«Ich war nie für politische Korrektheit»

Die wichtigste Feministin der Gegenwart im Interview – über fast alles.

«Niemandem dürfen die Menschenrechte wegen der Religion, der Rasse, des Geschlechts oder der Sexualität streitig gemacht werden»: Judith Butler im Hotel Florhof in Zürich. Foto: Samuel Schalch

«Niemandem dürfen die Menschenrechte wegen der Religion, der Rasse, des Geschlechts oder der Sexualität streitig gemacht werden»: Judith Butler im Hotel Florhof in Zürich. Foto: Samuel Schalch

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An ihr kommt niemand vorbei: Die Philosophin Judith Butler, 1956 geboren in Cleveland, hat mit den Gender Studies ein Fach begründet, das heute an fast allen Universitäten gelehrt wird. Seit der Wahl Donald Trumps wird Butler scharf angegriffen: Sie sei die Anführerin einer Sekte, ihr Denken spalte die Linke und führe zu einer Verweichlichung, weil sie die Verletzbarkeit des Menschen ins Zentrum gerückt hat. Die Angriffe kommen dabei durchaus nicht nur von rechts: Diesen Sommer führte die Zeitschrift «Emma» eine harte Kampagne gegen die amerikanische Philosophin. Alice Schwarzer machte ihr den Vorwurf, sie sei eine Zynikerin und befürworte die Zwangsverschleierung von Frauen. Im Interview nimmt Judith Butler nun Stellung zu den Vorwürfen und erklärt, worum es ihr geht, was sie vom Hashtag #MeToo hält und warum man nicht mit den ex­tremen Rechten reden sollte.

In Zürich hielten Sie einen Vortrag über Betrauerbarkeit. Warum ist dieser Begriff so wichtig für Sie?
Für mich wurde Betrauerbarkeit bereits in den 80er-Jahren zu einem wichtigen Thema, als so viele Menschen an Aids starben, vor allem schwule Männer, Frauen in der Sexindustrie und Leute, die Drogen nahmen. Es war damals sehr schwierig, für diese Verluste öffentliche Anerkennung zu erhalten. Sie wurden eigentlich nicht betrauert. Das machte mich wütend. Denn warum sollten diese Leben weniger wert sein als andere? Diese Frage wurde für mich nochmals akut nach dem 11. September 2001, als ich in der Nähe von New York lebte und sah, wie einige nach den schrecklichen Angriffen auf die Gebäude in New York und Washington betrauert wurden. Aber andere überhaupt nicht, etwa jene, die keine Papiere hatten, die keine Amerikaner waren und bei den gleichen Angriffen getötet worden waren.

Auch all jene nicht, welche die USA im Irak oder in Afghanistan töteten.
Da wurden alle möglichen Menschen getötet, von denen wir nie die Namen erfuhren. Das Gleiche erleben wir jetzt wieder, wenn man Flüchtlinge im Mittelmeer sterben lässt. Es sind Leben, die weder geschützt noch gerettet werden. Sie sind unbetrauerbar. Die Frage, welche Leben betrauerbar sind, verweist also darauf, wie Ungleichheit ökonomisch und politisch funktioniert in unserer Zeit. Denn offensichtlich werden einige Gruppen als wertvoller erachtet als andere – und das ist für mich eine nicht akzeptierbare Ungleichheit.

Anerkennung ist ein wichtiger Begriff, mit dem Sie sich seit Ihrer Dissertation beschäftigen.
Das stimmt. Ich glaube, es ist sehr wichtig, die Toten zu ehren und dass wir die Todesumstände kennen, dass wir ein Archiv haben und Anerkennung anbieten. Es gibt aber auch lebende Menschen, die so behandelt werden, als seien sie nicht betrauerbar, als spiele es keine Rolle, ob sie leben oder nicht. Das muss geändert werden. Um leben zu können oder gar gut leben zu können, um sich selbst auszudrücken oder Teil der Gesellschaft zu sein, braucht es eine gewisse Anerkennung.

Wie wird Anerkennung möglich?
Die Fähigkeit, anerkannt zu werden oder andere anerkennen zu können, hängt davon ab, ob es eine Sprache gibt, durch welche Anerkennung möglich ist. Das ist denn auch der Grund, warum Sprache so etwas Wichtiges für soziale Bewegungen oder Bemühungen um Gleichheit und Freiheit ist. Denn wenn es keine Sprache gibt, in der jemand anerkannt werden kann, dann gibt es für diese Person keine Anerkennung. Daher müssen wir eine neue gemeinsame Sprache entwickeln, die Unterschiede akzeptiert.

«Um gut leben zu können, braucht es eine gewisse Anerkennung.»

Man wirft den Gender Studies, die Sie stark inspiriert haben, vor, einer politischen Korrektheit Vorschub zu leisten, die zu Verboten oder Intoleranz führten.
Ich war nie für politische Korrektheit. Political Correctness ist ja ein Begriff, den Konservative nutzen, um den Feminismus oder die Bürgerrechtsbewegungen zu karikieren. Diese bedienen sich der Vorstellung, wir seien eine Art Polizei, die vorschreibt, was die Menschen sagen dürfen und was nicht. Einmal abgesehen davon, dass nichts falsch daran ist, weder rassistische noch frauenfeind­liche Begriffe zu benutzen: Ich glaube auch, dass die erwähnten Bewegungen viel kreativer und experimenteller sind, dass sie Sprachen zu erfinden versuchen, die noch nicht existieren, damit die Anerkennung von Minderheiten wahrscheinlicher wird.

Also keine Sprachpolizei?
Nein, sondern der Versuch, gegen Diskriminierung zu arbeiten. Wie die Polizei verhalten sich hingegen all jene, die zu wissen glauben, was Frauen sind und zu tun haben, dass sie sich etwa nicht in der Politik engagieren sollen. Oder dass Homosexuelle krank sind, dass sich Schwarze nicht über Rassismus beschweren sollen und dass doch alles okay sei. Das ist die Polizei.

Universitäten geben Empfehlungen für eine Sprache, die möglichst keine Minderheit ausschliesst. Einige sehen darin ein Symptom, dass in unserer Gesellschaft alles auf Purifizierung hinarbeitet.
Ich glaube nicht, dass die Reinigung der Sprache der richtige Weg ist. Mich interessiert vielmehr, wie eine Gruppe, die abgewertet wird, die Sprache der Beleidigung nutzen kann, damit sie etwas anderes bedeutet, etwas Kreatives. Auf Englisch zum Beispiel bedeutete das Wort «queer» in den 1960ern etwas Beleidigendes. Wenn jemand sagte, «Du bist queer!», dann hasste er dich, dann dachte er, du seist abnorm, du seist ein Monster. Es gibt also eine Kreativität und auch einen Humor, wenn man ein Wort nimmt und es zu etwas Positivem umwendet, wenn man etwa sagt: «Ja, ich bin queer.»

Also keine Reinigung.
Nein, man benutzt vielmehr das ‹schmutzige› Wort und macht durch einen Twist etwas anderes daraus. Dieser Twist ist denn auch das, was man auf Englisch «queering» nennt. Und ich glaube nicht, dass das korrekt ist. Es scheint eher inkorrekt, wenn man Wörter nimmt, die eine festgelegte Bedeutung haben und etwas anderes mit ihnen macht. Einige in der Trans-Bewegung nennen sich zum Beispiel «nicht-binär», um sich der Kategorisierung in Mann und Frau zu widersetzen. Das ist eine Dynamik, die sich fortsetzt, die produktiv ist und nicht versucht, Sprache zu reglementieren. Vielmehr geht es darum, Bedeutungen freizusetzen. Das hat nichts mit Reinigung oder Zensur zu tun. Aber damit, Anerkennung einfacher und vielfältiger zu machen.

Viel ist auch von sogenannten Trigger-Warnungen die Rede. Wenn ein literarischer Text eine Beschreibung von Gewalt enthält, etwa Ovids «Metamorphosen», müsse davor gewarnt werden, damit keine Gefühle verletzt werden.
Ich bin gegen solche Trigger-Warnungen. Wir sollten alle getriggert werden – sind wir sowieso. Triggering ist unvermeidlich. Ich habe kürzlich ein Seminar über queere Verwandtschaft abgehalten, in dem wir griechische Tragödien lasen und was darin queer ist. Etwa in «König Ödipus» von Sophokles. Ich fragte meine Studierenden, soll ich euch sagen, dass es in diesem Stück Gewalt und Inzest gibt. Braucht jemand von euch eine Trigger-Warnung? Niemand wollte das, obwohl wir uns mit vielen Texten beschäftigten, in denen es explizite sexuelle Gewalt gibt.

Es gibt aber Leute, die solche Trigger-Warnungen verteidigen.
Ich glaube, dass die selbst in der Linken eine Minderheit sind. Und wenn man von Triggering spricht, dann denken viele, es gäbe eine Art Automatismus. De facto reagieren wir aber völlig verschieden auf Bilder, Erzählungen von Gewalt oder Sexualität. Zumindest in meinem Seminar gab es sehr viele unterschiedliche Interpretationen der Texte. Klar, einiges ist verstörend, womit wir uns beschäftigen. Aber Bildung ist verstörend. Man muss von etwas Neuem verstört werden, von etwas Seltsamem, Fremden.

Diesen Sommer gab es eine heftige Debatte zwischen Ihnen, Alice Schwarzer und deren «Emma». Wie zerstritten ist der Feminismus?
Es gab immer starke Debatten in der feministischen Bewegung, und sie sind auch ein Teil von dem, was den Feminismus zu einer lebendigen Bewegung macht. Obwohl die Diskussionen sehr intensiv geführt werden, wird niemand dazu aufgefordert, sich auf die Zunge zu beissen. Frauen in unserer Welt sind eher arm, ungebildet und verletzbar durch Gewalt. Es gibt also bedeutende Aspekte der Ungleichheit und Ungerechtigkeit, die angegangen werden sollten. Feminismus ist aber auch eine Bewegung, welche die soziale und politische Macht von Frauen und Trans-Menschen unterstützt und mit Nachdruck geltend macht, dass dies transnational und vereinigend ist. Meiner Meinung nach vergrössert der Feminismus die Zahl seiner Verbündeten, indem auf historisch spezifische Formen von Entbehrung und Ungleichheit reagiert wird. Ich denke also, dass der Feminismus selbst ein mächtiger Alliierter ist, wenn es um soziale Veränderungen und emanzipatorische Ideale geht.

Der Feminismus ist ein mächtiger Alliierter, wenn es um soziale Veränderungen und emanzipatorische Ideale geht.

Was bringt die Debatte mit Alice Schwarzer?
Es gibt zwei Punkte, die mir in dieser «Debatte» wichtig scheinen: Der erste hat mit der Unterstellung zu tun, dass es eine Unterscheidung zwischen akade­mischer und aktivistischer Arbeit gibt. Queerer Aktivismus, der zunehmend mit der Bekämpfung von Rassismus beschäftigt ist, basiert auf Allianzen, die zurzeit transnational und sehr öffentlich sind. Angehörige von aktivistischen Bewegungen wie diesen verbringen einige Zeit mit Lesen und Studieren, dann wiederum Zeit mit der Organisation und dem Engagement in öffentlichen Aktionen. Das ist eine interessante Dynamik. Vielleicht will eine Zeitschrift wie die «Emma» mal über diese Dynamik berichten, die etwa in Deutschland, Spanien, Griechenland, Brasilien und Argentinien entstand?

Und der zweite Punkt?
Politischer Islamismus oder «islamistische» Politiken sind ganz klar gewalttätig und abscheulich. Sie sollten verdammt werden, da gibt es keine Uneinigkeit zwischen Alice Schwarzer und mir. Aber das heisst nicht, dass der Islam als Religion verdammt werden sollte. Das ist ein relativ einfacher, aber sehr wichtiger Punkt: Unsere Verdammung von Aktionen des politischen Islamismus soll nicht eine ganze Religionsgemeinschaft aufgrund ihres Glaubens verdammen. Die Bemühung, von einer anthropologischen Perspektive aus zu verstehen, was eine Burka bedeutet, sollte denn auch wichtig sein für jede feministische Position, die den Staat darum ersucht, die Burka zu verbieten oder zu erlauben. Wenn wir den Anspruch erheben, ihre Bedeutung zu kennen, ohne zu wissen, was sie für jene bedeutet, die sie tragen, agieren wir aus einer Position der kulturellen Arroganz. Wenn wir unkritisch den Glauben des Islams mit radikal islamistischen Politiken gleichsetzen, begehen wir nicht nur einen schwerwiegenden Fehler, dann schüren wir auch eine Art öffentliche Hysterie, die willens ist, die Religionsfreiheit eines bedeutenden Teils der Bevölkerung zu bestreiten – eine solche feministische Position verschwimmt mit derjenigen der Alt-Right-Bewegung.

Alice Schwarzer warf Ihnen vor, im Namen der «Andersheit der Anderen» die Burka zu rechtfertigen, was angesichts von Zwangsverschleierungen zynisch sei. «Die Akzeptanz des Anderen muss da ihre Grenzen haben, wo es um elementarste Menschenrechte geht», fordert Schwarzer.
Es war bekanntlich der französisch-litauische Philosoph Emmanuel Levinas, der von Andersheit als einer Bedingung für eine Ethik ausging. Vielleicht hat Alice Schwarzer Meinungsverschiedenheiten mit ihm? Denn weder die Berliner Gender-Studies-Professorin Sabine Hark, die mit mir zusammen eine Replik auf die Angriffe der «Emma» geschrieben hat, noch ich akzeptieren alle Aspekte von allen «Anderen». Ich akzeptiere zum Beispiel schwerlich Rassisten. Wenn Schwarzer glaubt, dass nur bestimmte Leute Schutz durch Menschenrechte verdient haben, dann müsste sie das erklären können.

«Unsere Verdammung von Aktionen des politischen Islamismus soll nicht eine ganze Religionsgemeinschaft aufgrund ihres Glaubens verdammen.» Foto: Samuel Schalch

Und was ist Ihre eigene Position?
Meine eigene Ansicht ist, dass niemandem die Menschenrechte wegen der Religion, der Rasse, des Geschlechts oder der Sexualität streitig gemacht werden dürfen. Das scheint fundamental. Tatsächlich glaube ich aber, dass es lohnenswert ist, die Frage zu stellen, unter welchen historischen Bedingungen Bekleidung wie etwa eine Burka politisiert werden kann. Wie Sie wissen, gibt es zahlreiche schwerwiegende Probleme in den USA, aber es wäre eine ebenso gravierende Abkehr von unserem akzeptierten Demokratieverständnis, Menschen aufgrund der Symbole oder der Kleidung zu diskriminieren, die sie aus religiösen Gründen tragen.

Es gibt Demokratien, die Verbote von religiösen Symbolen durchgesetzt haben oder dies erwägen. In der Schweiz kommt das Verbot der Burka zur Abstimmung.
Soviel ich weiss, wird in Europa die Debatte um die Verschleierung sehr stark von einem anderen Verständnis von Säkularismus geprägt. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass Menschen, die Symbole oder Kleidung tragen, die ihre religiöse Zugehörigkeit symbolisieren, nicht so «anders» sind: Sie haben Anspruch auf die gleichen demokratischen Rechte wie alle anderen auch. Unsere heutigen Demokratien werden davon bestimmt, dass in ihnen Menschen unterschiedlicher Ethnien und Religionen leben, und so müssen wir auf eine Gesellschaft hinarbeiten, die vor diesem Hintergrund Gleichheit und Freiheit für alle ermöglicht. Das ist die gegenwärtige Aufgabe des Zusammenlebens in unseren Gesellschaften.

Einige fordern, dass Universitäten Schutzräume sein sollen.
Ich interessiere mich nicht für Safe Spaces. Ich glaube, wir leben gefährlich an der Universität.

Wie bitte?
Ja, ich finde es zum Beispiel sehr hart, wenn an meiner Universität ein weisser Suprematist auftreten soll, der ein Rassist und Antisemit ist.

Der frühere «Breitbart»-Blogger Milo Yiannopoulos etwa, der an der Universität Berkeley sprechen sollte.
Ich will nicht, dass er spricht. Es empört auch viele Studierende, dass ein solcher Oberrassist eine Rede auf dem Campus halten soll. Aber wir haben keine rechtlichen Möglichkeiten, ihm das zu verbieten oder ihn zu zensieren, wenn er von studentischen Gruppen eingeladen ist. Wir sollten aber lauter und stärker sein als er. Wenn er 50 Zuhörer hat, kommen wir mit 5000 Leuten und veranstalten eine Gegendemonstration. Das ist meine Idee für eine gute Reaktion.

«Wir brauchen eine Linke, die Parteien wie die AfD bekämpft.»

An der ETH Zürich musste ein Vortrag des früheren US-Generals und CIA-Direktors David Petraeus abgesagt werden, weil die Sicherheit nach heftigen Protesten nicht mehr gewährleistet werden konnte. Sollte man Petraeus reden lassen?
Ich glaube, es ist besser. Denn was würde geschehen, wenn die Konservativen keine Lesben oder Kritiker der USA sprechen lassen? Wir müssen also sehr vorsichtig sein, wenn wir Formen der Zensur entwickeln, denn letztlich könnten diese ja immer auch auf uns selbst angewendet werden.

Bei den Protesten gegen Milo Yiannopoulos kam es in Berkeley zu Sachbeschädigungen. Ist Gewalt ein legitimes Mittel für Proteste?
Ich unterstütze nur gewaltfreie Proteste.

In Deutschland gibt es eine Debatte, ob man mit der AfD sprechen sollte.
Warum sollten wir mit ihnen sprechen? Die AfD ist eine Partei, die funktioniert und Zugang zu den Medien hat. Ich würde denen nicht noch mehr Möglichkeiten geben. Das gibt denen nur mehr Anerkennung und Legitimität. Lasst sie einfach allein, damit sie hoffentlich wieder verschwinden. Wir brauchen eine stärkere Linke, die sich Parteien wie der AfD widersetzt und sie bekämpft. Wir sollten gegen sie schreiben, sie blossstellen, indem wir aufzeigen, wer sie sind, welche Ziele sie verfolgen. Wenn ich die deutschen Zeitungen lese, dann gibt es meiner Meinung nach zu viele in der politischen Mitte, die sagen, okay, es ist ja gar nicht so schlimm. Damit beginnt eine Normalisierung, und es wird verdeckt, dass Teile der AfD profaschistische Tendenzen verfolgen, Rassisten oder ganz klar Nazis sind. Ich finde es auch sehr wichtig, dass Parteien wie die AfD oder NDP nicht Teil einer normalen politischen Kultur werden.

Auch jetzt nicht, da die AfD in den Bundestag eingezogen ist?
Sie sollte auch dort isoliert und bekämpft werden. Ich glaube, es wäre ein grosses Missverständnis, wenn wir sagen würden, oh, da gibt es unseren Standpunkt, und da gibt es noch einen anderen, dann führen wir einen Dialog und schauen, wer recht hat. Nein, denn die extreme Rechte vertritt ganz klar eine Position, die wir nicht akzeptieren sollten, weil sie weder demokratisch noch vernünftig ist, sondern für eine Bewegung steht, die regressiv und destruktiv ist und die deshalb bekämpft werden sollte. Selbstverständlich ist es wichtig zu verstehen, warum Menschen zu einer solchen Bewegung tendieren oder ihr angehören. Das müssen wir analysieren. Wir können etwas nicht bekämpfen, ohne es zu kennen.

Muss man mit den extremen Rechten reden, um sie zu verstehen?
Nein, man kann ja lesen, was sie denken. Man muss nicht mit ihnen reden.

Manchmal geht es zwei Schritte vorwärts, dann wieder einen zurück. Fortschritt verlief niemals gradlinig.

Einige sagen, es sei der Kampf für Diversität, der die Linke in Gruppen spaltet, die sich wegen kleinster Differenzen gegenseitig bekämpfen.
Ich halte es für wenig geistreich, wenn man sagt, dass die Sorge um Diversität die Linke gespalten habe. Wenn jemand behauptet, Diversität sei die Ursache des Problems, dann sagt diese Person, dass es nie eine Reaktion auf Fremdenfeindlichkeit, Homophobie oder Antisemitismus hätte geben sollen. Und dass wir uns nie hätten sorgen sollen, weil Menschen unter Ausgrenzung oder Diskriminierung leiden. Merkwürdig finde ich auch ein sehr ähnliches Argument, demzufolge der Fokus auf Diversität von der sozialen Frage abgelenkt habe.

