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Kunst ist Kunst

Eine Frauenquote für Schweizer Museen wird gefordert. Aber wollen wir wirklich eine Kulturpolitik wie in der DDR?

Und welches Geschlecht trägt dieses Werk? John Lennon und Yoko Ono auf dem Cover von «Two Virgins» (1968). Foto: Getty Images
Und welches Geschlecht trägt dieses Werk? John Lennon und Yoko Ono auf dem Cover von «Two Virgins» (1968). Foto: Getty Images

Es ist eine fürchterlich naive Vorstellung, die Aufgabe der Kunst sei es, die Welt zu verbessern. Das hat die Politik zu tun, wenn sie ihre Aufgabe ernst nimmt. Die Kunst aber ist frei und ohne die geringste Verpflichtung. Und wer ihr ein wahrer Freund ist, der respektiert dies – auch dann, wenn noch so sympathische Menschen die Kunst für noch so sympathische Anliegen einspannen wollen.

Gerade im Engagement für die Gleichstellung von Mann und Frau müssen wir uns intellektuelle Souveränität abringen. Denn Gleichstellung ist ein dringendes Anliegen. So wie jeder Kampf um soziale Gerechtigkeit.

Ein Viertel aller Kunstausstellungen der grösseren Schweizer Museen legen 2020 den Fokus auf das Werk von Künstlerinnen. Nur ein Viertel? Mindestens 50 Prozent müssen es sein! Das fordern Schweizer Kulturschaffende – Museen, die der Staat mitfinanziert, sollen «gezwungen werden, den Verfassungsauftrag nach einer Gleichstellung der Geschlechter umzusetzen». Und eine Quote verlangte gestern in dieser Zeitung ein Kollege.Da erklingt der Ruf nach Staatskunst.

Wollen wir dereinst eine Initiative, die verlangt: «Faust I» darf vom Zürcher Schauspielhaus nur noch in genderneutralisierter Sprache aufgeführt werden?

Staatskunst ist ein hässliches Wort. Es lässt einen zusammenzucken. Zu Recht. Die Geschichte zeigt hinlänglich, wie Politik nur allzu bereitwillig Missbrauch mit der Kunst treibt. Wenn sie etwa unterscheidet, ob ein Werk von einem Einheimischen stammt oder einem Ausländer. Wenn sie die Religion der Künstlerin oder des Künstlers zum Kriterium für die Qualität des Werkes erhebt. Oder wenn die Gesinnung entscheidet, ob der Staat eine Künstlerin fördert oder einen Künstler abserviert. Und nun soll es das Geschlecht sein? Die Frage, ob eine Frau oder ein Mann ein Gemälde gemalt hat?

Allenfalls wird man einwenden: Die Vergleiche sind schief, übertrieben. Wir leben nicht in einer Diktatur, sondern in einer Demokratie. Das stimmt. Aber wollen wir Schweizerinnen und Schweizer an der Urne abstimmen über das Saisonprogramm des Zürcher Kunsthauses? Wollen wir ein Referendum der SVP gegen eine Pipilotti-Rist-Retrospektive im Berner Kunstmuseum? Wollen wir einen Gegenvorschlag des Bundesrates, der, eidgenössischer Kompromiss!, eine gleichzeitige Anker-Ausstellung in Basel vorsieht? Und wollen wir dereinst eine Initiative, die verlangt: «Faust I» darf vom Zürcher Schauspielhaus nur noch in genderneutralisierter Sprache aufgeführt werden?

Ein grösserer Teil des Publikums ist weiblich

Es irrt der Mensch, solange sie oder er strebt – ganz besonders die Quotenbefürworter. Dabei kämpfte insbesondere die hiesige Alternativkultur jahrzehntelang für die Freiheit ihrer Kunst. Mit Erfolg, glücklicherweise. Doch nun scheint das alles vergessen. Eine bemerkenswerte Flexibilität.

Wollen wir der Gleichstellung von Frau und Mann tatsächlich einen Dienst erweisen und der Kunst dazu, so müssen wir dafür sorgen, dass an der Spitze unserer Museen die klügsten Köpfe sitzen. Fachleute, die unabhängig von Quoten und ideologischen Gängelungen ihre Häuser zeitgemäss, inspirierend, intelligent, provokativ programmieren. Egal, ob mit einem Anteil an Frauenwerken von 25, 50 oder 100 Prozent.

Schliesslich: Unsere Museen und ihre Angebote sind gar nicht so unpopulär, wie man vielleicht meinen könnte. Die Zahl der Besuche steigt seit längerem stetig an, sie liegt aktuell bei 13,2 Millionen pro Jahr. Der Frauen­anteil bei den Eintritten? In Kunstmuseen bis zu 65 Prozent.

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