Kunsthalle: Der «Hoffnungsträger» wurde zur Belastung

Der 45-jährige Genfer Fabrice Stroun verlässt die Kunsthalle auf Ende Februar 2015. Der Abgang kommt angesichts seit längerem bekannter personeller und betrieblicher Schwierigkeiten nicht unerwartet.

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Auf der Traktandenliste gab es keinen Vermerk zum Stichwort «Direktion». Das wichtigste Geschäft war – zumindest offiziell – im Zuge des angestrebten Generationenwechsels die Wahl zweier neuer Mitglieder in den Vorstand. Eher am Rand wurde an der Mitgliederversammlung des Vereins Berner Kunsthalle am vergangenen Montag bekannt gegeben, dass Direktor Fabrice Stroun auf Ende Februar 2015 die Kunsthalle verlassen werde. Ein Teilnehmer der Mitgliederversammlung konstatierte eine gewisse Überraschung, Nachfragen aus dem Publikum hätte es aber keine gegeben. Auch der anwesende Fabrice Stroun äusserte sich zu seinem Abgang nicht.

Es herrscht vorerst Stillschweigen. Christian Gossweiler, Präsident des Vorstands des Vereins Berner Kunsthalle, will zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht über den Abgang von Fabrice Stroun reden, schreibt aber dem «Bund» in einer Mail, Direktor und Vorstand hätten «aus gegenseitigem Respekt und Achtung vor der Kunsthalle» beschlossen, zu einem späteren Zeitpunkt gemeinsam zu kommunizieren.

Tatsache ist: Stroun hat gekündigt, wie verschiedene Quellen übereinstimmend bestätigen. Die Beendigung des Vertrages auf Februar 2015 ist offenbar ein Kompromiss; Stroun selber wollte bis Ende 2015 im Amt bleiben. Möglicherweise fühlte er sich vom Vorstand auch unter Druck gesetzt und empfand gewisse Entwicklungen als Beschneidung seiner Kompetenzen, als Zurückstufung gar. In einem am Montagabend verschickten Comuniqué dankt der Vorstand dem seit Mai 2011 amtierenden Fabrice Stroun für seine «hervorragenden Leistungen», ohne jedoch auf die Gründe für Strouns vorzeitigen Abgang einzugehen.

Gossweiler betont, dass Stroun in den vergangenen zwei Jahren ausgezeichnete künstlerische Arbeit geleistet habe: «Es finden heute vermehrt junge Leute den Weg in die Kunsthalle, die Besucher kommen aus der ganzen Schweiz und aus dem Ausland. Die Rezeption der Ausstellungen wurde entschieden verbessert.»

Das Repräsentieren lag ihm nicht

Trotz des Lobs für Strouns Arbeit halten sich alle Beteiligten momentan bedeckt, zitieren lassen will sich niemand. Wahrscheinlich müssen noch gewisse Modalitäten geregelt werden; insbesondere die Planung einzelner Ausstellung ist zweifellos bereits weit fortgeschritten. Allein, Strouns Abgang kommt so überraschend nicht. Spätestens als Ende Juli der Abgang von gleich drei Personen aus dem Kernteam der Kunsthalle bekannt wurde, waren die betrieblichen und personellen Probleme nicht mehr zu übersehen.

Die Kündigungen der administrativen Leiterin Pascale Keller, von Assistenz-Kurator Tenzing Barshee, der auch zuständig für die Kommunikation war, und von Karin Minger, verantwortlich für Archiv und Website, konnten zweifellos nicht als zufällige Häufung abgetan werden. Der Vorstand unter Präsident Christian Gossweiler hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine organisatorische und personelle Umstrukturierung eingeleitet, die von einem externen Coaching begleitet wurde.

Ein Auslöser für diesen Prozess war unter anderem auch der Angriff der Berner Jungfreisinnigen gewesen, die im August 2013 vorgeschlagen hatten, aus Spargründen die Kunsthalle zu schliessen und künftig für das Nachtleben zu nutzen. Politisch hatte der Vorstoss zwar keine Chance, aber Direktor Fabrice Stroun entging nicht, dass sogar kulturpolitische Exponenten der Sozialdemokraten von der Kunsthalle verlangten, sie müsse ihre Aktivitäten und Ausstellungen besser vermitteln. Er wirkte verunsichert und musste erkennen, dass der Erklärungs­bedarf gegenüber der Politik viel grösser war als angenommen.

Gegenüber dem «Bund» stellte er fest, er sei bislang davon ausgegangen, «dass ein natürliches Band zwischen Bern und der Kunsthalle besteht». Strouns mangelnde Erfahrung mit einer öffentlichen Kulturinstitution, die anderen Gesetzmässigkeiten gehorcht als die Off-Space-Szene, zeigte sich nicht zuletzt darin, dass er wenig Gefallen fand an der zum Jobprofil gehörenden Pflege von Kontakten zu Politik und Sponsoren.

