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«Wir versuchen hier einen Spagat»

Seit Mai ist Nikola Doll im Kunstmuseum Bern für die Provenienzforschung zuständig. Sie ist überzeugt, dass der Fokus auf die Geschichte von Werken zu neuen Ausstellungsformaten führen wird.

Weisse und schwarze Wände: Nikola Doll in den noch leeren Ausstellungsräumen im Kunstmuseum Bern.
Weisse und schwarze Wände: Nikola Doll in den noch leeren Ausstellungsräumen im Kunstmuseum Bern.
Adrian Moser

In ihrem Berufsleben hat Nikola Doll schon etliche spannende Aufgaben übernommen: Die 47-jährige Kunsthistorikerin und Kuratorin war 2007 im Deutschen Historischen Museum Berlin mitverantwortlich für die Ausstellung über «Kunst und Propaganda im Streit der Ideologien 1930-1945». Im Auftrag des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris untersuchte sie die Aktivitäten deutscher Kunsthistoriker im besetzten Frankreich – und begegnete bei ihren Forschungen indirekt auch Hildebrand Gurlitt, der in Frankreich einer der Kunsthändler war, die für das geplante «Führermuseum» in Linz Werke erwarben.

Jetzt ist sie seit fünf Monaten in Bern für die Provenienzforschung im Kunstmuseum Bern verantwortlich. Das hat natürlich auch mit Hildebrand Gurlitt zu tun und der Sammlung, die dessen Sohn Cornelius im Frühling 2014 dem Kunstmuseum Bern vermachte. «Ich hatte den Eindruck, dass sich auch hier spannende Aufgaben ergeben können», sagt sie und lächelt. Ab dem 2. November zeigt das Kunstmuseum Bern die lang erwartete Gurlitt-Ausstellung, die einen ersten Überblick über die Werke des Kunstfunds Gurlitt gibt. Zeitgleich mit der Bundeskunsthalle in Bonn wird Bern unterschiedliche thematische Schwerpunkte des 1500 Werke umfassenden Werkkonvoluts vorstellen. Der Fokus in Bern liegt auf Werken der «entarteten Kunst», ihrer Geschichte sowie die Schweizer Positionen beim weiteren Handel mit diesen Werken.

Eines der Werke: Die Lithografie Leonie von Otto Dix.
Eines der Werke: Die Lithografie Leonie von Otto Dix.
zvg
Ebenfalls präsentiert wurde die Gouache von August Macke: Landschaft mit Segelbooten, 1913/14
Ebenfalls präsentiert wurde die Gouache von August Macke: Landschaft mit Segelbooten, 1913/14
zvg
Am Donnerstag nahm das Berner Kunstmuseum das umstrittene Erbe entgegen. Die Ankunft hatte sich um eine Woche verzögert, da es zu Schwierigkeiten am Zoll gekommen war.© Franziska Rothenbuehler
Am Donnerstag nahm das Berner Kunstmuseum das umstrittene Erbe entgegen. Die Ankunft hatte sich um eine Woche verzögert, da es zu Schwierigkeiten am Zoll gekommen war.© Franziska Rothenbuehler
Franziska Rothenbühler
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«Rinnsteinkunst»

Die Ausstellung in Bern mit rund 200 druckgrafischen Werk von expressionistischen Künstlern wie Franz Marc, Ernst Ludwig Kirchner, August Macke oder Otto Mueller und Vertretern des Verismus und der Neuen Sachlichkeit wie Otto Dix, George Grosz und Max Beckmann bietet eine grosse Chance, ist Nikola Doll überzeugt: «Wir können die Massnahmen des NS-Regimes gegen die Avantgardekunst mit der Biografie Hildebrand Gurlitts verbinden und damit auch Widersprüche innerhalb des Kunstsystems und der Politik darstellen.» Die Ausstellung folgt einem klaren Farbkonzept: «Wir versuchen hier einen Spagat», sagt Doll, die zusammen mit Nina Zimmer, Matthias Frehner und dem Basler Historiker Georg Kreis (vgl. Beitrag Seite 36) für die Ausstellung verantwortlich zeichnet. «Die Kunstwerke sollen einen grösstmöglichen Resonanzraum erhalten, zugleich möchten wir aber auch die Geschichte der Diffamierung der modernen Kunst, die in der sogenannten ‹Aktion Entartete Kunst› in den Jahren 1937 und 1938 gipfelte und der diese Werke zum Opfer fielen, thematisieren. Denn so lässt sich der Bogen zur Biografie Hildebrand Gurlitts schlagen.»

