Statt Models zeigte er Menschen

Der deutsche Starfotograf Peter Lindbergh ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

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Von Duisburg-Rheinhausen aus sind es zweieinhalb Stunden mit dem Auto an den breiten, hellen Sandstrand von Zandvoort. Peter Lindbergh erzählte, seine Eltern seien am Wochenende mit ihm und seinen Geschwistern häufig in den niederländischen Küstenort gefahren, einfach um am Strand zu sitzen – in den Autositzen, die sein Vater aus dem Auto geschraubt und in den Sand gestellt hatte.

Wer noch Beweise dafür sucht, wie sehr Kindheitserlebnisse prägen können, schaue sich die Porträts an, mit denen 1991 die Modedesignerin Jil Sander für ihre Marke warb: sie selbst an einem hellen, breiten Sandstrand. Wie sie dem Wind trotzt, indem sie sich das Revers ihres flatternden Mantels zuhält. Wie sie die Weite geniesst. Eine starke, freie, elegante Frau.

Oder die Gruppenporträts am Strand, 1988, mit drei der späteren Supermodels: Tatjana Patitz, Linda Evangelista, Christy Turlington. Ihre Beine sind nackt, oben flattern weite weisse Hemden. Sie lachen, ganz ungekünstelt, ja, wir haben wirklich Spass hier. Später dann: Julianne Moore am Strand. Oder Kate Winslet am Strand. All diese ikonischen Fotos schoss er.

Erst wollte er Schaufenster dekorieren

Geboren wurde er 1944 als Peter Brodbeck in Lissa im Wartheland im heutigen Polen. Um nicht von der Bundeswehr eingezogen zu werden, ging er mit 18 in die Schweiz und danach nach Westberlin. Seit 1971 fotografierte er dann – die künstlerische Bestimmung erst nach und nach findend, denn: Dort, wo er hergekommen war, war zwar nicht der Strand, aber eben die Kunst weit. «Ich wollte Schaufensterdekorateur bei Karstadt werden. Das war das Künstlerischste, was ich mir vorstellen konnte», erinnerte sich Lindbergh einmal an seine ersten Berufsvorstellungen.

Der Durchbruch gelang ihm dann in den Achtzigerjahren, unter anderem, weil die bis heute amtierende Anna Wintour 1988 ein Coverfoto bei ihm bestellte, als sie nämlich als neue Chefredakteurin der amerikanischen «Vogue» ihre erste Ausgabe verantwortete (das Foto ausnahmsweise: in Farbe). Sonst war Schwarzweiss bei ihm prägend. Nicht als Pseudo-Minimalismus oder Extra-Verkünstelung, sondern als Konzentration auf Ausdruck, Gesicht, Person.

Die Mode, die häufig ein Interesse daran hat, in ihrer prächtigen Farbigkeit dargestellt zu werden, musste bei ihm hinter die Personen zurücktreten. Wovon die Mode dann aber wiederum profitierte – etwa, als aus seinen Supermodels dann richtige Stars wurden und George Michael sich von Lindberghs Fotos zum Video zu seinem Hit «Freedom! ’90» inspirieren liess. Darin traten alle fünf «Supers» auf, auch Naomi Campbell und Cindy Crawford. Für 15’000 Dollar Tagesgage.

Nacktheit nie als Machtausübung

Wenn es bei ihm Nacktheit gab, dann nie zur persönlichen Attraktion oder Machtausübung, das war zu spüren. Nacktheit kommunizierte bei ihm Schlichtheit, nicht sexuelle Verfügbarkeit. Keine Tatschgerüchte, keine Missbrauchsvorwürfe, so wie bei anderen Fotografen. Dafür viel Metaphysik zwischen Menschen: «Mir ist aufgefallen, dass zwischen der Person und dem Objektiv etwas entsteht. Da gibt es einen kleinen Vakuumraum, wo jeder reingeben kann, was er möchte. Das ist ungeheuer kraftvoll. Manchmal geht es so weit, dass man eine Person mit deren Einverständnis aussehen lassen kann, wie man will. Hört sich jetzt an wie Houdini, nicht?», erklärte er in einem Interview.

Wenn dann doch noch der Zauber der analogen oder digitalen Retusche hinzukam, hasste er das. Vor allem wenn seine Auftraggeber aus der Kosmetikbranche kamen, waren seine Fotos am Ende kaum noch wiederzuerkennen. Darüber konnte er sich sehr aufregen. Doch selbst in der Aufregung blieb er die Entspannung in Person. Über 40 Jahre lang praktizierte er Transzendentale Meditation. «Ich glaube, dass Meditation das Allerwichtigste ist, was ich überhaupt jemals gemacht habe», sagte er – und meinte das ganz ernst, im Sinne von: Ohne Meditation hätte er nie diesen konzentrierten Blick gehabt und auch nicht diese beruhigende Ausstrahlung auf seine Modelle.

Sogar Greta setzte er in Szene – ohne Make-up

In den vergangenen Jahren war Lindberghs Look vielleicht nicht mehr ganz so präsent. Aber kürzlich fotografierte er für die September-Ausgabe 2019 der britischen «Vogue» – im Auftrag von deren Gastredakteurin Meghan Markle – fünfzehn Frauen. Auf dem Cover werden sie als «Forces of Change» bezeichnet: Frauen, die die Welt in die richtige Richtung lenken werden, hoffentlich! Unter anderem: Greta Thunberg. Lindberghs Schwarzweissporträt der 16-jährigen Klimaaktivistin ist eine einzige Irritation. Ein ernstes Mädchen im Kapuzenpulli, ohne Make-up, ohne Hairstyling – auf einem «Vogue»-Cover? Das sieht tatsächlich nach einer neuen Zeit aus. Eine Ikone für die Welt von #FridaysForFuture.

Wie sie die Zukunft prägen wird, wird er nun nicht mehr erleben: Peter Lindbergh ist am Dienstag im Alter von 74 Jahren gestorben. Er hinterlässt seine Frau Petra, seine erste Frau Astrid, vier Söhne und sieben Enkelkinder. Und dieses weltbedeutende fotografische Werk, das in der Mode seinesgleichen sucht. Weil Frauen bei ihm die Mode tragen, und nicht andersherum.

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