Zeigen, was die westlichen Medien weglassen

Bamako in Mali ist die Fotografie-Hauptstadt Afrikas. Die Biennale kämpft allerdings auch gegen Stromausfälle.

Dieses Jahr feiert die «Biennale Africaine de la Photographie» ihr 25-Jahr-Jubiläum: Besucher an der Eröffnung Ende November. Foto: AFP

Dieses Jahr feiert die «Biennale Africaine de la Photographie» ihr 25-Jahr-Jubiläum: Besucher an der Eröffnung Ende November. Foto: AFP

Der Geist des Panafrikanismus liefert den Herzschlag dieser Biennale. In den über ganz Bamako, Mali, verteilten Ausstellungsorten stellen Fotografen der verschiedenen afrikanischen Diaspora-Kulturen von Peru über Brasilien und Nordamerika bis nach Indien aus. Verwirrend nur, dass deren Nationalitäten auf den Begleittafeln konsequent ausgespart bleiben.

Dabei hatte die Biennale selbst mit ihrer Abnabelung von der einstigen Kolonialmacht Frankreich zu kämpfen. Zwar übernahm das Institut français wieder die Hälfte des Budgets von 500'000 Euro, doch zum ersten Mal lag die gesamte Organisation in Afrika, genauer gesagt beim malischen Kultusministerium. Wenn Bamako als die Fotografie-Hauptstadt Afrikas gelten möchte, warum sollte man dann die 1500 Abzüge nicht auch vor Ort machen?

Das Kuratorenteam hatte allerdings mit den Bedingungen zu kämpfen. Einige angereiste Fotografen fanden kein Hotelzimmer, man suchte vergeblich nach Namenstafeln oder schaute wegen der täglichen Stromausfälle auf schwarze Videoschirme.

Immer wieder geht es bei dieser Biennale um die Sichtbarmachung der Übersehenen.

Immer wieder geht es bei dieser Biennale um die Ränder der offiziellen Geschichte. Mali, das musste man sich in dieser friedlichen Hauptstadt-Oase immer wieder ins Gedächtnis rufen, steckt seit 2012 in der Krise. Jihadistische Gruppen haben weite Teile des Landes unzugänglich gemacht, bis vor zwei Monaten galt nicht zuletzt wegen ethnisch motivierter Massaker im Zentrum Malis der Ausnahmezustand.

Da bedurfte es starker Bilder. Bilder, die eine Gegenerzählung zum blossen Überlebenskampf der Menschen auf der Strasse entwickeln. In diesem Sinne lassen sich die geballten Fäuste des Maliers Fototala King Massassy als Widerstandsakte lesen, Fäuste, deren Talismanringe den Trägern Unverletzlichkeit oder zumindest Schutz versprechen. Andere Arbeiten beschäftigen sich mit traditionellen animistischen Glaubenssystemen.

So ruft Kitso Lynn Lelliott aus Botswana in ihrem Video die über die Diaspora verstreuten Ahnen an: Der Gegenschnitt brasilianischer Candomblé-Riten, afrikanischer Savannen, Meeresküsten und Geisterfiguren zu einer einsamen schwarzen Frau in einem bayerischen Schloss des 19. Jahrhunderts entwickelt einen ganz eigenen Sog.

Zur Hälfte Werke von Frauen

In der Krise zählt die Solidarität. In diesem Sinn hat Chef-Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung neben 85 Einzelkünstlern auch ein halbes Dutzend Fotografenkollektive von beiden Seiten des Atlantiks geladen: etwa die seit den 60er-Jahren politisch emanzipatorische Gruppe Kamoinge aus den USA. Oder Invisible Borders aus Lagos. Die jungen nigerianischen Fotografen, Videofilmer und Autoren bereisen regelmässig per Bus den Kontinent und erforschen über Installationen, die wie Reisetagebücher funktionieren, die Strassen als Metapher. Migration, sagt ihr Gründer Emeka Okereke, sei eine urafrikanische Lebensform.

Eindrucksvoll auch das Kollektiv 2d aus Haiti, dessen Fotoserie an ein vergessenes Massaker während der Diktatur von Jean-Claude Duvalier erinnert. Überhaupt dreht sich in Bamako vieles um Archive, die Bergung verdrängter Historien, die Neubewertung von (Kolonial-)Geschichte: Kodwo Eshuns Gruppe Otolith zeigt im etwas heruntergekommenen Musee du District Hunderte unbekannter Bilder, die der afroamerikanische Schriftsteller Richard Wright im Jahre 1953 gemacht hatte, als er für die Recherchen zu seinem Buch «Black Power» die Rallys der sozialistischen Unabhängigkeitsbewegung des späteren ghanaischen Präsidenten Kwame Nkrumah begleitete.

