«Meine Kunst dreht sich nicht um mich»

Wie er der Gegenwart mit seinen Werken ein Gesicht verleiht, erklärt Franticek Klossner im Interview.

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Sie verhandeln in Ihren Arbeiten oft die Frage nach dem Ich und nach dem künstlerischen Selbstbildnis. Dafür werden Sie sich zwangsläufig auch mit sich selber auseinandergesetzt haben. Wer also ist Franticek Klossner?
Die Frage nach dem Ich und dem Selbst ist immer auch eine Frage nach der Gesellschaft, in der wir leben. Die Welt beschreibt dein Gesicht und dein Gesicht beschreibt die Welt, in der du lebst. Meine Kunst dreht sich nicht um mich, meine Kunst dreht sich um die Welt. Es geht dabei nicht nur um meine Gegenwart, sondern um unsere Gegenwart. Dieser Gegenwart verleihe ich mit meinen Werken ein Gesicht.

Ihre Ausstellung trägt den Titel «Eudaimonie und Ataraxis». Das klingt nach griechischer Mythologie. Klären Sie uns auf.
Die beiden Begriffe Eudaimonie und Ataraxis führen tatsächlich weit in die antike Geschichte der Philosophie und der Psychologie. Eudaimonie beschreibt den Zustand der Glückseligkeit, Ataraxis die Seelenruhe. Im digitalen Zeitalter haben diese Begriffe eine neue Aktualität erhalten. Das von äusseren Einwirkungen unabhängige individuelle Glücksempfinden und die dafür notwendige Unerschütterlichkeit prägen meine Haltung als Künstler. Der aktuelle Ausstellungstitel verweist somit auf eine innere Einstellung, die sowohl mein Schaffen wie auch mein Leben prägt.

Wie spannen Sie in Ihren Werken den Bogen von antiken philosophischen Konzepten zur heutigen Zeit?
Ich thematisiere das Menschenbild der Gegenwart. Ich versuche gültige Bilder zu entwerfen für die Zeit, in der wir leben, und für das Selbstbild des Menschen, das sich daraus ergibt. Philosophie, Psychologie und Soziologie sind eng mit der Gegenwartskunst verflochten.

«Eudaimonie und Ataraxis» ist ein Hendiadyoin, also eine Stilfigur aus der Rhetorik, die einen komplexen Begriff mittels zweier ungleichwertiger Ausdrücke beschreibt. Sie betreiben ja auch visuelle Poetik in Ihren Werken. Tun Sie dies auch in ihrer neusten Ausstellung?
Ja, die Ausstellung präsentiert in fünf thematischen Räumen die gesamte Vielfalt meines Schaffens. Visuelle Poesie in Form von Texttafeln wie auch Zeichnungen und Videoinstallationen beflügeln sich spartenübergreifend. Visuelle Poesie findet sich auch sehr explizit in meinen erotischen und ehrlichen 3-D-Full-Body-Scans.

Sie haben sich für Ihre Ausstellung mit den alten Griechen beschäftigt. Was meinen Sie, wäre die heutige Performance-Kunst bei diesen auf Anklang gestossen?
Diese Frage hat mehrere interessante Haken. Was ist denn nun wirklich die heutige Performance-Kunst? Die Kriterien, nach denen heutige Kunstpreise für Performance verliehen werden, basieren meist auf längst Vertrautem. Nur sehr selten findet sich eine unabhängige Jury, die den Mut beweist, etwas Neues und Irritierendes zu fördern. Vielleicht wären die alten Griechen diesbezüglich sogar risikofreudiger gewesen. Es ist zu hoffen, dass das prüde Jahrzehnt, in welchem wir momentan leben, bald seine Gegenströmung finden wird. (Der Bund)

Erstellt: 16.08.2018, 06:32 Uhr

Franticek Klossner

Der Künstler Franticek Klossner lebt in Bern und Berlin und befasst sich mit Performance, Installation, Video- und Fotokunst, Zeichnung und Visual Poetry. Sein Schaffen ist durchdrungen von existenziellen Fragen, wobei die Werke des 58-Jährigen seit 1990 regelmässig in internationalen Ausstellungen vertreten sind. Am Fr, 17.8., wird in der Galerie Da Mihi seine nächste Ausstellung «Eudaimonie und Ataraxis» eröffnet.

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