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«Mich hat das Risiko gereizt»

Nach 47 Jahren schliesst Dorothe Freiburghaus den Kunstkeller Bern. Für die Kultur in Bern tat sie aber viel mehr als die Galerie mit zeitgenössischer Kunst zu bespielen.

«Die Galerien machen die Knochenarbeit in der Kunst»: Dorothe Freiburghaus im Kunstkeller.
«Die Galerien machen die Knochenarbeit in der Kunst»: Dorothe Freiburghaus im Kunstkeller.
Franziska Rothenbühler

Drei Jahre fehlen. Dann wäre das halbe Jahrhundert voll gewesen. 50 Jahre Galeristin im Kunstkeller Bern! Für Dorothe Freiburghaus sind das bloss Zahlenspiele. Sie ist sich sicher: «Es ist der richtige Moment, um aufzuhören.» Müde? Nein, sagt die Galeristin. Und auch ihr Interesse an der Kunst sei keineswegs erloschen. Das müsste sie nicht betonen. Man kann das Feu sacré sehen, sobald sie über ihre Begegnungen mit Kunstschaffenden und ihren Werken zu sprechen beginnt. Doch was ist dann der Grund, aufzuhören?

Bevor man nachhaken kann, fährt die Galeristin fort. Die Mai-Ausstellung mit Martin Ziegelmüller werde die letzte sein. «Ein Schluss, der passt, ein Kreis schliesst sich.» Mit dem heute 82-jährigen Künstler aus Vinelz verbindet sie eine lange Freundschaft. 1970 hat sie mit ihm die erste Ausstellung im Kunstkeller eingerichtet. Sie hält inne. «Gehen wir nach oben ins Café?»

47 Jahre hat sie die Galerie an der Gerechtigkeitsgasse 40 in Bern mit Kunst belebt und die «Sprünge des Zeitgeists», wie sie das nennt, mitgemacht. Etwa den radikalen Wechsel von der analogen in die digitale Zeit. Sie lacht. Früher, als sie die Einladungen zu den Ausstellungen noch mit einer Maschine mit Farbband und exotischen Stanz-Plättchen adressiert habe, seien die Adressaten und Künstler meistens älter als sie gewesen. «Heute ist es umgekehrt.»

Kunst, die bewegt

Dorothe Freiburghaus hat sich eine bemerkenswerte Stammkundschaft aufgebaut. Rund 1300 Namen zählt ihre Kartei. Und auch die Liste der Kunstschaffenden, die sie betreut und immer wieder ausgestellt hat, ist mit 55 nicht nur lang, sondern ebenso illuster. Einer «ihrer» Künstler ist der französische Maler Claude Yvel (Jahrgang 1930), der mit seinen eindringlichen Trompe-l’œil-Stillleben kulturpolitische Haltungen – etwa in China oder während des Zweiten Weltkriegs – sichtbar macht. Einige Künstler, die sie nach Bern holte, haben international Karriere gemacht. Wie der britische Bildhauer und Zeichner Henry Moore (1898–1986), dessen Werke sie in ihrer Galerie zeigte, bevor er Jahre später in Bern im Zentrum Paul Klee und damit im musealen Kontext eine Einzelausstellung bekam.

Die kritischen Kommentare auf diesen abstrakten Unbekannten hat sie noch heute im Ohr: «U de, wär isch dä Henrimoore?», sei sie vorwurfsvoll gefragt worden. Und einige hätten das O seines Namens spöttisch in die Länge gezogen, als wollten sie damit andeuten, was sie von der Idee halten. Dorothe Freiburghaus hat sich von Kritikern nie beeinflussen lassen. «Mich reizte das Risiko. Ohne Risikofreude wird alles schnell schön und gäbig – und anspruchslos. Das interessiert mich nicht», sagt die Galeristin. Auf die Frage, was denn für sie gute Kunst sei, sagt sie dezidiert: «Gute Kunst ist Kunst, die etwas in Bewegung setzt.»

Statt Ärztin Galeristin

Einem Zufall verdankt sie, dass sie überhaupt zur Kunst gefunden hat. Aufgewachsen ist die gebürtige Steffisburgerin in einem kunstliebenden Elternhaus zusammen mit fünf Geschwistern. Der Vater starb, bevor das jüngste Kind geboren wurde. Sie erinnert sich an zahlreiche Bilder, die sie als Kind beeindruckt haben. Einige hingen in der elterlichen Stube. Andere entdeckte sie beim aktiven Kunstkreis Luzern, der Mappen mit Impressionisten und Fauvisten vorlegte.

