Zuletzt in Alibabas Höhle

Von dunkelroten Zahlen bis zum Gurlitt-Erbe: Christoph Schäublin, Stiftungsratspräsident des Kunstmuseums Bern zieht Bilanz.

Die erste Nachricht zu Gurlitts Testament hörte Christoph Schäublin auf seiner Combox. Er hielt sie für einen Witz.

Die erste Nachricht zu Gurlitts Testament hörte Christoph Schäublin auf seiner Combox. Er hielt sie für einen Witz.

(Bild: Valérie Chételat)

Zweimal sagte er Nein. Christoph Schäublin lehnte den Job ab, für den ihn Regierungsrat Mario Annoni unbedingt haben wollte. Ein Krisenfall wars, und die Zeit drängte. «Aber ich wollte trotzdem nicht», sagt Schäublin heute. Als Rektor der Uni Bern und Präsident der schweizerischen Rektorenkonferenz sei er genug ausgelastet gewesen. Zudem war 2001 das Amt des Präsidenten der Stiftung Kunstmuseum Bern wenig verlockend.

Der damalige Direktor Toni Stooss stand intern und extern unter Beschuss: Das Museum schrieb tiefrote Zahlen und steckte in einer Identitätskrise, weil der Auszug der Sammlung Paul Klee bevorstand, die das Bild des Museums massgeblich geprägt hatte. Doch Annoni liess nicht locker, und Schäublin gab nach. Bereits im ­ersten Monat einigte er sich mit dem Direktor auf eine Trennung – weitere ­Entlassungen folgten.

Dreizehn Jahre später schreibt das Museum schwarze Zahlen, und Schäublin hat seinen grossen Auftritt in den TV-Hauptnachrichten. Wegen der Sammlung Gurlitt, die letztes Jahr dafür sorgte, dass das beschauliche Museum an der Hodlerstrasse plötzlich von der internationalen Presse belagert wurde. «Dieses letzte Jahr als Stiftungsratspräsident war eines der spannendsten meiner ganzen Berufszeit», sagt Christoph Schäublin.

Bilderstreit und Fusion

Allerdings: Schäublins ganze Amtszeit, die diesen Sommer endete, gehört zu den bewegtesten Phasen in der Geschichte des 136-jährigen Museums. Nach Stooss’ Abgang hörten die Probleme längst nicht auf. Schlagzeilen schrieb als nächstes der Berner Bilderstreit, den das Kunstmuseum mit dem Zentrum Paul Klee und den Subventionsbehörden ausfechten musste. «Es wurde ja ganz selbstverständlich erwartet, dass wir auch die Klee-Bilder aus unseren Beständen und den uns anvertrauten Sammlungen ans Klee-Zentrum abtreten würden», sagt Schäublin.

Es war nicht das einzige Mal, dass Schäublin, dem das Museum immer mehr ans Herz wuchs, sich gegen Übergriffe der Politik verteidigen musste. Denn kaum war der Bilderstreit beigelegt, wartete der nächste Angriff: die Fusion. Das neue Zentrum Paul Klee war nach kurzer Zeit in eine finanzielle Schieflage geraten, welche die Behörden unter anderem mit einer Zusammenlegung mit dem Kunstmuseum beheben wollten. «Das wäre absolut fatal gewesen», sagt Schäublin.

«Wir wären ausgeblutet worden, und das, nachdem wir mit einschneidenden Massnahmen wie Entlassungen das Kunstmuseum saniert hatten.» Schäublin war auch dagegen, weil er nicht daran glaubte, dass durch die Auslöschung zweier eingeführter Marken und der Schaffung einer neuen eine grosse Dynamik ausgelöst werden kann. «Die Idee einer Dachstiftung für zwei Häuser mit ganz eigenen Profilen, wie sie jetzt umgesetzt wird, haben wir früh ins Spiel gebracht.»

Keine Lorbeeren holte sich Schäublin bei der Realisierung der seit langem geplanten Abteilung Gegenwart. Wenig professionell war der Umgang sowohl mit den verschiedenen Anbauprojekten als auch mit Mäzen Hansjörg Wyss, der sich massgeblich an den Finanzierung beteiligen wollte und vergrault wurde. «Das Projekt ‹Scala› ist finanziell aus dem Ruder gelaufen, aber wir hatten wenigstens den Mut zu einem rechtzeitigen Übungsabbruch», sagt Schäublin. Die jetzt geplante Inhouse-Lösung sei zwar bescheiden, aber zweckdienlich: «Das Museum wird endlich seine Schätze der Gegenwartskunst zeigen können.»

Gurlitt – eine Nummer zu gross

Die letzte und ganz grosse Herausforderung, die Schäublin meistern musste, hatte er erst als dummen Witz abgetan, als er auf seiner Combox die Nachricht von Gurlitts Testament vorfand. Als dann die schriftliche Bestätigung vorlag, hätte er sich am liebsten erst einmal zurückgezogen, um in aller Ruhe über dieses kaum fassbare Geschenk und seine Folgen nachzudenken – «doch ich musste subito eine Medienmitteilung verfassen». Von Respekt und Verantwortung war da vor allem die Rede.

