Magischer Erdtrabant

Fünfzig Jahre Mondlandung: Die Ausstellung im Kunstmuseum Bern zeigt Höhepunkte der Grafischen Sammlung zum Thema Mond vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Goethe erbat sich eine Privatvorführung seiner beleuchteten Bilder: Franz Niklaus Königs «Die Stadt Bern im Mondlicht», 1810.

Goethe erbat sich eine Privatvorführung seiner beleuchteten Bilder: Franz Niklaus Königs «Die Stadt Bern im Mondlicht», 1810.

(Bild: Kunstmuseum/BKG)

Ein durch Wolkenbänke schimmernder Mond überzieht die Aare mit einem schillernden Schleier und wirft sein geheimnisvolles Licht auf die nächtliche Altstadt von Bern. Reflexe blitzen in der Aare auf. Einzelne Fenster sind beleuchtet und glühen in der Dunkelheit. Gezeigt wird das Aquarell «Ansichten von Bern bei Vollmond» (1810) von Franz Ni­klaus König (1765–1832) in der Ausstellung «Clair de lune – Mondbilder der Grafischen Sammlung». Aber nein, dieses Bild hängt nicht einfach so an der Wand, es befindet sich vielmehr in einer Replik des «Königskastens» – eines vom Künstler selber entworfenen Holzmöbels.

Mit diesem Schaukasten begab sich der «Kleinmeister» Franz ­Niklaus König auf Reisen durch die Schweiz und das benachbarte Ausland. Seiner Frau schrieb er am 27. Februar 1820 aus der Residenzstadt Weimar, man habe ihm «so viele Freundschaften, Achtung und Liebe erwiesen, wie ich solches nie zu verdienen glaubte». Aus dem mittellosen Berner Maler, der seine Motive in Skizzenbüchern festhielt und später in der Werkstatt mit diversen Drucktechniken vervielfältigte, war ein europaweit beachteter Künstler geworden.

Maria auf der Mondsichel

Beim damals 71-jährigen Geheimrat Goethe hatte der Berner Maler sogar einen besonderen Termin: «Goethe habe ich eine eigene Vorstellung gegeben, da er nicht wohl ist und das Geschwärm nicht vertragen kann.» Der Dichterfürst zeigte sich angetan von der Vorstellung. In seinem Guckkasten präsentierte König transparente, mit Kerzenlicht ausgeleuchtete Landschafts- und Trachtenbilder – und betrieb so Tourismuswerbung avant la lettre. Bei der Bemalung durchsichtiger Lampenschirme war der Maler auf die Idee gekommen. Die Transparent­bilder malte er meist mit Ansichten im Mondschein oder bei Sonnenaufgang. So werden die Altstadt von Bern und die Matte im 1810 entstandenen Bild «Die Stadt Bern im Mondlicht» vom Muristalden aus gezeigt.

Nein, diesesBild hängt nicht an der Wand, esbefindet sich im «Königskasten».

Die Ausstellung «Clair de lune» im Zwischengeschoss des Atelier-5-Anbaus ist von Marianne Wackernagel, der Leiterin der Grafischen Sammlung, eingerichtet worden und umfasst rund fünfzig Werke vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die Mondbilder aus unterschiedlichen Epochen lassen den Erdtrabanten mal als Beleuchtung nächtlicher Landschaften erscheinen, mal als Allegorie des Dunklen, rational nicht Durchdringbaren oder sogar als anthropomorpher Träger menschlicher Seelenzustände.

Nebst bekannten Namen wie Franz Niklaus König, Albrecht Dürer, Marc Chagall (von ihm wird erstmals die Monotypie «Profil et oiseau sur fond bleu» aus dem Jahr 1962 gezeigt, eine Schenkung der Stiftung Othmar Huber) oder Paul Klee sind auch in Vergessenheit geratene Künstlerinnen und Künstler zu entdecken: Hans Sebald Beham (mit seinem Kupferstich «Luna, Noctis Domina», um 1540), Balthasar Anton Dunker oder die jung verstorbene Expressionistin Maria Uhden, bei der sich die Figuren – nackte Menschen und Tiere – vor Sonne, Mond und Sternen in einem kosmischen Lebensrad endlos zu drehen scheinen.

Spannend sind die motivischen Verwandtschaften bei Dürer und Ernst Kreidolf (1863–1956). Während Dürer, der Verbindung zwischen Mond und Maria in der christlichen Kunst folgend, im Titel­holzschnitt des «Marien­lebens» (um 1511) den Bildtypus einer entrückten Himmelsgöttin mit einer jungen Frau kombiniert, die auf der Mondsichel Platz genommen hat und ihrem Jesus die Brust gibt, hat Kreidolf das Motiv der Mondsichel weniger symbolisch aufgeladen interpretiert: Bei ihm sind Maria und Sohn weniger Allegorien als Naturerscheinungen, die nachts feengleich übers Wasser gleiten, während der Mond am Firmament prangt. Von Kreidolf hängt auch das Aquarell «Roti Rösli: Mond und Sterne» (1925) in der Ausstellung, das eine Vorarbeit des gleichnamigen Lesebuchs für Kinder ist. Während unten auf der Erde eine nächtliche bäuerliche Szenerie wie unter einer Glasglocke gemalt ist, versammeln sich oben im Himmel Engel um einen melancholisch wirkenden Mond mit verwischten Gesichtszügen.

Countdown im Kühlschrank

Monddarstellungen des 20. und 21. Jahrhunderts sind in der Grafischen Sammlung gut vertreten, etwa mit Meret Oppenheims Kreidezeichnung «Mondspieglung in den Lagunen» (1977), den an die Tradition der Romantik anknüpfenden Aquarellen und Holzschnitten des jungen Franz Gertsch oder den vielschichtigen, mit Schatten und Spiegelungen den «Mann im Mond» evozierenden Heliogravuren «Reflexion I–III» (1971) von Markus Raetz. Ein gewichtiges Element in der Ausstellung sind die ausdrucksstarken Aquarelle, Bleistiftzeichnungen und Stoffbilder von Claude Sandoz aus dem 30-teiligen Zyklus «Mr Sun and Mrs Moon» (1973).

Und der eigentliche Anlass für die Ausstellung, das Jubiläum der Mondlandung? In seiner bekannten Wurstserie hat das Künstlerduo Fischli/Weiss 1979 – im Jahr des Bond-Films «Moonraker» – im heimischen Kühlschrank den Start mit Flaschen-Rakete und Gläser-Triebwerken nachgestellt. Der Countdown läuft. Die «Verzwergung» dieses epochalen Ereignisses auf einen handlichen Konsumartikel ist ebenso witzig wie abgründig in seiner Haltung, die sich vielleicht so umschreiben liesse: Zuweilen könnten wir den ganzen Hype um die Raumfahrt auf den Mond schiessen.

Bis 20. Oktober

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