Lachen wie in den 90ern

Eher für zwischendurch als abendfüllend: Das Theater Matte eröffnet die Saison mit einer berndeutschen Fassung von «Indien» - einer Tragikomödie voller Herrenwitz.

Das grösste Bravo gebührt Dänu Brüggemann (rechts). Er hat den Text übersetzt und verkörpert den Gasthofinspektor Kurt Fellner in aller Unverkrampftheit.

Das grösste Bravo gebührt Dänu Brüggemann (rechts). Er hat den Text übersetzt und verkörpert den Gasthofinspektor Kurt Fellner in aller Unverkrampftheit. Bild: Lea Moser

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Toilettenlektüre wird niemals sterben. Wegen des prompten Vergnügens, das sie auf beliebig aufgeschlagenen Seiten bereitet. So wie der Abort zum letzten Habitat des Gameboys wurde, so könnten dort auch Comics und Spruchbücher vielleicht bald alle anderen Druckerzeugnisse überdauern – eine letzte Bastion des Herrenwitzes. Aber lachen wie in den 90ern kann man derzeit auch im Theater Matte.

Denn «Indien» ist weniger ein Theaterstück als ein kabarettistischer Comicstrip für die Bühne. Man könnte beliebig ein und aus gehen. Die Pointen sind gut, mit der Zeit erkennt man sie schon von weitem anmarschieren. Sie stammen von Josef Hader und Alfred Dorfer, Schirmherren des österreichischen Kabaretts. Aber sie stammen eben auch aus ihrer frühen Schaffenszeit, als der Verlass auf die subtile Wirkung noch schwächer ausgeprägt war als der Drang zur Zotendrescherei.

Die berndeutsche Fassung von Dänu Brüggemann und seine Verkörperung des Gasthofinspektoren Kurt Fellner sind die grössten Leistungen dieses Abends: Die bekannte Tragikomödie über eine Männerfreundschaft – 1993 wurde sie auch verfilmt – ist gelungen übersetzt. Doch die zahlreichen optisch verwechselbaren Szenen sprengen in der Aneinanderreihung ebenjene dem Fäkalhumor vorbehaltene Aufmerksamkeitsspanne. Was aufgeteilt auf mehrere Toilettengänge also hochvergnüglich wäre, ist als einzelner Theaterabend zu viel des Guten.

Hassen, zechen, sterben

Als zwei Kollegen steigen Brüggemann und Walter Stutz Jr. in ländlichen Gasthöfen ab, Iris Mundle übernimmt dabei die Technik sowie die Nebenrollen. Die Prüfer evaluieren Schnitzel, Bier und Lavabos. Der redselige Kurt Fellner (Brüggemann) geht seinem Partner Heinz mit allerlei Faxen gehörig auf die Nerven. Dann zechen sie und werden Freunde, bis einer an Hodenkrebs in einem autobahnnahen Spital – und unter tosendem Baulärm, denn es wird renoviert – stirbt. Indien ist dabei mal das Land der Indianer, mal ein Ausgangspunkt für spirituelle Gedanken, meistens aber Schauplatz für herbeifantasierte Weisheiten.

Und am Übel sind meistens die Frauen schuld, weil sie fremdgehen oder nicht schön altern. Weil man für sie vergebens «krüppelt» und sie sich dann doch anfühlen wie «kalter Griessbrei.» Wenn der Pflaumenschnaps die Zunge lockert, wird es richtig wüst, die zynische Überzeichnung des Ekels macht ihn nicht bekömmlicher – ein grosses bildungsbürgerliches «Pfui» liegt auf der Zunge. Walter Stutz verkrampft sich teilweise stark für die Darstellung, dagegen bleibt Brüggemann entspannt, schaut düpiert in die Weltgeschichte oder gähnt inmitten der unzähligen Zoten. Gegen Schluss gibt es kurze feine Momente zwischen den ungleichen Freunden, etwa wenn derjenige mit der Diagnose den anderen um Gelassenheit bittet.

Speckschwarten im Gesicht

Der Tod sei «eifach wie umstige ds Olte», sagt Brüggemann, und seine Umsiedlung der Handlung und Sprachkomik in die Schweiz ist dem Text teilweise nicht anzumerken. Der Himmel mag letztendlich eine Steuerverwaltung sein, doch man kriegt dort keine Speckschwarten ins Gesicht gedrückt. In den letzten Zügen lernt Kurt seinen Freund schätzen, und zwar «weil du nichts kapierst. Und das ist schön.»

Doch der Weg zu diesen Feinheiten führt in Markus Maria Enggists Regie über zahllose misogyne Niederungen. Anders kommentiert – oder portioniert – hätte das mehr als eine kurzatmige Lachnummer unter der Gürtellinie werden können. (Der Bund)

Erstellt: 10.09.2018, 07:07 Uhr

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