Verantwortung bleibt denn auch das Schlüsselwort im Umgang mit dem doch ziemlich toxischen Erbe, das laut Schäublin in den Medien anfänglich masslos überschätzt worden ist. «Von einem Wert in der Höhe von einer Milliarde Euro ist ja erst die Rede gewesen.» Zudem habe der Anteil Raubkunst noch nicht genau beziffert werden können. «Wir befürchteten, dass die Sammlung für das Kunstmuseum eine Nummer zu gross ist.» So habe man erst einmal – noch sehr hypothetisch – mit juristischer Unterstützung analysiert, wie sich die Risiken minimieren liessen.

«Da ist uns sehr schnell klar geworden, dass wir auf Unterstützung angewiesen sind.» Entscheidend auf dem Weg zur Annahme des Erbes war das erste Treffen mit Monika Grütters. «Wir haben sie direkt gefragt, ob die Bundesrepublik uns helfen könne, die Verantwortung wahrzunehmen und das Erbe anzutreten.» Die Antwort der deutschen Kulturministerin sei unmissverständlich gewesen: «Sie können sich auf uns verlassen», und dieser Satz sei dann zur Basis der Verhandlungen geworden. «Den Deutschen ist viel daran gelegen, dass die Sammlung nach Bern kommt.» Grütters’ oberster Chefbeamter verhandelte mit den Vertretern des Kunstmuseums. «Das war für uns ein unmissverständliches Zeichen, dass das ­Geschäft höchste Priorität hat.»

Dieses grosse Engagement, die Verhandlungen und die Vereinbarung, die daraus resultierte, hätten dem Stiftungsrat allerdings auch klargemacht, dass er das Erbe kaum mehr würde ausschlagen können. «Hätten wir abgelehnt und die Vereinbarung wäre publik geworden, ­wären wir in einen Erklärungsnotstand ­geraten.»

Die amerikanische Freundin

Weniger kooperativ war das Bundesamt für Kultur (BAK), über dessen Rolle sich Schäublin nicht äussern will. Nur so viel: Die Bedenken des BAK sowie einiger Schweizer Museen könne er nicht nachvollziehen. Befürchtet wird, dass das Abkommen Gurlitt zum Präzedenzfall werden und den Weg zu einer strengeren Auslegung des Washingtoner Abkommens zu Raub- und Fluchtkunst ebnen könnte, wie sie Deutschland handhabt.

«Juristisch betrachtet haben wir ganz klar keinen Präzedenzfall geschaffen. Aber die Schweiz wird wohl nicht darum herumkommen, früher oder später anzuerkennen, dass abgezwungene Kunst auch Raubkunst ist», sagt Schäublin. «Und je früher diese Diskussion geführt wird, die sich nicht nur um formaljuristische, sondern auch um moralische ­Fragen dreht, desto besser.»

In einem ganz heiklen Moment der Entscheidungsfindung ist dafür Hilfe von überraschender Seite gekommen. Kurz vor Ablauf der Frist Ende November 2014 baute der amerikanische Unternehmer Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, eine gewaltige Drohkulisse auf, als er verkündete, dass das Museum mit Sammelklagen eingedeckt würde, falls es das Erbe annähme.

«Weil er nicht mit uns direkt sprechen wollte, vermittelte Susan LeVine, die amerikanische Botschafterin in Bern.» Und das sehr erfolgreich. Unmittelbar nach Bekanntgabe der Vereinbarung des Museums mit Deutschland liess Lauder dann verlauten, dass der Vertrag Modellcharakter habe, und von einer Sammelklage war keine Rede mehr.

Und jetzt ein Schlussstrich

Zweimal konnte sich Schäublin selber ein Bild von der Gurlitt-Sammlung machen und in Alibabas Höhle hinabsteigen. Am meisten beeindruckt haben ihn Cézannes Landschaft «Montagne Sainte-Victoire» sowie Papierarbeiten deutscher Expressionisten. Keinen Zugang mehr hatte er zu den umfangreichen Dokumenten, die in Cornelius Gurlitts Salzburger Haus sichergestellt wurden.

Weil Gurlitts Testament von Verwandten angefochten worden ist, sind sie unter Verschluss. Schäublin bedauert, dass der Schatz nicht mehr während seiner Amtszeit nach Bern geholt werden konnte und die ganze Sammlung bis auf weiteres blockiert ist. Aber er hat Verständnis für den Entscheid des Gerichts, ein Gutachten zu Gurlitts Verfassung in der Zeit vor dessen Tod im Mai 2014 in Auftrag zu geben. «Der Fall ist von so grosser Brisanz, da will das Gericht auf gar keinen Fall, dass man ihm einmal vorwerfen könnte, es hätte voreilig gehandelt.»

Und er selber, wäre er gern weiter in die Causa Gurlitt involviert? Der 74-jährige Schäublin zögert einen Moment: «Irgendwann muss man einen Schlussstrich ziehen. Jetzt entscheiden andere.»

Der Bund

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