Zum Hauptinhalt springen

Lost in Textopolis

«Wahrheit»-Kolumnistin Regula Fuchs rätselt über die gelbsüchtigten Grinsefratzen

Da stehst du also in diesem Swisscom-Salt-Sunrise-Digitec-Interdiscount-Mediamarkt-Laden und kommst dir plötzlich alt vor. Du wolltest dir merken, was die In-One-Mobile-Light-Plus-Basic-Freedom-Max-Option ist, aber nun musst du es dir trotzdem erklären lassen von einem dieser geschäftigen Herren. Und während du verständig nickst, staunst du über seine Frisur, über diese Akkuratesse der Tolle, jedes Haar an seinem Platz, auch bei den Augenbrauen schert keine einzige aus. Nicht einmal bei deiner Zahnbürste sind die Borsten so penibel ausgerichtet wie bei dieser nordkoreanisch inspirierten Haarparade. Photoshop am lebenden Objekt, denkst du, und überlegst, ob es wohl schon Frisuren aus dem 3-D-Drucker gibt.

Wenn du dann später daheim dein neues Mobiltelefon in Betrieb genommen hast, freust du dich über die Nachrichten deiner Freunde, auch wenn dir nicht einsichtig ist, warum erwachsene Menschen, die der deutschen Sprache überdurchschnittlich gut mächtig sind, mittels Smileys kommunizieren. Allerdings erscheint dir deine Weigerung, in der mobilen Schriftsprache Emojis zu verwenden, trotzdem irgendwie störrisch, ein bisschen wie bei jenen Vorfahren, denen so ein Telefonapparat unter keinen Umständen ins Haus kam.

Und wieder kommst du dir älter vor, als du bist, aber auf dieses Gefloskel von wegen «Man ist so alt, wie man sich fühlt» hast du ja noch nie viel gegeben. Du hältst es mit Max Goldt, der schrieb: «Wenn ein Mensch herausfinden möchte, ob er den Alten oder den Jungen zuzurechnen sei, werfe er zunächst einen Blick in seinen Personalausweis, um anschliessend die aktuelle statistische Lebenserwartung in seinem Lande nachzuschlagen. Diese teile er durch zwei.» Kurz rechnen: Ha, ganz knapp noch jung. Aber die Schwelle zum Alter schon in Sichtweite.

Kein Wunder, dass sich die körperlichen Beschwerden in deinem Umfeld langsam mehren, eigentlich müsste es rasseln im Bus, wenn er über eine Unebenheit fährt, so viele deiner Bekannten beherbergen mittlerweile Nieren-, Gallen- oder Urinsteine. Und dann der Rücken! Wie neugierige Schnecken lugen die Bandscheibenknorpel zwischen den Wirbeln hervor und spielen mit ihren Köpfchen Harfe an den Nervensträngen, bis du, komplett unbeweglich, nur noch dem Schmerz lauschst. Und sogar die Sportlichsten trifft es: Leise spottend über den Ehrgeiz ihrer Besitzer quittieren Meniskus, Gelenke und Bänder allmählich den Dienst.

Trotzdem macht dir dein nächster Geburtstag nichts aus, es trudeln Gratulationen auf deinem Bildschirmchen ein, Hufeisen, Kleeblätter, ja sogar kleine Champagnergläser leuchten da auf, und natürlich diese gelbsüchtigen Grinsefratzen, deren Botschaften dir immer etwas schleierhaft sind. Immerhin kannst du sie im Detail erkennen, seit du die neue Brille hast (vorher musstest du dich mit den verschwommenen gelben Fleckchen gar nicht erst befassen).

Schon wieder ein Jahr mehr also, und damit gehörst auch du zu den menschlichen Gebrauchtwaren. Das realisierst du allerspätestens dann, wenn neben dir im Spiegel die frischen Gesichter deiner Kinder auftauchen und dir erklären, dass in der Klasse nun alle Emoji-Fans sind. Und dass man sich gemeinsam den Emoji-Film ansehen wolle. Hollywood kommt dir ja schon länger vor wie ein Spielplatz für verwöhnte Rich Kids. Autos und Flugzeuge mit Glubschaugen gab es da schon, Vampire, die sich in Werwölfe vergucken oder umgekehrt, Riesenroboter, die aus unerfindlichen Gründen gleichzeitig Spielzeugautos sind. «‹Emoji – Der Film›», liest du, zeige «die geheime Welt in einem Smartphone». Darin versteckt ist eine ganze Stadt, die Textopolis heisst und wo die Emojis wohnen. Und du schaust auf dein Telefon und denkst:

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch