tochter Seton ein harmonisches Ganzes. Blutsverwandtschaft wird Wahlverwandtschaft.

Kiki tritt in den Hintergrund

Wahlverwandtes tritt hingegen bei Kiki Smith kaum zutage. Zu weit entfernt von Architektur und Minimal Art bewegen sich ihre Referenzen. Frauengestalten, die aus dem Leib einer Wölfin steigen, und ein silbergraues, kahl geschorenes Zwitterwesen, das seine rechte Hand madonnengleich erhebt, erinnern an die Ikonografie von Märchen und christlicher Religion. Adler auf Glas schwingen sich in die Höhe, und Tapisserien mit schwebenden Frauen vermitteln das Gefühl von Befreiung und Autonomie. Kiki Smith erzählt in ihren Werken kaum noch von Leid und Zerfall. Ihre neusten Arbeiten wirken dadurch aber auch etwas unverbindlich. Gerne hätte man frühere Werke der grossartigen Künstlerin gesehen, gerade auch aus der Zeit, als sie sich vom Vater lossagte. Ohne die Leistungen der beiden anderen Smiths schmälern zu wollen, bedauert man, dass der Topstar hier zugunsten der Familie in den Hintergrund tritt.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt