Reine Farbe, reines Licht

Mit Olivier Mosset feiert das Haus Konstruktiv in Zürich eine Malerei, die sich ganz und gar der Farbe verschrieben hat.

Leuchtet: «Gold Star» von Olivier Mosset, 2008. Foto: Courtesy Galerie Andrea Caratsch, St. Moritz @ Olivier Mosset

Leuchtet: «Gold Star» von Olivier Mosset, 2008. Foto: Courtesy Galerie Andrea Caratsch, St. Moritz @ Olivier Mosset

Christoph Heim@bazonline

Der Drang nach Grösse gehört zu dieser Kunst: Die Gemälde des Olivier Mosset sind so riesig, dass die in der Zürcher Ausstellung gezeigte Serie aus zehn bunten Quadraten den grossen Saal im Erdgeschoss des Haus Konstruktiv sprengt. Nur acht der zehn Malereien, von denen jede drei mal drei Meter misst, passen auf die Wände.

Nun werben sie in leuchtendem Grün, Gelb, Braun und Orange um die Aufmerksamkeit des Besuchers. Wenn er sich umdreht, nimmt er auch die Farben Violett, Gelb, Hellblau und Pink wahr. Auch wenn zwei Bilder fehlen, ist die Raumwirkung gewaltig.

Das ist Malerei, unzweifelhaft Malerei, wie der aus Bern stammende Maler im Interview feststellt, das im Katalog abgedruckt ist. Mosset lebt inzwischen in Tucson, Arizona. Und damit mitten in einer Halbwüste mit vielen Kakteen, in der es sich beim Nachdenken über die Anfänge des Lebens und das Ende der Malerei – oder auch umgekehrt – wunderbar Motorrad fahren lässt.

Gewaltige Raumwirkung: Die Ausstellungsansicht im Museum Haus Konstruktiv. Foto: Stefan Altenburger

Von Mosset, den man sich bestens auf einer mächtigen Harley vorstellen kann, stammt auch die treffende Beobachtung, dass ein Bild völlig anders wirke, wenn davor ein Motorrad stehe. Und wenn man dieses dann wieder wegnehme, verändere sich das Bild abermals in grundlegender Weise.

Er grenzte sich von seinem Lehrer Jean Tinguely rasch ab

Als junger Künstler heuerte er in den frühen Sechzigern bei Jean Tinguely an und entwickelte sich in Abgrenzung zu seinem Lehrer schnell zum Farbmagier. Wobei Magie in Mossets Sinne etwas sehr Konkretes und radikal Reduziertes hat. Bei ihm geht es nur und ausschliesslich um Farbe. Meist um mit dem Pinsel gemalte Farbe, die langsam und sorgfältig von dem Künstler selbst auf die Leinwand aufgetragen wird.

Auf diesen Flächen lassen sich Spuren des Malprozesses feststellen, Schatten und Aufhellungen, Linien und Streifen so fein, dass man die Unterschiede kaum wahrnimmt. Das ist Flachmalerei vom Besten, die sich in ihrer handwerklichen Machart ganz bewusst abgrenzt von einem industriellen Herstellungsprozess.

Mosset spricht im erwähnten Interview auch über seine Zusammenarbeit mit Daniel Buren, Michel Parmentier und Niele Toroni, die 1967 am 18. Salon de la jeune peinture in Paris mit einem Manifest über die Grenzen der Malerei nachdenken, nur um zum Schluss zu kommen, dass sie keine Maler seien. Zugleich waren die vier Künstler in der Ausstellung mit eigenen Gemälden vertreten, deren Urheberschaft aber als besonderer Clou anonymisiert wurde.

Signiert von Andy Warhol

Ein besonders schönes Beispiel dieses Denkens in Paradoxen ist ein gelbes Monochrom aus dem Jahr 1985, das anstelle von Mosset von Andy Warhol signiert worden ist, womit es wohl gewaltig an Wert zugelegt hat. Es illustriert wunderbar, wie locker Mosset mit Fragen der Urheberschaft umgehen konnte.

Der 1944 geborene Mosset beschäftigt sich in seiner langen Malerkarriere, die in dieser Ausstellung dokumentiert wird, mit schwarzen Kreisringmotiven, mit vertikalen Streifenbildern, mit abstrakt-geometrischen Kompositionen, bis er schliesslich monochrome «Shaped Canvases» schafft, von denen in der Ausstellung der Schriftzug «Tutu» berichtet. Er besteht aus vier unabhängigen Gemälden, die, «wenn überhaupt möglich, als Gemälde und nicht als Buchstabe betrachtet werden» sollen, schreibt Mosset – wohl wissend, dass für die meisten Besucher der Ausstellung die Schrift die Farbe dominieren wird.

Bereits weggeschmolzen: Die Installation «Cimaises» vor dem Museum Haus Konstruktiv. Foto: Bettina Diel

Mosset versteht seine Kunst immer als Hommage an die Malerei und zugleich auch als Kritik. In Zürich treibt er die Auslöschung des Malerischen so weit, dass er einen Ausstellungsraum ganz der Lichtdesignerin Madjid Hakimi überlässt, die ihn mit einem tiefen Blau ausleuchtet.

Mosset ist hier nur noch der Gastgeber, während die Urheberschaft bei Hakimi liegt. Und die Farbe selbst wird nicht mehr in einem langwierigen Prozess auf die Leinwand appliziert, sondern erreicht die Wände bloss noch in Form von Lichtwellen, die zu Farbempfindungen führen.

Denn schliesslich geht es bei Farben immer auch um Licht, was auch bei den aus riesigen Eisbrocken gebauten Wänden vor dem Eingang des Museums deutlich wurde, die Anfang Juni nur kurze Zeit in der warmen Zürcher Sonne glitzern durften. Bis sie wegschmolzen.

Die Ausstellung dauert bis zum 8. September.

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