Für viele steht die soziale Frage für Missstände des Kapitalismus.
Für mich gehört die Situation der Frauen, der Migranten und der Minderheiten ganz klar zur sozialen Frage dazu. Ich habe verfolgt, wie das Buch «Rückkehr nach Reims» meines Freundes Didier Eribon sehr wichtig für den deutschsprachigen Raum wurde, wie es von einigen aber so interpretiert wurde, als ginge es nur darum, zurück zum Klassenkampf zu gelangen. Wenn man Eri­bon fragen würde, ob es ein Fehler war, gegen Homophobie, Frauenfeindlichkeit oder Rassismus zu kämpfen, dann würde er das ganz klar verneinen.

Klassenkampf und Identitätspolitik müssen zusammen gedacht werden.
Das ist Eribons Punkt: Weil er eine linke Bewegung will, die gegen Homophobie, Frauenfeindlichkeit, Rassismus und ökonomische Enteignung kämpft, gibt es für ihn auch keinen Gegensatz zwischen Identitätspolitik und Klassenkampf. Was es aber gibt, ist eine ex­treme ökonomische Unsicherheit: Menschen haben Angst um ihre Jobs und ihre Zukunft, und ein Grund dafür ist nicht, dass sie Angst vor Migranten haben, sondern dass die Sozialdemokraten eine neoliberale Richtung eingeschlagen haben. Sozialleistungen, Krankenversicherungen, Bildung und viele andere Aufgaben wurden vielerorts an private Unternehmen übertragen. Wir sollten daher darum kämpfen, dass die Sozialdemokraten sich vom Neoliberalismus abwenden und das Projekt eines demokratischen Sozialismus wieder aufnehmen, an dem sich unterschiedliche linke Gruppierungen beteiligen können.

Apropos Solidarität: Der Hashtag #MeToo hat eine breite Debatte ausgelöst. Kann er etwas verändern?
Manchmal, wenn eine soziale Bewegung sich formiert, ist eine persönliche Erzählung sehr wichtig; es folgt dann oft ein Bericht nach dem anderen. Wenn es aber nur bei einer Gruppe von Individuen bleibt, die eine ähnliche Geschichte zu erzählen hat, bringt uns das noch nicht weiter. Dafür müssten wir vom «Ich auch!» einen Schritt hin zu einem «Wir» machen, zu einem «Wir verlangen!» Lasst es uns also auf der Ebene des Sozialen verstehen und nicht als «Meine Geschichte über diesen einen Mann». Es ist eine grössere Geschichte über sexuelle Unterordnung und Gewalt, die durch verschiedene Institutionen reproduziert wurde. Nicht nur von Hollywood, sondern auch von Universitäten, Schulen, vom Militär, im Sport, in medizinischen Institutionen, an den Arbeitsplätzen und durch das Gesetz.

Es gibt Möglichkeiten, sexuellen Missbrauch zur Anklage zu bringen.
Ja, das ist wichtig. Aber die grössere soziale Frage bleibt zu beantworten: wie Institutionen sexuelle Gewalt ermöglichen, wie Sexualität und Macht in unserer Gesellschaft organisiert sind. Es braucht eine öffentliche Bewegung, die deutlich macht, dass sexuelle Übergriffe nicht länger akzeptierbar sind. Aber nicht alle Machtbeziehungen sind gewaltförmig, und nicht alle führen zu Ungleichheit. Wir können Machtbeziehungen haben, die ohne Ungleichheit und Gewalt auskommen, die positiv sind.

Sie haben intensiv über Verletzbarkeit nachgedacht. Warum?
Denken Sie an Demonstrationen von Menschen, die keine Arbeit haben, die ihre Wohnung, Renten oder Krankenversicherung verloren haben, weil die Banken die Kredite zurückforderten. Wenn diese Leute auf die Strasse gehen und sagen, das ist der Körper, der ohne Wohnung, Arbeit, Versicherung oder Zukunft ist, dann zeigen sie, wie sie von diesen Vorgängen betroffen sind und verletzt wurden. Es wird aber auch eine Forderung erhoben; die Verletzbarkeit führt zu Solidarität, es entsteht eine Kraft, mit der man sich dem widersetzen kann, wovon man verletzt wurde.

