«Sie bleibt ein Referenzpunkt»

In einer Serie erinnern sich Persönlichkeiten an Begegnungen und Erlebnisse im Haus am Helvetiaplatz. Heute: Die Galeristin Francesca Pia.

Francesca Pia in ihrer Galerie am Freitag 03. Mai 2013 in Zürich.

Francesca Pia in ihrer Galerie am Freitag 03. Mai 2013 in Zürich. Bild: Nicola Pitaro (Archiv)

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«Ich bin in Worb aufgewachsen und jeweils mit dem blauen Bähnlein in die Stadt gefahren. Am Helvetiaplatz stieg ich aus, um über die Kirchenfeldbrücke zur Schule zu gehen. Da war immer etwas los vor der Kunsthalle in den späten 1960er-Jahren. Mich beeindruckten die verschiedenen Ausstellungen damals, zum Beispiel ‹When Attitudes Become Form› mit dem Misthaufen vor dem Eingang oder die eingepackte Kunsthalle von Christo.

Die Zusammenhänge waren mir noch nicht klar, aber mich faszinierte, was dort passierte. Es war die Ära von Direktor Harald Szeemann. Mein Vater interessierte sich für Kunst und kannte Szeemann. Er nahm mich mit an die Eröffnung der Ausstellung ‹When Attitudes Become Form› 1969. Auch die Schaufenster beim Loeb zogen mich an; es war die Zeit, als Victor Loeb in enger Zusammenarbeit mit Szeemann zeitgenössische Kunst sammelte und dort ausstellte.

In der Ära von Johannes Gachnang 1974–82 wohnte ich im Kirchenfeldquartier, es war meine erste Wohnung in Bern. Unter anderem habe ich damals Markus Raetz und Václav Pozarek kennen gelernt. 1978 fand in der Kunsthalle die von Gachnang kuratierte Einzelausstellung ‹The Exhibition of Perfect› von James Lee Byars statt. Der Amerikaner hielt sich immer wieder in Bern auf; er war ein Zauberer, Visionär und Dandy, dessen Performances sich durch ihre Vergänglichkeit und Kurzlebigkeit auszeichneten. Sein erstes Konzept mit einer geschlossenen Kunsthalle und nur einem Mikrofon beim Eingang, wo man sporadisch das Räuspern von Kunsthalledirektor Gachnang hören sollte, durfte nicht realisiert werden.

***

Dann kam 1985 Ulrich Loock, der einige grossartige Ausstellungen realisiert hat, die für mich bis heute nachwirkende Erlebnisse sind. Ich denke an Michael Ashers legendäre Show 1992 mit den in der Eingangshalle verschobenen und am Originalstandort angeschlossenen Heizkörpern. Das war eine der genialsten Ausstellungen, die ich dort gesehen habe. Fünf Jahre später stellte der amerikanische Künstler David Hammons aus, ‹Blues and the Abstract Truth› war 1997 für mich ein Augenöffner in der an Höhepunkten reichen Ära Loock. Sie gehört in die Reihe jener Ausstellungen, welche die Räume und Funktion der Kunsthalle Bern grundlegend hinterfragten. Alle Fenster und Oberlichter waren mit blauer Folie überspannt, sodass die sieben Ausstellungsräume in tiefes Blau eintauchten.

Mit der Verklärung der Kunsthalle-Vergangenheit habe ich manchmal Mühe. Die grosse Zeit auf Harald Szeemann zu beschränken, ist eine Verkürzung. Es gab auch später immer wieder bemerkenswerte Ausstellungen. Die Kunsthalle hat auch heute die Aufgabe, internationale Positionen zu zeigen. Die Diskussion um die angebliche Vernachlässigung von lokalen Künstlern finde ich dagegen etwas schwierig. Wenn man zurückschaut, kann man feststellen, dass es in der Schweiz immer wieder wechselnde Orte mit einer besonderen Energie gab, das war einmal Bern, Basel, die Westschweiz oder Zürich. Die Hochschule der Künste in Bern bringt seit Jahren immer wieder bemerkenswerte Künstler hervor.

***

Ich bin mit meiner Galerie 2007 von Bern nach Zürich gezogen, weil es dort mehr Sammler hat und die Aufmerksamkeit für meine Künstler grösser ist. Die Kunsthalle bleibt jedoch ein Referenzpunkt, der mir am Herzen liegt. Ich finde es auch sehr wichtig, dass so eine Institution weiter öffentlich finanziert wird. Die Forderung nach mehr Publikum ist für mich kein Kriterium. Der Kunsthalle wünsche ich, dass ihr Geist noch mindestens weitere 100 Jahre weiter weht. Aus meiner Sicht muss sie auch nicht umgebaut werden, die jetzige Grösse ist perfekt.

Ich bleibe weiter interessiert an der Gegenwart in der Kunsthalle, auch wenn sich bei mir zuweilen etwas Nostalgie bemerkbar macht. Die Geschichte des Hauses hat mein Interesse an Kunst während der Ära Szeemann geweckt, aber das Mass aller Dinge ist sie nicht. Dass mit Valérie Knoll erstmals in der langen Geschichte der Kunsthalle eine Frau an der Spitze ist, finde ich sehr gut. Ich freue mich auf ihr weiteres Programm.» Francesca Pia eröffnete ihre Galerie 1990 an der Münstergasse. 2007 verlegte sie ihre Galerie nach Zürich. Seit 2012 ist der Standort im Löwenbräu-Kunstareal. (Der Bund)

Erstellt: 30.06.2018, 08:42 Uhr

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