Konkret: Im äusseren Bereich der Ausstellung werden entlang weisser Wände die Werke nach Künstlergruppierungen gezeigt. Im Innenbereich werden auf schwarzen Wänden historische Kontexte hergestellt mit Archivalien und Fotografien. «Wichtig ist uns auch zu zeigen», sagt Doll, «dass die Diffamierung moderner Kunst in Deutschland weiter zurückreicht und bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert mit Äusserungen Kaiser Wilhelms II. greifbar wird.» Alles, was nicht seinem Kunstempfinden entsprach – etwa der soziale Realismus einer Käthe Kollwitz oder impressionistische Tendenzen –, wurde als «Rinnsteinkunst» verunglimpft. Zeitgleich wurde der aus der Biologie stammende Begriff der Entartung auf Kunst und Kultur übertragen, um vermeintlich gute Kunst von vermeintlich schlechter zu unterscheiden.

Diese politisch motivierten Attacken auf Gegenwartskunst fanden erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ende, als die klassische Moderne unter anderem auch mit Werken aus dem Sammlungsbestand von Hildebrand Gurlitt rehabilitiert wurde. In der Ausstellung wird diese Entwicklung auch mit Originalen aus dem schriftlichen Nachlass Hildebrand Gurlitts dokumentiert. Die Briefe gehören zur Erbmasse Gurlitt und wurden vom Kunstmuseum Bern dem deutschen Bundesarchiv in Koblenz geschenkt.

«Bern ist keine Ausnahme»

In Bern hat Nikola Doll zwei Mitarbeiter; auch Matthias Frehner, Direktor Sammlungen, begleitet als ausgewiesener Experte für Raubkunst die Arbeiten. Das Gurlitt-Erbe ist allerdings nur ein Teilprojekt der Abteilung Provenienzforschung im Kunstmuseum. Neben der Digitalisierung der Archivbestände, dem Austausch mit anderen Schweizer Museen unterziehen Doll und ihre Mitarbeiter allerdings auch die ganze hauseigene Sammlung des Kunstmuseums einer Herkunftsprüfung. Das Archiv des Museums wird professionell erschlossen und im Laufe des nächsten Jahres der Forschung zugänglich gemacht. Dass momentan rund 40 Prozent der Werke eine lückenhafte Herkunftsgeschichte aufweisen, erachtet Doll als normal. «Da ist Bern keine Ausnahme, die eigenen Bestände wurden nicht gezielt erforscht.» Man müsse aber festhalten, dass Provenienzlücken ein Werk nicht unbedingt schon verdächtig machten: «Manchmal hat man die Werke noch nicht bearbeitet oder überlieferte Angaben zur Provenienz nicht anhand von Quellen überprüft.»

Die Abteilung Provenienzforschung im Berner Kunstmuseum ist im Moment mittelfristig finanziert durch Mittel aus den beiden privaten Stiftungen Streit und Wirz sowie eines Bundesbeitrags, mit dem Forschungsprojekte unterstützt werden. Nikola Dolls Stelle ist vorerst bis Ende 2018 befristet. «Das Gurlitt-Erbe hatte einen starken politischen Effekt und trug dazu bei, die Öffentlichkeit für das Thema Raubkunst zu sensibilisieren», sagt Doll. «Die Erforschung von Herkunft und Besitzerwechsel sollte aber ein selbstverständlicher Bestandteil der musealen Arbeit sein.» Dazu gehöre auch, dass die Forschungsergebnisse produktiv genutzt, sichtbar präsentiert und in Ausstellungen sowie Vermittlungsarbeit einfliessen würden.

