«Manchmal tun mir meine Schauspieler leid»

Der Autor, Maler und Performer Timmermahn sagt im Interview, weshalb er zum Schreiben keinen Alkohol trinkt.

Der Autor, Maler und Performer Timmermahn.

Der Autor, Maler und Performer Timmermahn.

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Vor einem Jahr haben Sie uns im ersten Teil der Blöffer-Saga mitgenommen in die biedere Stube der Familie Sommerhalder. Schliesst Teil zwei nun mit dem gleichen Personal dort an?
Ja, das alte Personal ist wieder dabei. Die Sommerhalders haben auch dieses Mal wieder gewaltige monetäre Probleme, Vati und der Blöffer sind immer noch ohne Arbeit. Es kommt zu medizinischen Behandlungen, Nahtoderlebnissen, Hausgeburt, Trauung mit Bauchaltar und einem Happy End. Man muss aber Teil eins nicht gesehen haben, um beim zweiten folgen zu können.

In Sommerhalders Stube wurde sprachgewaltig geunsinnt und mit klingenden Mundart-Ausdrücken um sich geworfen. Das wird im zweite Teil wahrscheinlich nicht anders sein, oder?
Er ist noch chaotischer, schräger, abstruser und politisch unkorrekter. Die Figuren erlauben den Schauspielenden, auf der ganzen Klaviatur Ihres Könnens zu improvisieren, und es gilt das Prinzip der Steigerung bis zur Eskalation. Für einen Autor ist das zweite Stück das schwierigste, denn alle vergleichen es mit dem ersten und sagen dann: Das erste Stück war gut, sehr gut sogar, aber das zweite find ich jetzt nicht so gut. Fast schon schlecht. Mehr so pfuigagg halt. Darum geben sich grosse Autoren so Mühe beim zweiten Stück.

Wie muss man sich eine Stückprobe zu «Blöffers Hochzyt» vorstellen? Liegen die Ensemblemitglieder ständig auf dem Bühnenboden und halten sich die Bäuche vor Lachen?
Es stimmt, beim Proben wird viel gelacht. Theatermachen soll auch Freude bereiten, das ist viel angenehmer als weinen! Kürzlich sah ich in einem Film, wie sich Menschen vier Minuten in die Augen schauen mussten. Nach kurzer Zeit begannen alle zu weinen. Ich habe das mit Giulin Stäubli im Kostüm des Herrn Läderma inmitten der Gäste auf der Terrasse der Heitere Fahne auch versucht. Nach zwanzig Sekunden mussten wir lachen. Die Leute um uns herum auch.

Mit welchen Arbeitsmethoden bringt man ein Stück wie «Blöffers Hochzyt» zu Papier? Arbeiten Sie nach einem bestimmten dramaturgischen Grundprinzip?
Ich kenne die Schauspieler und Schauspielerinnen, weiss, wie sie sprechen und sich bewegen, und so lasse ich sie einfach in meinem Kopf miteinander parlieren. Manchmal komme ich fast nicht mit beim Schreiben und zack, schon ist der erste Akt fertig. Der zweite Akt muss kürzer sein, sonst beginnen die Leute auf den Stühlen zu ruggen. Oder müssen auf den Zug. Der zweite Akt darf keinesfalls abfallen und an Spannung verlieren, zudem gilt es, auf das Happy End hinzuarbeiten. Ich mach immer Happy Ends. Immer! Ich habe mir früher genügend Cinema-noir-Filme angeschaut. Da wurde mit anderen Existenzialisten nach dem Kinobesuch stundenlang ausdiskutiert, was uns der Film mit den dusteren Schlussbildern wohl sagen wollte. Wir wussten es nie.

Hand aufs Herz: Wenn Sie Ihre Stücke schreiben, fliesst schon auch der eine oder andere Schädelspalter die Kehle hinunter, nicht?
Nein, ich schreibe natur. Rauschschreiben kenne ich von früher. Da schreibst du eine Nacht durch wie Henry Miller, und wenn du wieder nüchtern bist, findest du alles komplett idiotisch. Beim Schreiben fehlen mir oft die richtigen Worte, deshalb erfinde ich welche. Für mich ist der Gebrauch dieser neuen Ausdrücke einfach, für die Schauspielenden, welche sie auswendig lernen müssen, sind sie aber Knacknüsse. Manchmal tun mir meine Schauspieler leid. (Der Bund)

Erstellt: 07.06.2018, 08:21 Uhr

Timmermahn

Der Autor, Maler und Performer Timmermahn ist eine der schillernsten Figuren in der Schweizer Kunst- und Kultur-Szene. Einerseits hat sich der 76-Jährige mit seinen Bildern einen Namen gemacht, vor allem aber kennt man ihn als Dichter und Erzähler schräger, sprachlich experimentierfreudiger und doch poetischer, wenn auch nicht immer ganz jugendfreier Texte. Ab Donnerstag, 7., bis und mit 18. Juni wird in der Heitere Fahne Timmermahns Stück
«Blöffers Hochzyt» gezeigt, ein wortgewaltiger, abstruser und politisch unkorrekter Schwank in zwei Akten.

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