Liebe und Pragmatismus

Der Ausstellungsraum Grand Palais am Helvetiaplatz in Bern wird zehn Jahre alt. Noch immer umgibt ihn der Hauch des Geheimnisvollen, nicht ohne Absicht.

Palastbewohner Tina Blaser, Juliane Wolski und Marc Zenhäusern vor der Videoarbeit von Quynh Dong.

Palastbewohner Tina Blaser, Juliane Wolski und Marc Zenhäusern vor der Videoarbeit von Quynh Dong. Bild: Franziska Rothenbühler

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Es soll Nachbarn geben, die realisierten erst 2012, vier Jahre nach dem das Grand Palais erstmals seine Tore geöffnet hatte, dass der alte Schuppen zwischen Kunsthalle und Historischem Museum, zwischen Kiosk und Restaurant Kirchenfeld, ein Kunstraum geworden war. Damals zogen Sabina Lang und Daniel Baumann leuchtende Wände durch das Haus, von Fenster zu Fenster, sodass es durchschau-, aber nicht mehr betretbar war. Nicht untypisch für den Offspace, der nur an zwei Abenden pro Woche je zwei Stunden offen hat. «Viele Menschen wissen, dass es das Grand Palais gibt», sagt die Betreiberin Juliane Wolski, «aber hier gewesen sind längst nicht alle. Wie haben einen ziemlich mythischen Ruf.» Schlimm findet sies nicht. Ein In-Place will das Grand Palais gar nicht sein, auch wenn es an Vernissagen durchaus eng werden kann.

Wolski geht es um etwas anderes: «Lebendige Momente, überraschende Begegnungen an der Bar, gute Arbeiten.» Die Kuratorin sucht nach dem richtigen Wort für ihr Engagement und findet zwei: «Liebe und Pragmatismus». Liebe für die Kunst und Pragmatismus, weil das der Raum verlangt. Die Ausstattung ist sehr einfach, die ausgestellten Werke müssen sich den Begebenheiten anpassen, nicht umgekehrt. Das betrifft auch die Ressourcen der Beteiligten. Früher sei alles sehr kurzfristig angelegt gewesen, sagt Wolski, unterdessen plant sie ein Jahr im Voraus. Geld wird im Grand Palais keins verdient.

Ein Raum für Skizzen

Wolski ist zwar das letzte verbliebene Gründungsmitglied der Trägerschaft, sie betont aber wiederholt, das Grand Palais sei immer ein Gemeinschaftswerk gewesen, einfach in wechselnden Kon-stellationen. Im Moment gehören Tina Blaser und Marc Zenhäusern dazu. Sie sind wie Wolski beim Grafikatelier Pol engagiert, dessen Ableger das Grand Palais ist. Auf einen kuratorischen Stil wollen sie sich nicht festlegen lassen. Abwechslung zwischen den Gattungen sowie zwischen Älteren, Etablierten und Newcomern sei wichtig, dann die Mischung aus lokalen und internationalen Positionen. Und so kann es passieren, dass man am Helvetiaplatz unverhofft auf einen Künstler stösst, dessen Bücher in Paris oder New York aufliegen.

Die Video- und Performancekünstlerin Quynh Dong, deren Arbeiten Anfang März im Grand Palais zu sehen gewesen sind, findet es grossartig, hier auszustellen. «Es ist ein spezieller Raum, speziell und schwierig.» Schwierig, weil verwinkelt, nichts ist gerade, in der Mitte der grössten Wandfläche prangt ein Fenster. «Aber in meiner Arbeit folgt ohnehin eine Idee auf die nächste. Hier kann ich Dinge zeigen, die vielleicht noch nicht ganz fertig sind, Skizzen.»

«Hier können die Dinge sein, wie sie sind», sagten Tina Blaser und Wolski: «Wir können es uns erlauben, gelassen zu sein. Ein mögliches Scheitern ist einkalkuliert.» Und Quynh Dong wieder: «Das ist Freiheit.»

Valérie Knoll, die Direktorin des Hauses gegenüber, sagt, sie sei froh, stehe gleich neben der grossen Kunsthalle der kleine Palast, das sei eine gute Nachbarschaft. «Man besucht sich regelmässig» – und feiert Feste zusammen. Eröffnungspartys der Kunsthalle gehen im Grand Palais weiter. «Und ich treffe dort auf ein Publikum, das ich nicht kenne», sagt Knoll. Ihr Vorgänger Fabrice Stroun hat einmal geschildert, wie er nachts durch das Fenster seines Büros zum Regenbogennimbus der Leuchtschrift des Offspace hinüberblickte und ein gewisses Mass freundschaftlichen Neids empfand. Ob der Grösse des Namens oder der Dezenz des Hauses wegen liess er charmant offen.

Kein heimeliger Ort

Bescheidenheit ist, vom Namen abgesehen, dem ehemaligen Wartehäuschen ohnehin eigen. «Gestell für Kunst, Forschung, Diskurs, Vermittlung» nennt es sich spröd. Die für Kunsträume unübliche Bauweise aus Holz gibt dem Palais den Ruch eines Chalets. Doch «Heimelige Orte gibt es in Bern genug», sagt Wolski. Geheizt wird mit Holz, wenn überhaupt: «Im Herbst ist es kalt. Im Winter machen wir Pause, im Frühling ist es kalt und im Sommer ist immer noch kalt, aber dann ist man froh darum», Pragmatismus, wie gesagt.

Das sind die Bedingungen, unter denen das Grand Palais seit einem entbehrungsreichen und romantischen Jahrzehnt aufrichtig existiert. Von der öffentlichen Hand günstig vermietet und gerade einigermassen finanziert, steht einem weiteren Dezennium eigentlich nichts im Weg.

«Aber irgendwann muss man sich Gedanken um die Glaubwürdigkeit machen», sagt Wolski. «Kann ein Offspace dreissig werden?» Muss denn alles, was cool ist, jung sterben?

«Nein, beweglich müssen wir bleiben, mit andern kooperieren, neue Menschen sollen dazukommen», neue Palastbewohner.

Der nächste ist der Berner Filip Haag, eben erst aus New York zurückgekehrt. So ist das im Grand Palais, man braucht nur hinzugehen und auf die Ankunft der grossen, weiten Welt zu warten.

Grand Palais, Filip Haag, 7.–21. 4. 2017, jeweils Do und Fr, 17 bis 19 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 22.03.2017, 07:42 Uhr

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