Menschen, die nicht flüstern können

«Wahrheit»-Kolumnist Ane Hebeisen möchte Ihnen gerne erzählen wie es ihm geht. Nur, wer will das schon wissen?

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Ane Hebeisen

Eigentlich dachte ich, das Erröten sei ein längst ausgestorbenes Phänomen – so ein Achtzigerjahre-Ding wie Radball-Turniere oder das Seitenstechen. Doch ich lag falsch. Kürzlich bin ich nämlich selber ein ganz klein wenig errötet, jedenfalls ist da so eine ungute Wärme in mein Gesicht gestiegen, im Verbund mit einer ebenso unguten Scham.

Folgendes hatte sich zugetragen: Ich schaute zufrieden dem sportiven Treiben eines Tennismatchs zu, als auf einmal ein Kollege meiner ansichtig wurde und beschloss, sich mir über drei Tribünenreihen hinweg anzunähern. Dies war ihm möglich, da es sich um ein an diesem Tag nicht sonderlich gut besuchtes Turnier handelte. Jedoch fühlte sich einer der beiden Tennisspieler unten auf dem Platz von dieser Aktion in seinem Tagwerk gestört, weshalb er seinen Aufschlag abbrach und unamüsiert in unsere Richtung äugte. Ich begrüsste den Kollegen wortlos, aber mit wohlwollenden Gesten und wandte mich wieder dem Spiel zu, doch mein Nachbar ging nun dazu über, mir Fragen zu meinem Befinden zu stellen, und offenbarte dabei einen misslichen Verhaltensdefekt: Der Mann konnte nicht flüstern. Er versuchte es zwar, doch seine Stimme wollte ganz einfach nicht in ein Hauchen übergehen.

Ich bin mir nicht sicher, ob es ein genetisches oder ein soziokulturelles Phänomen ist, aber das Nichtflüsternkönnen ist vor allem bei Männern verbreitet. Bei brasilianischen Männern ganz besonders, und ich nehme mal an, dass auch russische oder tschetschenische Männer unter diesem Manko leiden, ohne dass ich mich je mit russischen oder tschetschenischen Männern in Situationen befunden hätte, in denen Flüstern angebracht gewesen wäre – wie etwa Impro-Konzerte unter Beteiligung von Gefühlsperkussionisten oder eben schlecht besuchte Tennisturniere. Ganz anders geht es ja an Tennismatchs her, denen irgendein Ländervergleich zugrunde liegt. Da dürfen die Zuschauer problemlos ausflippen, ohne dass die Spieler böse in die Ränge lugen, da werden sogar Rasseln und überdimensionierte Klatschhände ans Publikum ausgehändigt, damit sie auch ja für Rambazamba sorgen.

Aber an diesem Nachmittag wollte man es still haben. Und weil mein Kollege nicht leise sprechen konnte, zeigte einer der Spieler entnervt in unsere Richtung, schüttelte den Kopf und wies den Schiedsrichter an, uns über die Platzlautsprecher öffentlich zu rügen, was dieser dann auch tat, und weil der Match live im TV übertragen wurde, ist zu befürchten, dass die Aktion von den SRF-Tennisexperten missbilligend kommentiert wurde, und so ist zu befürchten, dass die Schamesröte, die mir ins Gesicht schoss, also in sämtliche Fernsehstuben des Landes übertragen wurde. Ach, ach.

Ich hatte im Verlauf der Schilderung beiläufig erwähnt, dass mich der Kollege über mein Wohlbefinden befragte. Hierzu habe ich eine weitere, ziemlich bahnbrechende Beobachtung gemacht: Wir Berner sind vermutlich das einzige Völklein auf der Welt, das sich bemüssigt fühlt, auf die Frage «Wie gehts?» tatsächlich beschreiben zu wollen, wie es uns geht. Nachdem ich dies kürzlich in aller Ausführlichkeit tat, teilte mir ein Telefon-Gegenüber aus Zürich mit, dass er an einer genaueren Schilderung meines momentanen Zustands nicht wirklich interessiert sei. Und neulich ereignete sich in einer amerikanischen Grossstadt folgender kleiner Dialog:

Herr vor einer Snack-Bar: «Wie geht es Ihnen?» (In der unsynchronisierten Fassung: «How do you do?»)
Ich:«Es geht mir gut. Etwas zu viel gegessen und leicht müde von einem längeren Flug, aber ansonsten prima.»
Herr vor einer Snack-Bar: «Oh. Ich hab doch nur Hallo gesagt.»
Ich: «Nein, Sie wollten wissen, ob es mir gut geht.»
Herr vor einer Snack-Bar: «Nein, das wollte ich nicht.»
Ich:«Wollten Sie doch. Sie haben gefragt: How do you do.»
Herr vor einer Snack-Bar: «Das sagt man doch bloss so.»
Ich: «Ach so?»
Herr vor einer Snack-Bar: (deeskalierend) «Alles okay.»
Ich: (beleidigt): «Dann sag ich jetzt gar nichts mehr.»
Herr vor einer Snack-Bar: «Okay, alles ist okay» (vermutlich entgeistert den Kopf schüttelnd, als ich mich abwandte). Ich: (leicht errötend).

Der Bund

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