Immer wieder geht es bei dieser Biennale um die Sichtbarmachung der Übersehenen. So hat Yvon Ngassam den harten und gefährlichen Alltag der Zemidjan genannten Taxi-Moped-Fahrer in Benin dokumentiert. In «I Have a Dream» erzählen sie per Video von ihrer Arbeit, ihren Hoffnungen und Träumen – während der Fotograf ihnen eine Serie von umgerüsteten Helmen widmet, die mit ihren Metallhörnern und Ornamenten an traditionelle Gelede-Masken erinnern.

Vor allem aber zeigt diese Biennale zumindest zur Hälfte die Werke von Frauen: denjenigen, die gegen alle Widerstände den traditionellen Männerberuf Fotograf ergriffen haben und Geschichten von den Schattenseiten einer patriarchalen, restriktiven Gesellschaft erzählen.

«Alle meine Kolleginnen müssen sich mit Fotografien von Hochzeiten über Wasser halten»Fotografin Fatoumata Diabate

Fatoumata Diabate, die Präsidentin der Vereinigung malischer Fotografinnen, widmet die Gruppenausstellung «A contre courant» angesichts eines aktuellen Mordfalls «allen Frauen, die durch die Schläge ihrer Partner ermordet wurden». Die starke Schau im «Lycee des jeunes filles» erzählt einiges über weibliche Verletzlichkeit und Widerstandskraft – und die Rollen, die Frauen für sich imaginieren. Kichernd und mit ihren Handys im Anschlag streifen Hijab-tragende Mädchen des angrenzenden Gymnasiums durch die Ausstellung.

«Alle meine malischen Kolleginnen müssen sich mit Fotografien von Hochzeiten, Taufen und Geburtstagen über Wasser halten», sagt Diabate. Sie war die erste Fotografin, die nach dem Abschluss an der Fotografenschule CFP in Bamako zu weltweitem Renommee kam. Stolz präsentiert sie bei der Eröffnung ihrer Off-Ausstellung im Hotel Tamana ihren Vater, einen pensionierten Polizisten, der «zum ersten Mal meine Bilder anschaut».

Fatoumata hatte sich erfolgreich gegen dessen Berufswunsch, wie auch gegen die traditionelle Ansicht, dass man nach der Heirat dem Gatten den Broterwerb überlässt, durchgesetzt. Selbstverständlich sei das aber noch immer nicht. Was sie noch mehr bedrückt: Dass ihre einstige Schule CFP, jahrzehntelang die fotografische Talentschmiede Malis schlechthin, 2017 wegen des Ausfalls westlicher Sponsoren schliessen musste. Wer würde die vielen ambitionierten Frauen nun ausbilden?

Fatoumata Diabates Aufnahmen von malischen Bauern, die sich dem Umweltschutz und der Aufforstung widmen, hat sie vom Niederländer Marc Decoux im Stil afrikanischer Schulbücher überzeichnen lassen.«Das führt die Leute dazu, genauer hinzugucken. Wir haben immer auch einen gesellschaftlichen Auftrag.»

Abseits von Krieg und Gewalt

Wie aber erreicht man die Bevölkerung von Bamako? Während man bei den offiziellen Anlässen nur immer wieder derselben In-Crowd an Fotografen, Kuratoren und Journalisten begegnet, öffnet die Ausstellung der Gruppe Yamarou ein Fenster zum malischen Alltag. Hier in einer Lehmstrasse im Viertel Medina haben die lokalen Nachwuchsfotografen ihre Abzüge an Hauswänden aufgehängt.

Ein Soundsystem bringt die Kinder aus der Nachbarschaft mit lokalen Hits zum Tanzen, zwei Marionettenspieler sorgen für zusätzlichen Auflauf. Strassenhändler, Schulkinder und Hausfrauen bleiben an den Mauern stehen, zeigen mit Fingern auf Szenen, die ihnen bekannt vorkommen oder Geschichten auslösen.

«Wir sprechen nicht nur über Fotografie, sondern auch über die Entwicklung der Persönlichkeit.»Seydou Camara, Fotograf

Im Schatten eines Vordachs hocken einige der Yamarou-Mitglieder um ein Stövchen mit Minztee. «Ich habe die Händler fotografiert, die sich auf den Schienen des Bahntrassees Dakar–Bamako niederlassen», sagt Sidiki Haidara, «weil dieser Ort der Spielplatz meiner Jugend war.» Der renommierte malische Fotograf Seydou Camara leitet die Gruppe: Nach der Schliessung der CFP wollte er wenigstens informell Unterricht anbieten.

«Wir sprechen nicht nur über Fotografie, sondern auch über die Entwicklung der Persönlichkeit.» Man dürfe sich als Fotograf nicht auf die von westlichen Medien vorgegebenen Themen Krieg, Armut und Gewalt konzentrieren. «Um weiterzukommen, müssen wir unsere Gegenwart durch die Kunst denken», erklärt Camara. Eines strahlen die von seinen Schülern beklebten Lehmwände jedenfalls aus: Den unerschütterlichen Optimismus derjenigen, die an eine bessere Zukunft glauben.

Rencontres de Bamako. Biennale Africaine de la Photographie. Bis 31. Januar.

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