«Kunst gefiel mir schon immer», sagt Dorothe Freiburghaus. Und am Gymnasium habe sie gerne gezeichnet. Aber Kunst als Beruf? Das habe sie sich nicht vorstellen können. «Ich wollte Medizin studieren. Mich reizte der Gedanke, als Ärztin nach Afrika zu reisen, um in der Dritten Welt Hilfe anzubieten.» Es kam anders. Sie habe plötzlich das Gefühl gehabt, dass auch hier etwas bewirkt werden könne beim Nachdenken über die Welt und ihre Widersprüche. Warum also nicht mit Künstlern arbeiten und ihre Botschaften an ein Publikum vermitteln?

Freiburghaus, die eine Fachausbildung zum Zeichnungslehrer absolviert hat, versteht ihre Arbeit als Galeristin auch politisch. Der Künstler ist für sie ein Seismograf und Katalysator, der an den Rändern der Gesellschaft die Befindlichkeiten des Menschseins auslotet – in all seinen Brüchen, Höhen und Tiefen. «Er zwingt zum Hinsehen, verunsichert, schafft Zusammenhänge zu Themen, die uns berühren und bewegen.» Im Künstler-Sein sieht sie eine sinnvolle Lebensaufgabe. Es ist ihr ein zentrales Anliegen, auch schwer verständliche oder schwer verkäufliche Kunst geschickt ins Ausstellungsprogramm zu integrieren.

Ihre Anfänge als Galeristin in Bern fielen in eine kulturell lebendige Zeit. Doch die professionellen Ausstellungsräume in der Bundesstadt konnte man an einer Hand abzählen. Sie erinnert an Toni Gerber, Bernhard Schindler senior, Martin Krebs, Lydia Megert, Verena Müller, Hugo Ramseier. Irgendwann sei der Wunsch da gewesen, die wachsende Galerienszene zu stärken. Ein Verein wurde gegründet. Freiburghaus engagierte sich. Sie wurde ein Vorstandsmitglied mit offenen Augen und legte den Fokus auf kreative Ideen: Sie initiierte das Galerienwochenende. Inspiriert dazu wurde sie durch ein Künstleratelier-Wochenende in Paris. Sie liess sich von ihrem Optimismus und ihrem Tatendrang leiten: «Was die Kunstschaffenden in Paris zustande bringen, können wir Galeristen in Bern auch.»

Interventionen in der Gasse

Früh hat sie die Galeristen-Tätigkeit auch als Vermittlungsarbeit verstanden. Sie hat den Art-room ins Leben gerufen (1997–2011), eine Kunst-Stafette für junge Künstler. Und auf ihrer Website lieferte sie regelmässig ausführliche analytische Texte zu ihren Ausstellungen und organisierte Künstlergespräche. Doch ihr kulturelles Engagement ging darüber hinaus: Freiburghaus half mit, ein wöchentliches Veranstaltungsorgan für die Stadt Bern zu entwickeln. Und bei «Journal B», dem ersten Online-Medium der Stadt, äusserte sie sich als Gast-Autorin auch zu überregionalen kulturellen Themen. Ihre Beobachtungen führten auch gelegentlich zu aufgebrachten Kommentaren, etwa, wenn sie sich kritisch zur fehlenden inhaltlichen Zusammenarbeit zwischen Galerien und Museen äusserte. «Die Galerien machen die Knochenarbeit in der Kunst. Erst wenn sie Künstler aufgebaut haben, finden diese den Weg ins Museum.»

Ausserhalb des Kunstkellers – im öffentlichen Raum – hat die initiative Galeristin unzähligen künstlerischen Interventionen auf die Beine geholfen. 2005, zum Abschluss der Gassensanierung, verwandelte sie mithilfe von Künstlern die untere Altstadt von der Gerechtigkeitsgasse bis zum Zytglogge in ein strahlendes Lichtermeer aus Kerzen, Fackeln, farbigen Leuchtstäben und Materialien aus dem Strassenbau. Sie verstehe sich nicht als Kunsthändlerin und Kunst nicht als Luxus, betont sie, sondern als Teil unseres Alltags. «Ja», sagt sie, «die vielfältige Galeriearbeit wird mir fehlen.» Plötzlich steht sie wieder im Raum, die unbeantwortete Frage: Wieso hört sie dann auf?

Dorothe Freiburghaus wird nachdenklich. Es gebe immer mehrere Gründe. «Ich bin jetzt 73 und möchte selber und freiwillig entscheiden können, wann ich aufhöre. Ich habe es getan: Jetzt ist der richtige Moment.»

Kunstkeller Bern, Gerechtigkeitsgasse 40. Vernissage Martin Ziegelmüller: Sa, 29. 4., ?17 Uhr. Bis 10. 6. www.kunstkellerbern.ch

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