Mensch in Grossformat

Kabinettsmitglied bei Fidel Castro, angesehener Maler in Spanien, Nobody in der Schweiz: Der Film des Berners Enrique Ros rollt die schillernde Biografie des Interlakners Rudolf Häsler auf. Aber nicht nur.

Manchmal brauchte er Monate für ein einziges Bild: Rudolf Häsler in seinem Atelier.

Manchmal brauchte er Monate für ein einziges Bild: Rudolf Häsler in seinem Atelier. Bild: zvg

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Ein Mann von Format, wahrlich. Gross, korpulent, raumfüllend, mit bauchiger Stimme und kernigem Dialekt: So wird der gebürtige Interlakner Rudolf Häsler beschrieben. Ein Mensch in Grossformat, sozusagen, der markante Spuren hinterlassen hat bei denen, die ihn kannten. Kein Wunder, dass der Filmemacher Enrique Ros fand, die Grossleinwand sei der richtige Ort, um Häslers Geschichte zu erzählen. Auf ihn gestossen war der Sohn katalanischer Einwanderer, der in Bern lebt, in einer Ausstellung in Barcelona. Häsler ist ein Vertreter des Fotorealismus, seine Bilder zeigten Auslagen von Metzgereien, Bäckereien, Alltagsszenen aus dem Spanien unter Franco, das Ros aus seiner Kindheit kannte.

«Rudolf Häsler – Odisea de una vida» heisst sein Film nun, und dieser Odyssee eines Lebens folgt Ros zunächst chronologisch. 1927 geboren, wächst Häsler als Sohn eines Postautochauffeurs in Bern auf, arbeitet als Primarlehrer, aber nach ein paar Jahren im Schuldienst entscheidet er sich, freier Maler zu werden. Nach einem Aufenthalt in Marokko lernt Häsler auf der Rückreise im spanischen Granada eine Kubanerin kennen – 1957 wird auf Kuba geheiratet. Aus dem geplanten Aufenthalt von ein paar Monaten werden elf Jahre, denn Häsler lässt sich vom Elan der Revolution mittragen, dieser real gewordenen Gesellschaftsutopie, für die er sich auch als Mitglied der Regierung einsetzt: Häsler wird Direktor für Kunsthandwerk, bald hat er 5000 Angestellte.

Die Mechanismen der Kunst

Doch der Traum währt nicht lange, der mittlerweile mehrfache Familienvater entspricht dem typischen Vertreter des Socialismo Tropical nicht, und so dichtet man ihm eine NS-Vergangenheit und eine CIA-Verbindung an, er wird abserviert und muss 1969 die Insel verlassen. Bis zu seinem Tod 1999 lebt Häsler in Barcelona – manchmal mehr schlecht als recht, denn seine Bilder, die ihm in der Regel mehrere Monate Arbeit abverlangen, werfen nur knapp genügend Geld ab, um die Familie zu ernähren.

Eine bemerkenswerte Vita, die Enrique Ros eher konventionell mittels Fotos aus dem Familienarchiv, einem Radiointerview – Häslers dialektal gefärbtes Spanisch hat dieses donnernde kubanische Pathos – und Gesprächen mit Angehörigen und Bekannten aufrollt. Auch die wunden Stellen darin verschweigt Ros nicht: Zwar wurde Häsler in Spanien zum geschätzten Künstler, die Anerkennung in seiner Heimat blieb ihm indes verwehrt. Häslers Kinder – alle vier sind künstlerisch tätig – würden das gerne ändern, doch ein Versuch, sein Werk postum im Kunsthaus Zürich zu zeigen, scheiterte an mangelndem Interesse.

Hier beginnt die zweite Erzählung von «Rudolf Häsler – Odisea de una vida», und die ist mindestens ebenso bemerkenswert wie die abenteuerliche Biografie. Denn Ros richtet seinen Blick auf die Mechanismen der Kunstgeschichte, wenn es darum geht, einem Nachlass gerecht zu werden, ja mehr noch, das Werk eines beinahe Vergessenen ans Licht zu holen.

Auftritt also des Schweizer Kunsthändlers René Brogli: Im Cabrio fährt er vor, er ist Inhaber der Bromer Kunstgalerie in Roggwil. Seine erste Mission: Häsler in der Schweiz bekannt machen. Die zweite wird explizit nicht genannt, aber wenn Brogli sagt, es gehe ihm «in erster Linie eigentlich um die Kunst», verrät dieses «Eigentlich» dann doch, dass hier einer auch die Wertvermehrung im Blick hat.

Darum kauft Brogli einen Häsler nach dem anderen, von Privaten meist, denn der Künstler hat, wie sich herausstellt, mit seinen Bildern im Bekanntenkreis regelrecht hausiert. Schön, wie Enrique Ros so sein Bildnis des Malers leicht anritzt. Ein Kunstkritiker merkt zudem an, dass Häsler wohl ein meisterlicher Handwerker gewesen sei – allerdings mit eher bescheidener Innovationskraft.

Bedingtes Happy End

Es kommt schliesslich eine Ausstellung zustande, 2016 im Kunsthaus Interlaken, doch ein Happy End ist das in Enrique Ros’ Film nur bedingt. Denn die Kunstgeschichte zeigt sich, wenn es um Vergessene oder Verkannte geht, einmal mehr unerbittlich: Die Bücher zu den Fotorealisten, so sagt es der Kunsthaus-Direktor, seien schon geschrieben. In den Kanon einzugehen, ist auch für einen Mann von Format nicht leicht.

Premiere: morgen, 20 Uhr, Kino Rex Bern, in Anwesenheit des Regisseurs. (Der Bund)

Erstellt: 14.03.2018, 06:54 Uhr

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