Kraftvoller Wiedergänger seiner Zeit

«Warum applaudiert ihr nicht?»: Vier Jahre nach dem Tod von Norbert Klassen würdigt ein Buch das Schaffen des Berner Performance-Künstlers und setzt es in einen kunsthistorischen Zusammenhang.

Wegweisend sind die Spuren, die Norbert Klassen hinterlassen hat. Der Künstler in seinem Atelier im Progr.

Wegweisend sind die Spuren, die Norbert Klassen hinterlassen hat. Der Künstler in seinem Atelier im Progr. Bild: Franziska Scheidegger

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Die Künstlerin Renée Magaña sowie die Kunstwissenschaftler Marcel Bleuler und Gabriel Flückiger haben den umfangreichen Nachlass des 1941 in Duisburg geborenen Norbert Klassen gesichtet. Die von der ART-Nachlassstiftung herausgegebene Publikation «Warum applaudiert ihr nicht?» fasst den gegenwärtigen Kenntnisstand zusammen. Neben bebilderten Werkbeschreibungen enthält es persönliche Erinnerungen an den Schauspieler, Regisseur, Performance-Künstler, Sammler, Skulpteur und Lehrer, der Mitte der 1960er-Jahre nach Bern kam und sich im Kleintheater an der Kramgasse sofort einen Namen machte.

Unvergesslicher Beckmann

Mehrere Hundert Mal spielte er Wolfgang Borcherts «Draussen vor Tür», entfernte sich aber dann immer mehr von der Dramatik: «Für Tristan und Isolde haben wir die Reclam-Ausgabe des Textes verbrannt und alle übrig gebliebenen Fötzelchen aufgelesen und zum Textbuch zusammengeklebt», erinnert sich seine langjährige künstlerische Partnerin Janet Haufler.

Mit der Gruppe Studio am Montag, später STOP.P.T. erweiterte Klassen den Theaterbegriff bis zur Unkenntlichkeit: «Es ist kein Theater, wenn man einen ­Raben über die Bühne trägt und drei Mal ‹uhuu uhuu› macht», sagt Klassens Kollege Rudolf Bobber. Solcher Einschätzungen wegen ist es gut, dass das dreiteilige Buch «Warum applaudiert ihr nicht?» im Kapitel «Diskurs» die Arbeit Klassens in einen kunsthistorischen Zusammenhang setzt, wenn auch nicht so leichtfüssig wie der 2012 erschienene Berner Almanach Performance, und leider mit einigen Wiederholungen.

Gioia Dal Molin zum Beispiel beleuchtet, wie sich die Kulturförderung für freie Theaterarbeit in Bern parallel und in gewisser Weise anhand der Arbeit Klassens entwickelte. Ab der Spielzeit 1974/75 erhielt das Studio am Montag eine Basisförderung. Die gemeinschaftliche, prozessuale und nicht auf Publikumswirksamkeit ausgerichtete Arbeitsweise entsprach den damaligen Förderrichtlinien «demokratischer Kulturpolitik». Zeitgleich mit der rot-grünen Wende in der Stadtpolitik in den 1990er-Jahren gewannen jedoch «ökonomisch konnotierte Argumentationsmuster» gegenüber den alten «gesellschaftspolitischen» die Oberhand. 1995 kürzte die Stadt die Förderung für STOP.P.T. um die Hälfte, was Klassen so beleidigte, dass er den drei Jahre zuvor erhaltenen Sisyphus-­Preis zurückgab und ganz auf die Subvention verzichtete.

Das Scheitern ist der Erfolg

Rachel Mader zeigt, vor welchem gesellschaftlichen Hintergrund Klassen wirkte. Das «Projektemachen» war dem Künstler nämlich ebenso «Existenzweise», wie es einer auf stetige Innovation ausgerichteten Ökonomie zur bevorzugten Produktionsweise wurde. Klassen stellte sich aber jeder fordistischen Einhegung – Konzepte, Budgets, Zeitpläne, Schlussberichte – entgegen, im Wissen, dass der Erfolg des Projekts eigentlich sein Scheitern ist, nicht einem Werk, sondern einer neuen Idee Platz machend. Und so war Klassen ein «Wiedergänger seiner Zeit», wie Mader schreibt. Wobei «Wiedergänger» dem Wesen dieses ebenso widerspenstigen wie ermutigenden, kraftvollen Künstlers natürlich nicht gerecht wird.

Zu wegweisend sind die Spuren, die er hinterlassen hat: Als Lehrer im Leben und in der Hochschule der Künste, als Gründer des unerlässlichen Festivals Bone und als Zentrum eines Netzwerks, das sich ausgehend von seinem Atelier im Progr über die untergründige Performance-Welt spannte und Bern zu einem ihrer Knotenpunkt machte.

Es vereinte «all die wenigen», denen er sich, und die vielen, die sich ihm zugehörig fühlten. Verkörpert vielleicht am besten durch das Performance-Kollektiv Black Market International, das die Urne Klassens nach dessen Tod 2011 auf eine Reise um den Globus mitnahm. Und das in diesen Tagen am Bone wieder in Bern auftritt.

Buchpräsentation: heute, 17 Uhr, Milieu, Münstergasse 6. Bone 18: 1.–6. Dezember, Progr, Stadt­galerie, Schlachthaus Theater. (Der Bund)

Erstellt: 28.11.2015, 15:31 Uhr

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