Lenin im Herrgottswinkel

Neue Perspektiven für den neuen Sowjetmenschen: Der Zukunftsapostel Alexander Rodtschenko (1891–1956) wird im Kunstmuseum Liechtenstein als Multimediakünstler gezeigt.

Für Menschen, die erst noch geboren werden müssen: Rodtschenkos «Arbeiterclub» von 1925. Foto: Kunstmuseum Liechtenstein

Für Menschen, die erst noch geboren werden müssen: Rodtschenkos «Arbeiterclub» von 1925. Foto: Kunstmuseum Liechtenstein

Baumstämme steigen in den Himmel. Stadtfassaden fallen dem Betrachter vor die Füsse. Der sowjetische Stabhochspringer fliegt jenseits von Zeit und Raum, er ist der kommende Kosmonaut. Der neue Mensch wird zu neuem Sehen erzogen, und sein Erzieher heisst Alexander Rodtschenko.

Die Zentralperspektive ist tot, es lebe der Fluchtpunkt Zukunft! So jubelte der Fotograf, Maler und Universalkünstler Rodtschenko vor bald 100 Jahren. Als rare Gelegenheit sind jetzt in Vaduz seine mustergültigen Lektionen in Zukunftsglauben zu sehen: Fotografien aus den 20er- und 30er-Jahren, Grafiken, Werbeanzeigen, eine grosse Rauminstallation sowie Entwürfe für lebensnotwendige Dinge wie ein Teeservice.

Rodtschenko (1891–1956) war Stimmführer der Konstruktivisten, er war in der Frühzeit der Russischen Revolution Wortführer einer neuen Zeit und einer neuen – auch visuellen – Ordnung. Als Fotograf ist er der Zampano des halsbrecherischen Perspektivenwechsels. Verkürzungen, Untersicht, Vogelperspektive, harte Hell-Dunkel-Kontraste. Damit wird er zum Wegbereiter der modernen Fotografie. Der neue Sowjetmensch braucht neue Perspektiven, Rodtschenko hat sie.

Jetzt ist der Zukunftsapostel im Kunstmuseum Vaduz gelandet. Und hier fällt er nicht nur über unsere Alltagsperspektive her, sondern trickreich dem Bewunderer in den Rücken. Sein «Arbeiterclub» nämlich, entworfen für die Pariser Weltausstellung 1925, hat hier seine Pforten geöffnet, ein Paradox: Vaduz ist das Epizentrum einer hysterischen Bankendichte, entlang der Hauptstrasse durch das «Städtle» tobt die Hochfinanz. Und hier, mitten unter kapitalen Kapital­kathedralen, steht dieser «Arbeiterclub», und jeder darf Mitglied sein. Rodtschenkos Einübung in die Arbeiterklasse ist Teil der Ausstellung, und der Eintritt kostet, kaum glaublich, keine Kopeke.

Visionärer «Arbeiterclub»

In Vaduz siedelt jetzt dieses Arbeiterheim, und es ist ohne Frage das visionärste zwischen Wolga und Rhein. Und das, obwohl das Lokal bereits 90 Jahre alt ist und Feng-Shui-Prinzipien Lügen straft: Die kantigen Sitzmöbel und brusthohen Lesetische sind Knochenbrecher, die Signalfarben – sattes Rot, lautes Weiss, mausiges Grau – sind ein Affront für Farbsensible. Sowohl Farbe als auch Mobiliar machen klar: Ihr Architekt, Rodtschenko, hat für Menschen gebaut, die erst noch geboren werden müssen. Von Ergonomie hatte der gute Mann keinen Schimmer. In Vaduz ist sein «Club» mit den neusten Informationstechnologien ausgestattet und soll gemäss seiner ursprünglichen Bestimmung als Bildungsraum und Ort der Geselligkeit funktionieren. Er ist Bibliothek, Lesesaal und Internetcafé in einem. Und wie in jeder guten Stube steht auch hier ein Herrgott im Winkel – Lenin.

In dieser Lenin-Ecke hingen echte Fotografien aus der Revolutionszeit. Auf dem Lesetisch lagen Zeitungen und Zeitschriften aus, und die Besucher, besagen Quellen, haben den Raum tatsächlich begeistert als «ihren Club» genutzt.

Rodtschenkos Nachbau des «Arbeiterclubs» von 1925 ist in Vaduz in dieser Art eine Premiere: Dass dies just hier geschieht, liest man gern als Kommentar zur Lage Liechtensteins, dem ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat. Denn Friedemann Malsch, der Direktor des Kunstmuseums, hat sich in seinem Haus nichts Geringeres vorgenommen, als Rodtschenko fit zu machen für die Gegenwart. «Rodtschenko: Fotografie und Design» heisst Malschs Ausstellung, und dabei interessiert der Konstruktivist als «Multimediakünstler». Das klingt leicht anbiedernd an unsere Zeit und das Bedürfnis nach Universalkunst und Gesamtkunstwerk. Trotzdem ist die Ausstellung am Ort einer weltläufigen Laufkundschaft ein wichtiger Beitrag für die zeitgemässe Rodtschenko-Rezeption, sie hat Signalwirkung. Denn hier offenbart sich der Utopist als multitalentierter Künstler, der lautstark und auf allen Kanälen für seine Ideen kämpfte.

Druckerpresse als Pinsel

Vor allem kämpfte, schrieb, sprach er für eine Fotografie als Kunst. Er fotografierte die jungen Pioniere, die Fortschritte der Technik – Schleusen, Strommasten, die Baustelle des Weissmeerkanals – und Menschen, die sich, idealerweise in der Masse, körperlich betätigen und ihre Grenzen überschreiten. Indem er fotografierte, realisierte Rodtschenko seinen produktivsten Traum: Er machte die Dunkelkammer und die Arbeitsweise des neuen Fotografen zu seiner Farbpalette, und sein Pinsel wurde das Klischee und die rotierende Druckerpresse. So teilte er sich ganz unmittelbar einem breiten Publikum mit, und sein Stil stiess grundlegende Veränderung in der Fotografie an – und bei dessen grossem Rivalen, dem Kino. Sein Einfluss auf Sergei Eisenstein schlug sich nicht nur im Filmplakat für «Panzerkreuzer Potemkin» (1926) nieder.

Jenseits des Fotografen ist Rodtschenko Gebrauchskünstler. Wie gross die Wirkung seiner Entwürfe auf Möbel, Reklameplakate oder Geschirr sein musste, die in der Ausstellung gezeigt werden, lässt sich leicht in einem «Prawda»-Artikel von 1924 lesen: «. . . Majakowski und Rodtschenko sind dabei, neue Bonbonpapiere, Muster und Agitationsschriften zu entwerfen. Die aufrührerische Wirkung dieses Unternehmens besteht nicht nur in zweizeiligen Schlagzeilen . . . Der Geschmack der Massen wird nicht nur durch, sagen wir, Puschkin beurteilt, sondern durch jedes Tapetenmuster und jedes Bonbonpapier.» Der Geschmackserzieher Alexander Rodtschenko war modern vor der Moderne, weil er um die Beeinflussbarkeit der Masse wusste.

Bis 21. Juni.

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