Man muss sie spielen, spielen, spielen

Vom Dunkel ins Licht: Chefdirigent Philippe Bach und das Berner Kammer­orchester widmen sich Schweizer Komponisten.

Mit der Sicherheit eines Bergführers lotst Dirigent Philippe Bach das Berner Kammerorchester durch Mosers «Intrada».

Mit der Sicherheit eines Bergführers lotst Dirigent Philippe Bach das Berner Kammerorchester durch Mosers «Intrada».

(Bild: zvg)

Wie gehen wir mit unserem Erbe um? Die Frage stellt sich auch in der Musik. Viele Schweizer Komponisten sind verkannt oder vergessen. Unsichtbar seien sie, als ob sie in eine Gletscherspalte gefal­len ­wären, konstatierte der Musik­wis­sen­schaftler Alfred Einstein. Was tun? Die Antwort des Berner Kammerorchesters ist einfach: Man muss sie spielen, spielen, spielen. Im jüngsten Abokonzert präsentiert das Berner Kammerorchester (BKO) «Musica Helvetica», und das Publikum kommt trotzdem. Die Begegnung mit dem Unbekannten wird für alle ein Gewinn.

Musik wie aus dem Höhlendunkel

Das Programm im Menuhin-Forum konzentriert sich zwar auf Schweizer Komponisten, die alle schon tot sind; und Komponistinnen fehlen ganz. Eine «Musica Helvetica II» wird deshalb folgen müssen. Dafür gibt es neben Othmar Schoeck und Arthur Honegger Entdeckungen wie Jean Balissat (1936–2007) oder Rudolf Moser (1892–1960). Balissat, der sich um die Schweizer Blasmusik verdient gemacht hat, wird in einem Streicherstück vorgestellt, ebenso Moser, ein Musikpädagoge, dessen prominenteste Schüler der spätere Dirigent und Musikmäzen Paul Sacher und der Geiger Yehudi Menuhin waren. Weshalb die beiden im Konzertsaal vergessen sind, ist nicht nachvollziehbar: Weder Ballisat noch Moser gebärden sich als Klangextremisten. Und als Neutöner schon gar nicht.

Mit der Sicherheit eines Bergführers lotst Dirigent Philippe Bach das Berner Kammerorchester durch Mosers «Intrada», eine Musik wie aus dem Höhlendunkel. In tiefer Mittellage angesiedelt, ist sie ein Fall für die Bratschen. Durch die tiefere Stimmung sind sie prädestiniert für dunkle, herbe Klänge und raue Dissonanzen. Der melancholische Grundton scheint alte Zeiten heraufzubeschwören, in denen der Mensch sich auf der Suche nach Halt rückwärts wendet, weil das, was vor ihm liegt, Unsicherheit verspricht. Fühlt man sich deshalb so direkt angesprochen durch diese Musik?

Klanggold und Halsbrecherei

Jean Balissats «Träumerei» danach wagnert ein wenig. Die Streicherstimmen setzen ein Perpetuum Mobile aus Klangfarben zusammen. Die Intonation in den prozesshaften Bewegungen zu halten, ist delikat. Schön, wie sich nach und nach aus jedem Register ein solistisches Instrument exponiert – und dennoch Teil im Ganzen bleibt.

Ein echter Solist ist in Othmar Schoecks Opus 61 am Werk: Dem Cellisten Patrick Demenga zuzuhören ist ein Vergnügen. Mit Expressivität «erzählt» er Schoecks viersätziges Cellokonzert. Sein geschmeidiges Spiel hat beides, Aplomb und Tiefgründigkeit. Während das Orchester im Andante etwas blass bleibt, schürft der virtuose Solist aus dem Innern der Musik melodisches Klanggold und brilliert in halsbrecherischen Doppelgriffen.

Ein Höhepunkt ist auch Arthur Honeggers Sinfonie Nr. 2 für Streichorchester und Trompete (Solo André Schüpbach). Im Kriegsjahr 1941 hat der Komponist das Werk für das Basler Kammerorchester und Paul Sacher komponiert, eine sehr persönliche Musik, die von Zweifeln, Ängsten und Aufbegehren geprägt ist. Doch sie führt vom Dunkel ins Licht. So kontrastreich wie das BKO sie gestaltet, berührt sie auch in unserer Zeit.

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