Erschwert wurde Strouns spät einsetzende Lobbyarbeit für die Kunsthalle – auch vor dem Hintergrund der von der Kunsthalle für die Periode 2016 bis 2019 beantragten Subventionserhöhungen um 111 000 Franken – auch durch seine eher bescheidenen Deutschkenntnisse. Er belegte zwar einen Sprachkurs, pflegte aber im Gespräch meist auf Englisch auszuweichen oder gleich bei seiner französischen Muttersprache zu bleiben.

Negativer Coaching-Bericht

Angestrebt werden mit der Neuorganisation eine «Verbesserung der Abläufe», eine klarere Abgrenzung der Kompetenzen und die Schaffung einer professionellen Pressestelle. Hintergrund dieses Schrittes war laut Insidern eine über lange Zeit gewachsene organische Organisation, bei der zuletzt die Zuständigkeiten nicht mehr klar gewesen seien.

In dieses Coaching einbezogen war selbstverständlich auch der Direktor, dessen Arbeitsweise von der Kunsthalle nahestehenden Personen als von «Führungsschwäche» geprägt sowie «unstrukturiert bis chaotisch» bezeichnet wird. Ursprünglich war geplant, der administrativen Leiterin Pascale Keller mehr Kompetenzen und mehr Entscheidungsbefugnisse einzuräumen; diese Absicht, dem Direktor eine starke kaufmännische Position an die Seite zu stellen, wurde jedoch mit der Kündigung von Keller hinfällig.

Offenbar fiel das Resultat des Coaching-Berichts für Fabrice Stroun ziemlich negativ aus; unter anderem wurde festgehalten, dass in absehbarer Zeit keine Veränderung im Verhalten des Kunsthalle-Direktors zu erwarten sei. Kurzum: Strouns Überforderung durch organisatorische und Führungsaufgaben wäre weiter bestehen geblieben.

«Glücksfall» und «Fehlbesetzung»

Angetreten war der 45-jährige Genfer in Bern im Frühling 2011 – als Nachfolger von Philippe Pirotte aus rund 100 Bewerbungen ausgewählt – mit viel Vorschusslorbeeren. Stroun vermochte die Mitglieder der Findungskommission und Vertreter der Abteilung Kulturelles der Stadt Bern mit seinem Auftritt und seiner Leidenschaft für die Kunst zu begeistern. Der damalige Präsident des Kunsthalle-Vereins, Wolf von Weiler, sprach von einem «Glücksfall für Bern» und erkannte im freien Kurator Stroun jemanden, «der durch seine Persönlichkeit der Kunsthalle Bern eine neue Identität geben kann».

Stroun sollte, so die Erwartung, die «Brückenfunktion» der Kunsthalle in künstlerischer und sprachregionaler Hinsicht beleben. Einmal mehr war mit Stroun ein «Hoffnungsträger» gewählt worden, der der Kunsthalle, so die unausgesprochene Erwartungshaltung, zu neuem Glanz verhelfen sollte. Stroun war sich des Mythos der Kunsthalle bewusst, der sich vor allem aus den 60er-Jahren nährt und eng mit dem Namen Harald Szeemann verbunden ist. Im Antrittsinterview mit dem «Bund» versuchte er denn auch, unrealistischen Erwartungen entgegenzutreten.

Eine so zentrale Position, wie sie die Kunsthalle für die Schweiz und zum Teil für Europa früher vielleicht eingenommen habe, «wird sie nie mehr haben». Die Kunsthalle in den 60er-Jahren strahlte in der Tat über die Landesgrenzen hinaus; es war aber auch eine ganz andere Kunstlandschaft mit viel weniger Institutionen, die sich ausschliesslich mit Gegenwartskunst beschäftigten. Insofern war es für Harald Szeemann ungleich leichter, mit seinen Ausstellungen überregional für Aufsehen zu sorgen.

Ist Stroun auch künstlerisch gescheitert beim Spagat zwischen regionaler Verankerung und internationaler Ausrichtung? Im neuen Kulturkonzept der Stadt für die Periode 2016 bis 2019 wird die Kunsthalle als international bedeutendes Haus für zeitgenössische Kunst charakterisiert, «das noch besser im lokalen Kulturleben verankert werden soll». Für Stroun hat sich die zeitgenössische Kunst jedoch längst globalisiert; was vor einem Jahrzehnt noch als regional gegolten habe, sei heutzutage schlicht «schweizerisch». Vor diesem Hintergrund ist möglicherweise weniger Fabrice Stroun eine «Fehlbesetzung» für die Kunsthalle, dafür umso mehr die kursierende Vorstellung von «lokaler Kunst» ein Missverständnis.

DerBund.ch/Newsnet

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