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«Man muss den Wahn beim Namen nennen»

In einem halben Jahrhundert ist der «Stadtwanderer» und Störenfried Benedikt Loderer zur Institution geworden. Wie funktioniert der Mann?

Er diagnostiziert der Schweiz «Hüsli-Pest» und «Alpenwahn» und hält Naturgenuss für eine Drogesucht: Benedikt Loderer, prämierter Architekturkritiker.
Er diagnostiziert der Schweiz «Hüsli-Pest» und «Alpenwahn» und hält Naturgenuss für eine Drogesucht: Benedikt Loderer, prämierter Architekturkritiker.
Christian Pfander

Im Alter wird man altersmilde. Sie, Herr Loderer, bekennen sich zu Ihrer «Alterswut». Was ist falsch gelaufen?

Gar nichts. Die gängige Erwartung ist völlig daneben. Wut ist eine Kraft, und Altersmilde ist kein Privileg, sondern eine Abnützungserscheinung, die ich nicht habe. Die Welt ist nun mal nicht so, dass man resignieren dürfte. Es gibt auch im Alter ein Recht, mit den Zuständen keinen Frieden machen zu müssen.

Mit welchen?

Im Grossen ist es die unverantwortliche Art, wie wir die Erde verbrauchen. Im Kleinen unser Konsumverhalten, das keine Zukunft hat. Bisher haben die Inhaber der Welterklärung stets verkündet, der technologische Fortschritt werde jedes Problem lösen. Aber mittlerweile ist klar, dass das nicht stimmt. Man sieht es daran, wie wir in der Schweiz das Land vergeuden und zersiedeln. Die Folgen nehmen wir hin, als sei es ein Naturgesetz. Aber wir leben über unseren Verhältnissen.

Sie halten dagegen und nennen es - so heisst Ihr letztes Buch - «Landesverteidigung». Ein aussichtsloser Kampf?

In der Architekturkritik ist es einfach: Je früher man sich einschaltet, desto eher verhindert man Katastrophen. Hier in Biel kämpft ein Komitee gegen den Westast, gegen die geplante Verlängerung der Autobahn. Vorgesehen sind zwei neue Anschlüsse beim Bahnhof und in der Seevorstadt. Die schlitzen den Stadtkörper auf und pumpen den Verkehr mitten in die Stadt. Wir wollen die Autobahn unterirdisch. Und ohne die beiden Anschlüsse, die die Stadt zerstören. Der Westast ist genehmigt, aber jetzt erst beschäftigen sich die Leute mit den Konsequenzen, und der Kanton wird gezwungen, über eine Verbesserung nachzudenken.

Sie sind im Komitee gegen den Westast.

Selbstverständlich. Es gibt momentan kein wichtigeres Thema für Biel.

Vielleicht hätte ich auch SVP-Politiker werden können. Oder Theologe. Und dann Reformator.

Ist das noch Architekturkritik?

Selbstverständlich. Sofern man damit nicht bloss die Beschreibung eines Kunstgewerbes meint. Architektur steht überall herum, man entgeht ihr nicht, und sie entsteht auch nicht im luftleeren Raum, sondern aus einer bestimmten politischen und ökologischen Situation. Von der Architektur- zur Gesellschaftskritik ist es nur ein Schritt.

Dieser Schritt ist Ihr Markenzeichen. Und Gesellschaftskritik heisst bei Ihnen oft: Dieses Land hat ein grundlegendes Problem.

Vor allem ist es reich. Wir sind die Neureichen Europas. Darum bauen wir zu viel. Wir können es uns leisten.

Allerdings wächst das Unbehagen. Das Volk hat Ja gesagt zur Zweitwohnungsinitiative und zur Revision des Raumplanungsgesetzes. Zersiedelung und «Dichtestress» sind auf der Agenda. Die Schweiz ist auf Ihrer Seite angekommen.

Das glaube ich nicht. Der Hüsli-Besitzer hat schon ein Hüsli, und er hat Ja gestimmt, weil er nicht will, dass ihm einer ein Hüsli vor die Aussicht baut. Die anderen regen sich auf, dass sie zu wenig Platz im Zug und auf der Strasse haben. Die Leute fühlen sich bedrängt, sie haben den Glauben verloren, dass mehr auch immer besser ist. Aber weniger bauen, fahren, konsumieren, das will keiner.

