Leuchtende Miniaturen

In «Vor dem Fenster» verwebt Stephan Mathys kunstvoll Geschichten über ganz verschiedene Menschen und Erlebnisse. Das ist manchmal lustig, manchmal tragisch.

Der Autor Stephan Mathys hat ein neues Buch geschrieben.

Der Autor Stephan Mathys hat ein neues Buch geschrieben.

(Bild: Colourbox (Symbolbild))

Ein Paar streitet sich in einem Berner Tram. Ein Junge schreibt nur in Spiegelschrift. Ein alter Mann möchte nicht mehr einsam sein und sucht Kontakt zu seinem Nachbarn. Eine Frau trifft eine folgenschwere Entscheidung. Ein marodes Gebäude versinkt im Boden und reisst die Erinnerungen einer Familie mit sich. Ein Mann sucht über Landesgrenzen hinweg seinen leiblichen Vater. Und alle Geschichten berühren sich irgendwo – Figuren tauchen mehrfach auf, durchqueren im Hintergrund ganz neue Szenen. Manche lernen wir besser kennen, da wir ihnen wieder und wieder begegnen, andere bleiben mysteriös.

Die Geschichtensammlung «Vor dem Fenster» von Stephan Mathys ist raffiniert gebaut. Wie die Glieder einer Kette reihen sich dreissig Miniaturen aneinander, scheinbar ordentlich. Doch im Verlauf der Lektüre wird einem bewusst, dass man es eigentlich mit einem wilden Reigen zu tun hat, wie in Arthur Schnitzlers gleichnamigem Stück: Geschichten überschneiden sich, Schicksale kommen zusammen, werden gewaltsam getrennt. Und am Ende ist man wieder dort, wo man am Anfang war – nur fühlt sich alles ganz anders an.

Die Welt als Theater

Stephan Mathys, 1968 geboren und in Bern tätig, ist Kunst- therapeut, Lehrer und Autor von Theaterstücken, Songtexten und Hörspielen. Aus Theater und Hörspiel ist viel in diese Prosatexte eingeflossen – das Entwerfen von kunstvoll-lebendigen Dialogen, das Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven. Der Schriftsteller versetzt sich in die Rolle eines Beobachters, für den die Welt eine Bühne ist. Für ihn, und damit auch für uns, die Leser, werden Tragödien und Komödien aufgeführt. «Ich bin ein Schauspieler, und die Stadt ist meine Bühne, aber ich weiss nicht, wie das Stück heisst», sinniert etwa eine Figur, ein suchender Maler. Ob vermeintlich Reales und Realistisches erzählt wird oder doch alles nur Spiel ist, bleibt teilweise unklar. Da entpuppen sich Figuren schon einmal als Schauspieler, und ein junger Icherzähler mit schriftstellerischen Ambitionen wird zum Autor von zwei der Miniaturen erklärt.

«Vor dem Fenster»: Da steckt schon die Idee eines überraschenden Einblicks, einer Momentaufnahme aus einem Leben, das lange vor der Erzählung begann und – in den meisten Fällen – weit über sie hinausreicht. Mathys gelingt es auf subtile und immer wieder überraschende Weise, solche Einblicke zu gewähren. Die Geschichten sind so unterschiedlich wie die Formen, in denen sie erzählt werden. Manchmal wird man direkt in der zweiten Person angesprochen, dann kommt ein Icherzähler zu Wort, dann wieder nehmen wir eine Vogelperspektive ein. Mathys Stil ist prägnant und wandelbar; er kann blumig, aber auch lakonisch sein, flapsig oder poetisch. Wunderbar zum Beispiel der Blick in den Kopf eines Jungen, dessen Fantasie noch ganz eigene Wege geht: «Papa hat einmal gemeckert, als wir zu laut waren und er ein Mittagsschläfchen halten wollte. Ich habe ihm gesagt, er solle nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren schliessen.»

Manchmal klischiert

Nicht alle Perspektiven sind allerdings gleich überzeugend. Manchmal kippt das Erzählte ins Klischierte – da gibt es zum Beispiel einen Mann, der sich Liebesdienste erkaufen will, dann aber durch seinen Körper verraten wird. Oder einen Gamer, der einem (für tatsächliche Gamer ziemlich seltsam wirkenden) Spiel verfallen ist und der Realität mit Gleichgültigkeit und Aggressionen begegnet. In einer anderen Geschichte sehen wir, wie dieser junge Mann beim Versuch scheitert, eine Freundin zu finden.

Doch Momente, in denen die Geschichten etwas sehr gemacht wirken, bleiben zum Glück selten. Im Grossen und Ganzen ist Mathys ein dichtes Gewebe aus leuchtenden Miniaturen gelungen, die im Gedächtnis bleiben. Man hätte gerne noch mehr gelesen, die Figuren noch weiter begleitet. Doch irgendwann muss der Vorhang fallen – und schon ist man wieder am Anfang, im Tram mit einem Paar, das sich streitet. Oder spielt es den Streit etwa nur?

Stephan Mathys: Vor dem Fenster. Geschichten. Edition 8, Zürich 2018. 296 Seiten, 27 Franken. Der Autor liest am 6. Februar 2019 im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Lesesessel» im Kulturlokal Ono in Bern.

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