Timmermahn

«Ich male alles, was ich gern habe»

Timmermahn stellt seine Bilder im Alten Schlachthaus in Burgdorf aus. Gemalt hat er sie in Rüeggisberg, doch sie sehnen sich nach Paris, Amerika und nach dem verstorbenen Freund.

Timmermahn im Alten Schlachthaus vor seinem Bild «Man on Elephant» 2010. (zvg)

Timmermahn im Alten Schlachthaus vor seinem Bild «Man on Elephant» 2010. (zvg)

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Timmermahn begrüsst die «lieben Leute von Stadt und Land» im Alten Schlachthaus Burgdorf mit dem ihm eigenen Schalk: Er dankt für das Kommen, gratuliert den Anwesenden zum guten Geschmack und erklärt seine Ausstellung für eröffnet, indem er allen einen guten Appetit wünscht. Die Familie Luginbühl hat an diesem Samstag gekocht. Die Familie Luginbühl ohne Bernhard. Er ist noch keine fünf Wochen tot. Im Alten Schlachthaus ist eine ständige Ausstellung von ihm zu sehen. «Unter all den Ateliers, die Vater auf der ganzen Welt hatte, war das sein liebstes», sagt sein Sohn Brutus. Im ersten Stock des Gebäudes sind bis Ende Jahr Timmermahns Bilder ausgestellt. Die Nähe ist nicht nur eine räumliche.

Bernhard Luginbühl und Timmermahn waren Freunde. Er verdanke «Bärni» viel, sagt der Maler über den Plastiker. Dieser habe ihn einen «faulen Siech» geheissen und ihm verboten, sein Talent zu vergeuden. Gemeinsam waren die beiden im Bern der 60er-Jahre unterwegs, als die bildende Kunst in dieser Stadt einen Stellenwert hatte wie später nur noch selten. Timmermahn arbeitete damals im Malersaal des Stadttheaters und musste sich stundenlang Theaterstücke ansehen. Das langweilte ihn dermassen, dass er beschloss, selber welche zu schreiben. So wurde Timmermahn zum Erzähler und Performer, als den man ihn heute kennt. Maler war er von Berufes wegen und ist es die ganze Zeit über geblieben. Seine Bilder sind einfach aufgebaut und farbig, zeigen oft clowneske Figuren, Tiere oder das Meer. Elefanten kommen viele vor, gerne beritten.

Nostalgiker der Avantgarde

Wird Luginbühls Kunst als «Archäologie des industriellen Zeitalters» (siehe «Bund» vom 21. Februar) bezeichnet, dann ist Timmermahn ein Nostalgiker der Avantgarde. In seinen Werken klingt eine Sehnsucht nach dem Paris der vorletzten Jahrhundertwende an. Einmal glaubt man Modigliani vor sich zu haben, einmal Gauguin, und immer wieder Picasso. Timmermahn bedient sich ihrer wie einem Vorlagenbuch. «Déjeuner sur l’herbe» – ein Manet-Zitat diesmal, «Landschaft» oder «Nature morte» heissen die Bilder. Der Rüeggisberger fabriziert ein Kuriositätenkabinett der Kunstgeschichte, mit etwas Melancholie und viel Humor. Die Bilder sind lustig, «Tiere werfen ein Kleinkind in die Höhe» zum Beispiel oder «The First Gig», das einen Hosenscheisser auf der Bühne zeigt. Timmermahn baut seine Bilderwelt auf einem doppelten Boden, der wackelt, weil er so alt ist.

Auch Bezüge zur amerikanischen Pop-Art kommen vor. Mehrmals tauchen serielle Objekte auf, einmal Hämmer, einmal Pinsel, einmal Palmen – oder sind das wieder Pinsel? Pinsel und Hammer jedenfalls braucht es, um ein Bild von Hand zu malen und es dann ordentlich aufzuhängen. Und genau diese grundlegenden Elemente der traditionellen Kunstproduktion stellte die Pop-Art ja infrage. Aber über theoretischen Gedanken wie diesen bekommt man in der Ausstellung schnell ein schlechtes Gewissen. Timmermahn ist ein explizit anti-diskursiver Künstler. Er mag seine Bilder nicht erklären und beteuert, sich bei deren Herstellung auch nicht viel zu überlegen: «Ich male alles, was ich gern habe, wies gerade kommt. Ich lasse malen, ohne alles zu hinterfragen. Ich gebrauche alle Stilarten, wenn sie mich ansprechen. Ich brauche nicht verstanden zu werden. Ich liebe die Malerei.» So steht es in einem kleinen Manifest, das in der Ausstellung hängt und von dem Timmermahn sagt, es das einzige Schlaue, das ihm je zu seiner Arbeit in den Sinn gekommen sei.

«Das ist das Leben»

Peter Bichsel hat die Artikulationssperre sogar auf die Person des Künstlers ausgeweitet, über den er gesagt haben soll: «Wer Timmermahn beschreibt, tut ihm unrecht.» Dabei gibt dessen Kunst zu verstehen, dass der Mann haargenau weiss, was er tut. Etwas versteckt hängt ein Bild mit dem Titel «Obacht Fälscher». Es zeigt Picasso und seinen fingierten Bruder Pablo, die zusammen ein Bild von Timmermahn malen. Das Werk ist auf 1996 datiert. Oder heisst es da 1926? Der Künstler weiss es selbst nicht mehr und schaut mithilfe einer Taschenlampe nach: «Wäre es besser, wenn dort 26 stünde? Kann man machen.» Hätte er sein Werkzeug dabei, er würde es sofort ändern. Viel eleganter kann man sich der Frage nach Originalität und Nachahmung nicht entledigen.

Dabei ist es gerade das spezielle Eigene, das vertraut Exotische, das die «lieben Leute von Stadt und Land» am Mehrfachkünstler Timmermahn so lieben. Ausser ihren Herzen und dem ironischen Hobelpreis – auch in der Ausstellung zu sehen –, hat er nie etwas gewonnen. Wohl auch, weil er sich um die Gesetze des Kunstbetriebs foutiert. Timmermahn stellt in der Jetset-Galerie in Zürich ebenso aus wie im Möbelhaus in Münsingen. Am liebsten aber hier, bei seinem alten, toten Freund Bärni: «Mit ihm wollte ich schon immer etwas zusammen machen», sagt Timmermahn. Ob er bedauert, dass es gerade diesen Moment getroffen hat? Das Gesicht des Künstlers wird länger. «Das ist jetzt halt so. Das ist das Leben.» Es klingt nicht wie eine Phrase. Und dann: «Er ist ja immer noch hier. Da und da, überall.» Dann ist das Gespräch zu Ende.

Es hat neben dem grossen Kenotaph aus Holz und Glas stattgefunden, in das Timmermahn Objekte aus seinem Leben als Hommage an Luginbühl gelegt hat. Auf einer schwarzen Jeansjacke neben einem Motorradauspuff liegt ein weisses Band, auf dem geschrieben steht: «I’m not exotic. I’m exhausted.»

Die Ausstellung im Alten Schlachthaus Burgdorf bleibt bis 4. Dezember eingerichtet und ist sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. //luginbuehlstiftung.arthosting.ch/museum (Der Bund)

Erstellt: 28.03.2011, 16:37 Uhr

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