In Ihrem Buch reden Sie über drei Motoren der Zersiedlung: Profit, Verkehr, Mentalität. Dem Profit wollen Sie einen Riegel schieben mit einem Verbot, neue Bauzonen zu schaffen, in den bestehenden soll verdichtet werden. Gegen den Verkehr sollen die Kostenwahrheit und das Verursacherprinzip helfen. Was aber wollen Sie gegen den verbreiteten Glauben tun, das Glück sei im «Hüsli» zu finden, wie Sie sagen, im Eigenheim im Grünen?

Man muss diesen schizophrenen Wahn beim Namen nennen. Die Schweizer sind ja überzeugt, ihr Land sei schön. Und schön finden sie es dort, wo es so bäuerlich aussieht wie in der vorindustriellen Zeit. Daher der Drang hinaus aufs Land, doch gerade diese Sehnsucht treibt die Zersiedelung voran. Man muss nur einmal genau hinsehen: So schön ist die Schweiz schon längst nicht mehr, und wir sind daran schuld.

Ist das Ihre Mission: den Leuten die Augen zu öffnen?

Ich nenne es Realismus.

Können sich acht Millionen Bewohner dieses Landes irren?

Wunschdenken führt zu selektiver Wahrnehmung. Aber ich habe auch keine sauber konstruierte Theorie für meine Arbeit. Ich sehe mich um, gehe da- und dorthin, rede mit den Leuten. Meine Geschichten bestehen aus Erlebtem und Ersonnenem.

Zum Ersonnenen gehören herbe Vergleiche. Sie reden von der «Hüsli-Pest» und vom «Alpenwahn» der Schweizer. Den Naturgenuss bezeichnen Sie als Drogensucht.

Man muss die Dinge, die man zu gut kennt, überzeichnen. Sonst sieht man sie nicht mehr.

Warum aber der Griff zu Metaphern von Krankheit und Epidemie?

Um die historischen Verhältnisse umzukehren. Die Stadt macht krank, hiess es früher. Dieser Aberglaube lebt bis heute fort. Die Schweiz liebt ihre Berge, und sie erkennt sich nur dort als Schweiz, wo es Berge gibt. Zur Agglomeration hat sie kein Verhältnis. Dabei lebt dort die Mehrheit der Bevölkerung. Aber wie soll man einer Sache Sorge tragen, wenn man sie nicht zur Kenntnis nehmen will?

Keine Hoffnung, nirgends?

Vielleicht schon. Im Kleinen fängt der Wandel an, in jenen Gemeinden, die nach innen wachsen wollen. Köniz hat sich das vorgenommen. Und Ostermundigen sagte überraschenderweise Ja zum Hochhaus am Bahnhof. Früher hätte es geheissen: Ostermundigen muss Dorf bleiben.

Auch die Städte wachsen wieder. Wie passt das zu Ihrer These?

Die Städte sind tatsächlich spannender geworden. Mediterranisierung nennt man das. Aber es ist auch eine Altersfrage. Die Jungen wollen in die Stadt, die Familien dahin, wo es keine Migrantenkinder in der Schule hat. Am Schluss ist die Stadt der beste Ort, weil ich als alter Mann in den Finken in die Apotheke kann.

Sie schreiben, Sie kämpfen seit einem halben Jahrhundert. Hatten Sie nie Angst, Ihren Feindbildern zum Opfer zu fallen?

Meine Feindbilder sind wenigstens konstant. Es sind unser Umgang mit der Ressource Boden und das banale Bauen.

«Banal» heisst?

Sie können sich aufs Velo setzen, für einen Ausflug in die Agglomeration. Was erkennen Sie? Es sieht aus, als hätte der Herrgott einen Sack Bauklötze ausgeleert. Nichts hat einen Zusammenhang, jedes Haus ist der Feind des nächsten. Das Einzige, was die Bauten verbindet, sind die Strassen.

Es fehlt an Ordnung.

Eben nicht. Alles ist ordnungs- und vorschriftsgemäss gebaut.

Dann ist es die falsche Ordnung?

Richtig wäre: weniger Zwischenräume, mehr geschlossene Bebauung, ein fantasievollerer Umgang mit den Grünflächen. Die Schweizer glauben an die Bauernschweiz, darum bauen sie noch immer, als wären sie Bauern und ihre Häuser Einzelhöfe. Ein germanischer Irrtum. Unser Alltag ist heute überall gleich urban: Freizeit, Arbeit, Konsum, Scheidungsrate, und alle starren jeden Abend in dieselbe Röhre.

