«Vom Hosenlupf eines Schwingers kann ich als Künstler viel lernen»

Hans Erni wurde am Samstag 106 Jahre alt. Der Schweizer Maler ist optimistisch für die Menschheit und entdeckt während des Interviews etwas, das ihm in seinem ganzen Leben noch nie aufgefallen ist.

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Ist der Mensch ein guter oder ein böser Affe?
Darauf weiss ich keine entschiedene Antwort. Als Künstler versuche ich, das Gute wie das Böse des Menschen erkenntlich zu machen – und so unser Bewusstsein derart zu schärfen, dass wir uns bewusst für das Gute entscheiden und ebenso bewusst gegen das Böse.

Überrascht Sie der Mensch noch?
Ich glaube, dass jeder Mensch über eine einzigartige Aura verfügt. Ein offenes, spontan geführtes Gespräch mit einem Fremden ist deshalb für mich immer eine Bereicherung. Also ja, der Mensch überrascht noch immer aufs Neue.

Seit 70 Jahren kann sich der Mensch mit Atombomben auslöschen. Den Klimawandel hat er nicht im Griff, auf das Abbrennen der letzten fossilen Energieträger ist er nicht vorbereitet. Kommt er davon?
Ich bin optimistisch. Der Mensch ist kreativ und fähig, immer neue Dinge zu immer neuen Zwecken zu verwenden. Jedes Zweigchen und jedes Blättchen kann er sich für die Lösung seiner Probleme zunutze machen. Der Mensch wird nie aufhören, sich und seine Umwelt neu zu erfinden.

Wie halten Sie es mit der Politik?
Politik gehört zu den fundamentalen menschlichen Beziehungsformen. Einen ganz unpolitischen Menschen gibt es gar nicht – denn jeder Mensch, der mit einem anderen Menschen in Beziehung tritt, ist unweigerlich politisch. Politik muss mich also interessieren, zwangsläufig.

Die Masseneinwanderungsinitiative war wohl die wichtigste Abstimmung der letzten zehn Jahre, und Christoph Blocher ist der umstrittenste Politiker. Beschäftigten Sie sich damit?
Aber sicher! Bei Einwanderungsfragen tue ich mich mit Abschottungen schwer. Jede Form von Zuwanderung ist eine Erneuerung, sie bringt Bewegung ins Land. Dies zu verhindern, halte ich für falsch. Was Blocher betrifft, kann ich mir kein abschliessendes Urteil bilden. Noch kann ich nicht erkennen, was seine positive Leistung für unser Land gewesen sein soll.

Im Jahr 1929 wurden Sie 20 Jahre alt. Wie stellten Sie sich damals das Alter vor?
Dass ich so alt wurde, hat damit zu tun, dass ich den Exzess seit jeher instinktiv meide; Rauchen und Saufen lagen mir schon als Jugendlicher fern. Wie das Alter einmal werden würde, kümmerte mich damals nicht. Viel zu sehr war ich auf den Wettstreit mit anderen Jungen konzentriert – künstlerisch, aber auch körperlich-sportlich. Die Bewegung war damals mein Passion. Sie ist es heute noch, als Maler und als Betrachter.

Schauen Sie Sport im Fernsehen?
Sehr häufig sogar. Für mich ist Sport gleichermassen Augenweide und Anschauungsbeispiel. So schaue ich mir zum Beispiel gerne Schwingfeste an: Vom Hosenlupf eines Schwingers kann ich als Künstler noch immer viel lernen. Indem ich den Schwung malerisch nachvollziehe, entdecke ich die Persönlichkeit des Sportlers. Das ist eine meiner wichtigsten Erkenntnisse überhaupt: dass in der Bewegung die Persönlichkeit eines Menschen zum Ausdruck kommt, dass jede Bewegung eine Vielzahl von Geschichten birgt.

Wie meinen Sie das?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Sehen Sie die Schneespuren da unten im Garten? Sie geben Zeugnis von der Bewegung eines Menschen. Durch ihre genaue Betrachtung liesse sich viel über den Verursacher erfahren. Zugleich bergen sie Geschichten: Warum sind diese Spuren heute da? Warum sind sie dort und warum nicht weiter drüben? In wel­cher Beziehung stehen sie zu den angren­zenden Häusern? Oder betrachten Sie diesen Specht dort. In seiner Bewe­gung ist eine verblüffende Leichtigkeit. Er hüpft, als fühlte er sich körperlos. Das ist mir nun eben aufgefallen, zum ersten Mal.

Erkennen Sie etwas Göttliches im Tun und Streben der Natur?
An Götter glaube ich nicht. Doch glaube ich an eine menschengemachte Mythologie, dass also der Mensch den Dingen höheren Sinn verleiht. Der gebrochene Baumstamm in meinem Garten zum Beispiel könnte zum Mythos werden. Er wurde gebrochen, weil ein Haus gebaut wurde. Ein Literat, Musiker oder Maler könnte ihn zum Mythos erheben.

Wenn Sie am Bild eines Sportlers arbeiten – hätten Sie es nicht genau gleich schon zu Sokrates’ Zeiten malen können?
Da irren Sie sich. Denn in der Bewegung des Menschen lassen sich nicht allein seine klassischen Urformen erkennen; ihr sind auch die Merkmale der bestimmten Zeit eingeprägt. Ein 100-Meter-Läufer von 1950 rennt anders als ein 100-Meter-Läufer im Jahr 2015.

Sie treten nun ins 107. Lebensjahr ein. Wie hat sich Ihr Leben zwischen dem 95. und dem 106. Lebensjahr verändert?
Konkrete Veränderungen kann ich keine nennen. Denn ich bewege mich im Strom meiner Arbeit. Der Auseinandersetzung mit meinen Stoffen gilt meine alleinige Aufmerksamkeit. Je näher ich der Vollendung meiner Kunst zu kommen versuche, desto mehr kleine Schwierigkeiten entdecke ich, die ebendiese Vollendung immer wieder hinausschieben und mich ständig vor neue Herausforderungen stellen.

Hat Zeit noch Bedeutung für Sie?
Ich teile meine Zeit nicht in Tage oder Wochen ein. Sondern in Zeichnungen, die ich beginne und beende.

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