Nahaufnahmen von drei Werken

Was durch den Kunstfund Gurlitt und die Forschungen zu NS-Raubkunst ins Rollen kam, hat laut Nikola Doll die Entwicklung neuer Vermittlungsformate befördert. Sie erwähnt das Humboldt-Forum in Berlin, das Ende 2019 im wiederaufgebauten Stadtschloss eröffnet wird. «Die ethnologischen Sammlungen der Stiftung Preussischer Kulturbesitz sind von der kolonialen Vergangenheit Deutschlands geprägt.» Die Ausweitung der Diskussionen um Raubkunst auf andere Zeiten und die Gegenwart zeigten, so Doll, dass die Umstände des Erwerbs bei Kulturgütern in öffentlichem Besitz nicht verschwiegen werden sollten und dass auch ein Besucherinteresse an der Geschichte der Objekte bestehe.

«Provenienzforschung sollte man nicht nur als zeitlich begrenzte Hausaufgabe begreifen», sagt Doll, «sondern als langfristigen, festen Bestandteil musealer Arbeit.» Die neuen Ausstellungsformate testet sie und ihre Kollegen allerdings nicht im «weissen Laborkittel», wie der Journalist nicht ganz ernsthaft vermutet. Nachdem die ersten Werke des Gurlitt-Erbes im Juni in Bern eingetroffen waren, wurde eine Werkstatt Gurlitt eingerichtet, in der man bei Führungen den Restauratoren bei de Arbeit zusehen konnte.

In der kommenden Ausstellung «Bestandesaufnahme Gurlitt» wird es auch eine Art Werkstatt geben – eine, die auf die Provenienzforschung fokussiert. Die «Integration der Besucher» steht dabei im Vordergrund. Anhand von drei ausgewählten Werken aus dem Kunstfund Gurlitt werden Vorgehensweisen und Methoden veranschaulicht: «Wir präsentieren dabei auf Tischen eine Kirchner-Zeichnung aus dem Jahr 1912, ein in Frankreich erworbenes Gemälde und ein Werk von Hildebrand Gurlitts Grossvater Louis Gurlitt», sagt Doll. Anhand von dazu versammelten Materialien und Dokumenten soll der Forschungsprozess sukzessive nachverfolgt werden können.

Geschichte eines Bilderrahmens

Was kann die Provenienzforschung dem Museum zurückgeben? Zum Beispiel das: Eine Restauratorin hatte das Werk von Louis Gurlitt genauer untersucht und Auffälligkeiten festgestellt. Gemeinsam stellte man fest, dass Hildebrand Gurlitt als Kunsthändler Mitte der 1930er-Jahre die Ölskizze seines Vorfahren auf Pressspanplatte aufgezogen und in einen zeitgemässen grau-grünen Rahmen eingefasst hatte. Auf der Rückseite des Bildes stand mit Bleistiftschrift: «M. Slevogt/Landschaft/Wildenten». Hildebrand Gurlitt wertete also eine Arbeit seines Grossvaters auf, um sie besser verkaufen zu können. Der ursprüngliche Rahmen gehörte zu einem Werk des impressionistischen Malers Max Slevogt (1868–1932), der von den Nationalsozialisten später als «entartet» gebrandmarkt wurde. «Wo sich diese Wildentenlandschaft befindet, wissen wir noch nicht», sagt Doll. Aber der Rahmen erzähle auch eine spannende Geschichte und habe eine Provenienz. «Der Kunsthändler Gurlitt wird dadurch greifbarer, wir erfahren etwas über seine Vorgehensweisen und seine Reaktionen auf Marktbedürfnisse.»

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