Nur gebaut wird nicht überall urban?

Genau. Die Agglomeration ist die Problemzone dieses Landes. Hier wurde der Boden verschwendet, hier kann verdichtet werden. Dabei geht es nicht um die wachsenden Ansprüche auf Wohnraum. Sondern um den Bodenverbrauch, die Siedlungsfläche. Die Häuser stehen mitten auf ihren Grundstücken wie gestrandete Archen. Und zur Siedlungsfläche gehört auch die Infrastruktur, die Strassen, Schienen, Shoppingzentren. Alles zusammen ergibt die Zersiedelung.

Sie sind im Spiegel aufgewachsen, in der Vorstadt Berns. Hat Sie das mitgenommen?

Das wäre Trivialpsychologie. Aber ich bin wirklich in einem Hüsli gross geworden, und ich weiss, dass das Hüsli aus den Menschen Hüsli-Menschen macht. Als Kind fand ich das noch gut, aber dann macht man eine Lehre, um etwas zu werden, zum Beispiel Bauzeichner, und am Samstagmorgen um sechs holt einen der Vater aus dem Bett: aufstehen, Rasen mähen, solange noch Tau drauf ist.

Wo finden Sie die Schweiz denn schön?

Hier zum Beispiel. (Loderer weist aus dem offenen Fenster, hinaus aufs Obergässli und auf die Bieler Altstadt.) Man kann sich die Platz sparende Bauweise der mittelalterlichen Städte zum Vorbild nehmen: Von ihr lernt man, wie Verdichtung geht. Und sie erleichtert auch den Alltag. Ich setze mich in die Beiz und kenne die Leute, es gibt ein öffentliches Leben, und ich nehme daran teil.

Klingt eher, als wäre es ein Dorf.

Der Unterschied ist: Hier kann man mitmachen - wenn man will. Man kann auch die Anonymität wählen, und niemand hat etwas dagegen.

Nach der Bauzeichnerlehre haben Sie Architektur studiert. Lange blieben Sie aber nicht im Fach.

Eine Arbeitsgemeinschaft engagierte mich für den Anbau am Hotel Bellevue. Und dann gibt es von mir ein Gartenhäuschen, gebaut für Herrn Neuenschwander, einen Nachbarn im Spiegel. Bis heute hat es aber keine Fussnote in der Architekturgeschichte hinterlassen.

Darum Ihr Wechsel in die Architekturkritik?

Als Architekt ist man abhängig, von den Auftraggebern wie von den Moden. Das passte nicht zu mir, und ich passte nicht in ein solches Büro. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich viel mehr am Schreiben als am Zeichnen bin. Und beim freien Schreiben bin ich geblieben.

Und wenn Sie nicht Autor geworden wären?

Dann vielleicht SVP-Politiker. (Grinst.) Oder Theologe. Und dann Reformator.

Hauptsache unorthodox?

Ich war schon in der Schule überzeugt, dass man die Rechtschreibung nur erfunden hat, um die Leute reinzulegen. Ich war nie gerne in der Meute.

Seit einem Jahr sitzen Sie für die Grünen im Bieler Stadtparlament. Zugleich kritisieren Sie das Verhältnis der Grünen zur Natur.

Dieses Verhältnis ist wirklich zwiespältig. Als Ökologie ist es durchaus rational. Und es macht die Dinge einfach: Ein Grüner, der sich ins Flugzeug setzt, ist keiner. Das andere ist dieser Hang zur Naturschwärmerei bei den meisten Grünen. Als ob die Natur etwas Besseres, Moralischeres wäre. Als ob das Sterben oder der Krebs nicht auch Natur wären. Mir geht diese Sentimentalität komplett ab.

Nächste Woche bekommen Sie den kantonalbernischen Kulturvermittlungspreis. Ist das, was Sie als Architektur- und Gesellschafts-kritiker treiben, Kulturvermittlung?

Sie wollen jetzt nicht über die Breite des Kulturbegriffs diskutieren, oder?

Nein, aber über die Breite des Kulturvermittlungsbegriffs.

Damit kenne ich mich nicht aus. Die Preisverleiher werden wissen, was sie tun.

Benedikt LodererGeboren 1945. Architekt, Publizist, «Stadtwanderer», Mitgründer der Zeitschrift «Hochparterre». Lebt nach Bern und Zürich heute in Biel. Stadtrat der Grünen.

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