Lolita soll gehen

In New York ist eine Debatte um Balthus’ Mädchenbilder entbrannt. Die #MeToo-Debatte beim Bilderverbot?

Das Corpus Delicti: «Thérèse. träumend» von Balthasar Klossowski de Rola, genannt Balthus.

Das Corpus Delicti: «Thérèse. träumend» von Balthasar Klossowski de Rola, genannt Balthus. Bild: Peter Horree (Alamy)

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Das Metropolitan Museum in New York soll ein Gemälde abhängen. Balthus’ «Thérèse, träumend», es zeigt ein Mädchen auf einem Stuhl, die Beine sind gespreizt, unter dem roten Rock kann man die weisse Unterwäsche erkennen. Das im Jahr 1938 entstandene Bild «verklärt in diesem aktuellen Klima den Voyeurismus und die Sexualisierung von Kindern», heisst es in einer Online-Petition, die bislang 9000 Menschen unterzeichnet haben.

Und es scheint das aktuelle Klima zu sein, das offensichtlich zum Problem wird für die Künste. Kann man Klassiker noch auf die Bühne bringen? Muss man in der Literatur einzelne Wörter schwärzen? Bevor es Klassiker wie «Lolita» erwischt, ist jetzt der Maler Balthus dran, in New York übrigens kein Unbekannter in dieser Hinsicht. Vor drei Jahren war eine Retrospektive zu seinem Werk im Metropolitan Museum, die in den USA den «Bann von seinem Werk nahm», wie es hiess, Anlass für laute Proteste gewesen.

Begleitend zu der Werkschau präsentierte eine Galerie in Manhattan damals die erotisierten Polaroids, die der greise Künstler über Jahre regelmässig von einem kleinen Mädchen als Skizzen für Gemälde geschossen hatte. Eine vom Folkwang-Museum in Essen geplante Ausstellung dieser Motive wurde dann nach einer wochenlangen Diskussion kurzfristig abgesagt, Museumsdirektor Tobia Bezzola gab zu, in seinem Fokussieren auf kunsthistorische Fragestellungen womöglich «betriebsblind» gewesen zu sein.


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Vor allem in Deutschland wurde damals heftig diskutiert: War die kleine Anna Wahli, die jahrelang Nachmittage mit dem Maler bei Süssigkeiten und Trickfilmen verbracht hatte, eine Nachfahrin der legendären Fränzi? Die Arbeitertochter aus Dresden diente in einem Alter, in dem Mädchen heute die Grundschule besuchen, den Brücke-Malern als Modell. Kirchner, Heckel und Pechstein nahmen sie mit zu Bade-Ausflügen, wo sie ihre Nacktheit in expressionistischem Pinselduktus und Kolorit als frei und exotisch idealisierten. Genauso wie der Malerkollege Paul Gauguin, der in der Südsee entblösste Eingeborene malte und eine Dreizehnjährige heiratete. Der Begriff von einer «ästhetisch-erotischen Ausbeutung Minderjähriger» wurde während dieser Debatte geprägt, der «kulturellen Pädophilie der Moderne».

Seit dem Fall Weinstein vergeht nun allerdings kaum ein Tag, an dem Schauspielerinnen, Künstlerinnen, Tänzerinnen oder Kuratorinnen sich nicht offenbaren – und die Karrieren von Produzenten, Schauspielern, Regisseuren sehr plötzlich enden. Das ist keine Form von Zensur, das sind die Konsequenzen von übergriffigem Verhalten und nicht zuletzt von Straftatbeständen wie Nötigung oder Vergewaltigung. Mit der Petition, die von der New Yorker Mia Merrill online gestellt wurde, dehnt sich die Diskussion jedoch aus auf den Bereich des Kunstwerks. «Ich würde das als pornografisch bezeichnen», sagt sie zu einem amerikanischen Sender, die Biografie des Künstlers sei «eine Geschichte voyeuristischer Vorfälle mit vorpubertären Mädchen». Wird man also rückwirkend die Kunstgeschichte zensieren müssen?

Die Verantwortung der Kuratoren

Nach allem was bekannt ist, war Balthazar Klossowski da Rola alias Balthus kein Pädosexueller, der sich an Mädchen verging – auch Anna Wahli erinnerte sich als Erwachsene nicht daran, von ihm jemals unsittlich berührt oder belästigt worden zu sein. Dass er natürlich nicht einfach «Katzen und Mädchen» malte, wie die Kunstgeschichte gedankenlos subsumierte, sondern Motive, die getränkt sind von den Sehnsüchten und Vorstellungen eines Pädophilen, ist andererseits offensichtlich. Das «aktuelle Klima», auf das sich die Initiatorin so selbstverständlich beruft, verwechselt nun aber Kunst mit Propaganda und den Sockel im Museum mit einem Siegertreppchen des Erhabenen. Gute Kunst ist aber intim, gar nicht verantwortungsbewusst, meist auch sehr unangenehm, «wahr» ist nicht immer das, was alle als «schön» oder «gut» empfinden. Deswegen lässt sich an Gemälden und Literatur, Film und Musik besser verhandeln, was Menschen, ihre Gefühle und ihre Moral ausmacht. Wenn man die träumende Therese und ihre Ateliergeschwister künftig aus Ausstellungen verbannte, beraubte man sich der ehrlichsten Motive, die das 20. Jahrhundert zum Thema Sexualität zu bieten hat.

Umgekehrt liegt es in der Verantwortung von Kuratoren und Ausstellungsmachern, die ihnen anvertrauten Sammlungen zum Sprechen zu bringen. Das moderne Museum ist ein Ort der Auseinandersetzung, auch wenn es, wie das Metropolitan, mit seinen Säulen und Stufen noch dem Tempel ähnelt. Dass man sich dort weigert dem – übrigens noch recht überschaubaren Protest – nachzugeben, begründet Sprecher Ken Weine mit dem besten Argument: «Solche Momente geben die Gelegenheit zur Konversation, visuelle Kunst ist eine der bedeutendsten Mittel, die wir für die Reflexion von Geschichte und Gegenwart haben.» Das Gemälde ist nicht das Problem, im Gegenteil, es birgt die Lösung.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 07.12.2017, 10:45 Uhr

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