Einige nennen es Hypersensibilität. In Deutschland wurde das Konzert einer Punkband unterbrochen, weil sich einige verletzt fühlten, als der Drummer sein T-Shirt auszog.
Ich spreche von grossen Gruppen, die demonstrieren, weil sie die Möglichkeit eines lebbaren Lebens verloren haben. Das sind Menschen, die auf klar identifizierbare Bedingungen reagieren wie Arbeitslosigkeit, Gewalt und dergleichen. Wenn ich von Verletzbarkeit spreche, rede ich nicht über bourgeoise Konversationen, in denen jemand sich in Hypersensibilität ergeht. Die grössere Frage der sozialen Verletzbarkeit wird manchmal karikiert von solchen Debatten. Viele handeln trotz Verletzbarkeit, können daraus gar eine Form von Macht ableiten. Wenn sich jemand in einer Demonstration der Polizei entgegenstellt, etwa auf dem Tahrir-Platz in Kairo oder bei Demonstration in Istanbul, dann ist diese Person verletzbar und widerständig zugleich. Dieser wichtige Aspekt von Widerstand geht verloren, wenn wir uns Unterdrückte als nur verletzbar und ohne Macht vorstellen.

Einer allein kann es nicht schaffen.
Globalisierung überschreitet heute dauernd die nationalen Grenzen. Man muss sich also auf die Praxen der sozialen Veränderung konzentrieren, wie sie funktionieren und wie sie Grenzen von Nationen und Sprachen überwinden, sodass wir nicht nur in unserer eigenen Sprache und Region verharren. Wir müssen also in der Lage sein, nachzuverfolgen, was in Sachen Populismus, Autoritarismus oder Rassismus rund um die Welt geschieht. Die mächtigsten akademischen Arbeiten sind denn auch jene, die transnational und kollaborativ sind. Sie sind auch wichtiger als ein einzelner Name wie Slavoj Žižek, Alain Badiou oder eben Judith Butler.

Weil es wichtiger ist, solidarisch zu sein, als einen guten Namen zu haben.
Genau, es geht darum, neue Weisen des kollaborativen Arbeitens zu entwickeln. Ich bin immer sehr bewegt und begeistert, wie Menschen das machen, nicht nur im universitären Leben, sondern auch in der Kunst und selbstverständlich auch im politischen Aktivismus.

Von Michel Foucault können wir lernen, dass alles von Macht durchwirkt ist. Wie kann dank Macht etwas Positives entstehen?
Manchmal wird Macht zu einem Begriff, der zu vieles beschreibt. Wenn Sie mich aber fragen, wie ich die Verantwortung einer Intellektuellen beschreiben würde, dann liegt sie wohl eben gerade darin, dass wir uns für Momente interessieren sollten, in denen Leute ihr Leiden in etwas Produktives verwandeln können, in denen sie sich Gewalt und Ungerechtigkeit widersetzen und danach suchen, wie Gleichheit und Gewaltlosigkeit möglich sind. Das geschieht in vielen sozialen Bewegungen: Manchmal geht es zwei Schritte vorwärts, dann wieder einen zurück. Fortschritt verlief niemals gradlinig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2017, 19:31 Uhr

Judith Butler

Philosophin und Feministin

Mit «Gender Trouble» (auf Deutsch: «Das Unbehagen der Geschlechter»), das erstmals 1990 erschien, begründete Judith Butler ein Denken, das die starren Kategorien von Mann und Frau hinterfragt. In «Hass spricht» von 1997 zeigt sie Möglichkeiten auf, wie man sich verletzender Sprache widersetzen kann. Für ihre Leistungen erhielt die Amerikanerin, die unter anderem in Heidelberg studiert hat, zahlreiche Auszeichnungen, 2012 etwa den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt – als erste Frau überhaupt. In ihren jüngsten Publikationen widmet sich Butler der Frage, wie scheinbar Machtlose mit Demonstrationen und anderen öffentlichen Versammlungen den Ungerechtigkeiten die Stirn bieten können. An der Universität Zürich hielt Butler einen Vortrag auf einer Tagung zum Feminismus im 21. Jahrhundert. (atob)

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