Sogar Hühner mit Frauenköpfen

Der Berner Thomas Krebs zeigt im Progr erstmals illustrierte Notenblätter aus den 20er- und 30er-Jahren.

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Sein Schatz hat in einem Karton Platz. Thomas Krebs sammelt Noten mit illustrierten Titelblättern. Was soll daran besonders sein? So denkt man, während der Sammler sorgfältig ein erstes Stück aus der Schachtel hebt; dann ein zweites, ein drittes. Mit jedem neuen Blatt verwandeln sich die Zweifel mehr in Faszination. Und in tausend Fragen: Warum wurden diese dünnen Notenheftchen so aufwendig und kunstvoll gestaltet, wenn es doch eigentlich um die Lieder im Innern ging? Welche Wertvorstellungen und Geschlechterbilder transportieren die Darstellungen? Wer waren die Komponisten, und weshalb verbergen sich hinter gewissen Librettisten mit Männernamen eigentlich Frauen?

Frauen, Flirts und Fernweh

Thomas Krebs kann die Fragen beantworten. Der Berner Sammler, der im Hauptberuf als Englischlehrer und nebenamtlich als Archivar im Hotel Giessbach tätig ist, hat sich mit der Materie seiner Sammlung intensiv auseinandergesetzt. Für ihn sind die Blätter sprechende Zeugen ihrer Zeit. «In den 1920er- und frühen 1930er-Jahren waren solche illustrierten Musiktitel Gebrauchsmaterial, nicht Kunst», sagt er. Das beweise die Tatsache, dass einige Blätter an den Seiten schnöde abgeschnitten worden seien, «damit sie auf den Notenständer passen».

Der Schlager sei damals Ausdruck einer neu erwachten Lebensfreude gewesen, sagt Krebs. Aber er bedeutete nicht das Gleiche wie heute. «Die Themen dieser populären Musik waren vielfältiger und frecher.» So findet man nicht nur Lieder über Frauen, Fernweh oder Flirts zwischen den Geschlechtern, sondern auch Songs, deren Titelblätter für Kaufhäuser, Betten, Tee oder Tourismus werben. Einige Exemplare – wie das Lied «I miss my Swiss» – haben unverkennbar einen Bezug zum Berner Oberland.

Krebs sieht in den plakativen Grafiken auch eine Art Vorläufer des CD-Covers. «Die Notenblätter vermittelten Emotionen. Sie weckten durch Farben und Schrift unterschiedlichste Sehnsüchte. Und sie waren in einer Zeit, als der Musikmarkt noch in den Kinderschuhen steckte, günstiger als Schellackplatten und Abspielgeräte.» So farbig wie die Bildüberschriften, so bildhaft, exotisch und auch mal kitschig sind einzelne Musiktitel: «Die Blanka, ja die Blanka» zeigt eine Sekretärin (im Jargon der Zeit eine Tippmamsell) samt sie lüstern beäugenden Herren. #MeToo im Stil der Belle Epoque. Weitere Hits heissen «I miss my Swiss», «Was machst du mit dem Knie, lieber Hans?» oder «In einer kleinen Konditorei».

Bloss Gebrauchsmaterial

Einige Melodien sind bis heute bekannt (ihre Autoren aber zum Teil nicht mehr), andere sind vergessen. Leider könne er die Stücke nicht selber zum Klingen bringen. «Ich kann nicht Klavier spielen, nicht tanzen und nicht Noten lesen», sagt Thomas Krebs. Er beschränke sich aufs Recherchieren und Sammeln, die Kunst habe er delegiert. So wird an der Vernissage die Sängerin Jacqueline Bernard einige Stücke aus der Sammlung vortragen.

Diese Schlager haben ihren Ursprung teils in der Operette und der Revue. Dass sie sich in den Goldenen Zwanzigern zum Massenphänomen entwickelten, hatte auch mit der wachsenden Tanzwut zu tun. Man genoss die Freiheit des Körpers. Statt züchtiger Walzer waren freizügige Schieber- und Schütteltänze der letzte Schrei. Der vibrierende Import aus Übersee – Charleston, Shimmy, Tango oder Foxtrott – zündete. In Europa schossen Musikbars, Ballhäuser und Tanzlokale wie Pilze aus dem Boden. Und die tanzenden Girltruppen verbreiteten mit Tanz und Musik die neuste Haar- und Kleidermode.

Bubi statt hochgesteckt, Négligé statt Korsett, lautete die Devise. Viel Spannendes, Skurriles und Sonderbares gibt es zu entdecken unter den 70 Blättern, die Thomas Krebs für seine kleine Schau ausgewählt hat. Aber, sagt er: «Etliches, was damals humorvoll und lustig gemeint war, käme heute nicht mehr gut an.» Er spielt an auf die Bilder mit klischierten Szenen aus Afrika und dem Orient. «Das ginge ja noch.» Aber die Hühner im Hof, die Frauenköpfe tragen und statt Körnern Luxusgegenstände picken: «Das ist übel sexistisch. Und die Blackfacing-Darstellungen – Gesichter mit aufgeklebten «Negerlippen» – wären heute wohl sogar strafbar.»

«Erlesen – Raum für gedruckte Feinkost», Atelier 011, im Progr-Zentrum für Kulturproduktion, Erdgeschoss West, Speichergasse 4, Bern. Vernissage: Donnerstag, 15. Februar, 18 Uhr. Die Ausstellung dauert bis 10. März.

Begleitpublikation: I Miss My Swiss - Illustrierte Notenblätter aus der Belle Epoque und dem Art Déco, 2018. 44 Seiten, broschiert. 15 Franken. Erhältlich im «Erlesen». (Der Bund)

Erstellt: 14.02.2018, 06:54 Uhr

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