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Meret Oppenheims beklebte Blume

In der Serie «Aufgetaucht» präsentiert das Schweizerische Literaturarchiv seine Fundstücke. Diesmal: Meret Oppenheims mit Haferflocken beklebte Margerite.

Mit der Margerite hat sich Meret Oppenheim, die am 6. Oktober 100 Jahre alt würde, wohl für ein Röntgenbild bedankt.
Mit der Margerite hat sich Meret Oppenheim, die am 6. Oktober 100 Jahre alt würde, wohl für ein Röntgenbild bedankt.
S. Schmid

Im Tiefmagazin der Schweizerischen Nationalbibliothek findet sich, wenn man weiss, wo suchen, eine kleine, längliche Kartonschachtel, die ich bei Führungen gerne hervorziehe und öffne. Die Schachtel aus dem Nachlass von Walter Vogt, nach Mass hergestellt, enthält eine mit Haferflocken beklebte Plastikblume, eine Margerite, von Meret Oppenheim.

Ein attraktives Objekt, das Gäste immer wieder verblüfft - einerseits, weil sie im Schweizerischen Literaturarchiv (SLA) keine Kunstgegenstände erwarten, andererseits, weil es sie überrascht, solche Querbezüge zwischen einzelnen Beständen konkret zu sehen. Das SLA bewahrt sowohl den Nachlass von Walter Vogt wie auch das literarische Archiv von Meret Oppenheim auf. Was hat es mit dieser Blume auf sich?

Die Familie des Arztes und Schriftstellers Walter Vogt übergab seinen Nachlass bereits 1992 dem SLA, er enthält insbesondere Materialien zu Vogts literarischen Werken, wenig Korrespondenzen, aber auch zeichnerische Arbeiten von Vogt, dazu Gegenstände und Erinnerungsstücke, darunter eben Oppenheims Blume.

4 Franken für die Haferblume

Meret Oppenheim hat einen grossen Teil ihres künstlerischen Nachlasses dem Kunstmuseum Bern vermacht. Das Papierarchiv mit wenigen Entwürfen zu künstlerischen Werken, vielen Korrespondenzen und insbesondere den Unterlagen zu Oppenheims literarischen Werken blieb im Besitz der Familie und von Freunden, bis auch dieser Teil seit 2006 im SLA der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Die sogenannte Hafer-Blume ist ein Kunstwerk, das Meret Oppenheim 1969 realisiert hat, es ist ein Multiple mit einer Auflage von 300 Stück. Im Werkverzeichnis von Meret Oppenheim trägt es die Nummer S 134. Meret Oppenheim erinnert sich dort: «Eine erste (nummerierte) Auflage von 25 Stück machte ich für den Kunstmarkt Kloten, Schweiz, wo einige Künstler aufgefordert waren, ein für sie ‹typisches› Objekt zu machen und es zum genau doppelten Herstellungspreis zu verkaufen (in diesem Fall etwa SFr. 4.-). Ich entschied mich, siehe Pelztasse, etwas mit etwas anderem zu überziehen.

Die bezeichnende Etikette

Später machte Claude Givaudan eine Auflage von 300 Exemplaren für die Ausstellung, die bei ihm 1969 in Paris stattfand. Für diese zweite Auflage machte ich ein Etikett. Auf der Rückseite Nummerierung (1/300 - 300/300), Datum und Unterschrift. Auf der Vorderseite: ‹Meret Oppenheim› als Absender. Als Empfänger eine Phantasieanschrift, gebildet aus einem lexikalischen Wortspiel: Wörter aus dem Deutschen, dem Italienischen, dem Französischen und Englischen, die auf ‹Hafer› und ‹Blume› reimen oder sonstwie anklingen.» (Bice Curiger: Meret Oppenheim, 3. Aufl. 1989, S. 201)

An der Beschriftung des Etiketts hat Meret Oppenheim intensiv gearbeitet. In ihrem literarischen Nachlass sind dazu zwei Blätter mit Entwürfen überliefert, auf denen Meret Oppenheim mit den Wörtern «Blume» und «Hafer», «flower» und «oat», «fleur» und «avoine» sowie «fiore» und «avena» in den erwähnten Sprachen spielt. Daraus ergibt sich dann die Fantasieadresse, wie auf dem Etikett zu lesen steht:

«Fleur Bluemay-Ode AFFAIR HALF-ERE Avena Oathflow 4884 Haberflair o/Watt’a»

Walter Vogts Exemplar stammt aus dieser zweiten Auflage und trägt die Nummer 86/300. Wie ist die Blume in seinen Nachlass gelangt? Weder in seinem noch im Nachlass von Meret Oppenheim sind Spuren erhalten, es ist keine Korrespondenz zwischen den beiden überliefert. Auch die Angehörigen von Walter Vogt erinnern sich nicht. Tatsache ist, dass Walter Vogt, damals Radiologe am Tiefenauspital in Bern, 1964 die Röntgenaufnahme von Meret Oppenheims Kopf gemacht hat.

Entsetzen über «Witwenbuckel»

Eigentlich wünschte sich Oppenheim eine Ganzkörper-Röntgenaufnahme, die gemäss Vogt aber nur in zwei Schritten aufgenommen werden konnte. Meret Oppenheim sei entsetzt gewesen, so die Witwe Elisabeth Vogt, als sie die Aufnahme gesehen und festgestellt habe, dass die Halskette, die sie für die Aufnahme trug, nicht an der Wirbelsäule aufliegt, sondern wegen des sogenannten Witwenbuckels frei in der Luft zu schweben scheint.

Zu einer Aufnahme des unteren Körperteils sei es nie gekommen. Meret Oppenheim hat die Röntgenaufnahme, im Werkverzeichnis Nummer N 92b, 1969 als Plakat für die Ausstellung in der Galerie von Givaudan in Paris und 1974 für den Katalog der Solothurner Ausstellung von André Kamber verwendet. Möglicherweise ist also die Hafer-Blume ein Geschenk von Meret Oppenheim an Walter Vogt als Dank für die Röntgenaufnahme. Vielleicht verhält es sich aber auch ganz anders.

Das Schweizerische Literaturarchiv präsentiert einmal im Monat Trouvaillen aus seinen Beständen.

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