Me too

Ein Gespräch über Sex und Macht.

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Lea und Andi in einer Bar

Andi: Ich...

Lea: Ja?

Andi: Ich ... Ach, vergiss es ...

Lea: Was?

Andi: Nichts.

Lea: Jetzt sag schon.

Andi: Nein, ich sag gar nichts mehr.

Lea: Sags doch.

Andi: Nein, ich bin nicht verrückt.

Lea: Wolltest du was Schlimmes sagen?

Andi: Vielleicht schon.

Lea: So schlimm?

Andi: Ich finds nicht schlimm.

Lea: Na also.

Andi: Ich finds sogar schön.

Lea: Dann finde ich es auch schön.

Andi: Da bin ich mir eben nicht sicher. Seit #MeToo reicht ein falsches Wort, und schon könnte am nächsten Tag im Internet stehen, dass ich ein Schwein und Frauenschänder bin.

Lea: Was wolltest du mir denn sagen?

Andi: Nichts, Flirten ist ja inzwischen verboten.

Lea: Aber bei #MeToo geht es doch gar nicht um Flirten, es geht um Macht.

Andi: Egal, ob Beschuldigungen wahr sind oder nicht, jeder kann ohne juristischen Beleg sofort zum Sexgrüsel gestempelt werden.

Lea: Glaub mir, #MeToo hat mit Sex nichts zu tun, es geht um Macht.

Andi: Ach was, für die natürlichsten Gedanken und Fantasien muss man sich heimlich schämen, weil die neue Prüderie Einzug hält. Sex ist sowieso nur noch unter vertraglicher Zustimmung erlaubt.

Lea: Hörst du mir zu? Es geht nicht um Sex, es geht um Macht!

Andi: Und nur, weil einer einen unglücklichen One-Night-Stand hatte, muss der Mann um seinen Job fürchten.

Lea: Hallo? Nicht Sex, Macht!

Andi: Und nackte Frauen in der Kunst werden auch verboten.

Lea: Es geht nicht um nackte Frauen, es geht um Macht!

Andi: Ich weiss schon gar nicht mehr, wohin ich schauen soll, mein Blick könnte ja sexuell gedeutet werden.

Lea: Kannst du mal aufhören, über Sex zu reden, es geht um Macht!

Andi: Siehst du, genau das meine ich, ich darf nicht mal mehr über Sex reden!

Lea: Natürlich darfst du! Weinstein ist doch nicht in Verruf geraten, weil er auf Sex steht, sondern weil er seine Macht missbrauchte, um Sex zu haben. Wedel kam nicht in die Medien, weil er gern Frauen im Bademantel empfängt, sondern weil er seine Position ausnützte, um Frauen im Bademantel zu empfangen. Kevin Spacey ist nicht am Pranger, weil er gern Männer anfasst, sondern weil er seine Macht einsetzte, um sie anzufassen. Und es ist doch völlig egal, ob Louis C. K. gern beim Onanieren Zuschauerinnen hat, aber es ist problematisch, wenn er seinen Einfluss nutzt, damit ihm eine zuschaut.

Andi: Ihr hab also gar nichts gegen Sex?

Lea: Nein, wir haben ein grosses Interesse daran, hemmungslos angeflirtet zu werden und ekstatischen, wilden Sex zu haben.

Andi: Ach so, aber...

Lea: #MeToo klagt keine Fantasie, keine Vorliebe, keinen Fetisch, keine Leidenschaft, keine Geilheit, keine Wildheit an, nur verklebte Machtstrukturen. Aber weil Macht überwiegend männlich ist, haben vor allem Frauen den Machtmissbrauch, der oft sexueller Missbrauch war, öffentlich gemacht und damit Macht erlangt. Wenn jetzt Frauen wiederum diese neue Macht in ein paar Fällen missbraucht haben, zeigt es nur, dass Macht ein hinterhältiges Schwein ist. Aber es geht hier nicht um Mann und Frau, es geht nicht um Sex, Flirten oder Anschreien, es geht um Macht.

Andi: Und was tun wir jetzt?

Lea: Gebt den Frauen Macht ab, behandelt uns in allen finanziellen, strukturellen, institutionellen und sexuellen Fragen ebenbürtig, und #MeToo erledigt sich von selbst.

Andi: Ich meinte eher, was tun wir beide jetzt? Ich meine... da ich keine Macht über dich habe, kann ich dich jetzt anmachen?

Lea: Klar, was wolltest du denn Schlimmes sagen?

Andi: Ich wollte dir sagen ..., dass ich es furchtbar schön fände, wenn wir uns jetzt küssten.

Lea: Me too.

Sie küssen sich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2018, 19:03 Uhr

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