Klee zum Sehen und Hören

Neun Schweizer Komponisten haben sich von Werken Paul Klees zu experimentellen Tonschöpfungen inspirieren lassen.

Entstanden in düsterer Lebensphase: Paul Klee, «über Wasser» (1933), Pinsel auf Papier auf Karton.

Entstanden in düsterer Lebensphase: Paul Klee, «über Wasser» (1933), Pinsel auf Papier auf Karton. Bild: Hermann-und-Margrit-Rupf-Stiftung, Kunstmuseum Bern

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Es gibt Menschen, die sehen Farben, wenn sie Musik hören. Die Berner Komponistengruppe L’art pour l’Aar zeigt, dass es auch umgekehrt funktioniert: Sie bringt ausgewählte Werke des Berner Malers Paul Klee zum Tönen. Warum gerade Klee, weshalb nicht Hodler, Gertsch oder Surbek?

Die Antwort liegt auf der Hand. Klee fühlte sich zur Musik, dieser flüchtigsten aller Künste, besonders hingezogen. Sie soll gar der Grund dafür gewesen sein, dass der gebürtige Münchenbuchser (1879–1940) unter dem Dilemma aller Vielbegabten litt. Klee wurde Kunstmaler. Aber eigentlich hätte er genauso gut den Beruf des Musikers ergreifen können.

Als Gymnasiast schrieb er 1897 in sein Tagebuch: «Je länger, je mehr ängstigt mich meine wachsende Liebe zur Musik. Ich begreife mich nicht. Ich spiele Bach – Solosonaten, was ist dagegen Böcklin?» Und auch während des Kunststudiums in München, wo er die deutsche Pianistin Lily Stumpf (seine spätere Ehefrau) kennen lernte, hörten seine Zweifel nicht auf. «Es ist doch verflucht, wenn man heiratet, während dem man eine andere liebt!», schrieb er, «Jawohl, so ist’s. Meine Geliebte ist und war die Musik, und die ölriechende Pinselgattin umarme ich bloss, weil sie eben meine Frau ist.»

Spezialisten für Neues

Klee hätte wohl seine Freude an der Idee gehabt: Neun zeitgenössische Komponisten haben eine ganz persönliche Auswahl Zeichnungen und Bilder in Klänge verwandelt. Versammelt sind sie auf dem Tonträger «Klee-Impressionen», eingespielt vom Leipziger Ensemble Sortisatio. Seine aussergewöhnliche Besetzung war für die neun Komponisten (eine Komponistin ist leider nicht dabei) eine Bedingung.

Grossartig, wie die Instrumente da menschliche Züge erhalten.

Walter Klingner (Oboe/Englischhorn), Axel Andrae (Fagott), Matthias Sannemüller (Viola) und Thomas Blumenthal (Gitarre) haben sich als Interpreten für Neue Musik profiliert, und sie kennen sich mit Klee-Stücken bestens aus: Bereits 2002 hat das experimentierfreudige Ensemble eine CD mit Miniaturen auf Werke von Paul Klee eingespielt, damals mit der schweizerisch-österreichischen Komponistengruppe Groupe Lacroix. Mittlerweile ist die Zahl der Klee-Kompositionen für das Ensemble auf über zwanzig angestiegen.

Biografisch unterlegt

So wie die Bilder mehr zeigen, als man sieht, so gibt es in den Vertonungen mehr zu hören, als da erklingt. Jean-Luc Darbellay (geb. 1946) zum Beispiel, der sich als Klee-Kenner und Initiant zahlreicher musikalischer Klee-Projekte einen Namen gemacht hat, spürt im Stück «über Wasser» (1933) nicht nur den Linien und Farbwolken der gleichnamigen Malerei nach, sondern webt sachkundig auch biografische Aspekte aus Klees bewegtem Leben mit hinein. Das muss man wissen, das Bild entstand in einer extrem schwierigen Phase. Mit der Machtergreifung Hitlers verlor Klee seinen Job als Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf. Er liess alles zurück, floh in die Schweiz. Es rieche nach Leichen konstatierte er und pinselte über dem graugrünen Wasser eine schwarze Sonne und eine schemenhafte Engelsfigur. Die hastig geführten Linien wirken kontrolliert, fahl und skeletthaft.

Darbellay seziert Klees stummes Leiden und baut aus den Einzelteilen ein unheimliches Psychogramm. Tonlose Klappen- und mürbe Klopfgeräusche werden zu Zeichen von Klees Ohnmacht, atemlose Tonlinien zum Symbol seiner wachsenden Verzweiflung. Erst gegen Schluss erhält die Musik etwas Boden. Man vernimmt melodische Motive und lauscht einem Liegeton, der sich als Horizontlinie dehnt; sie ist auch eine Grenze, die Gut und Böse scheidet. Und unter der leise neue Hoffnung keimt.

Anders als Darbellay bezieht sich der Berner Organist und Komponist Hans Eugen Frischknecht (geb. 1939) nicht auf ein einzelnes Werk Klees, sondern auf eine Reihe kleiner Formate, die aus Einzelstrichen oder Farbtupfern bestehen. Frischknecht findet dafür lakonische Entsprechungen: Spröde, zerbrechliche Tontexturen setzt er Hell-Dunkel-Kontrasten und Leerräumen entgegen. Immer wieder blitzt sein feiner Humor auf. Etwa hier: Zum Bild «zwei mal zwei, draufgängerisch» komponiert Frischknecht einen sich steigernden Wettstreit. Grossartig, wie die Instrumente da menschliche Züge erhalten. Einer macht etwas vor, der andere macht es nach. Aber lauter, tiefer, wilder. Worauf ersterer angestachelt wird, noch eine Spur zuzulegen. Das mitreissende kompositorische Vexierbild erinnert etwas an «Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend, begegnen sich», eine bitterböse Zeichnung Klees aus dem Jahr 1903.

In 51 Sekunden alles gesagt

Das Ensemble Sortisatio spitzt zu, schattiert, schärft die Tempi. So bleiben auch Kürzeststücke im Gedächtnis. Wie die zweisätzige Metamorphose «Zeichensammlung südlich» des Japaners Satoshi Tanaka, deren erster Teil 51 Sekunden dauert. Zu den weiteren Stücken (von Thomas Christoph Heyde, Markus Hofer, Max E. Keller, Stephen König, Cheung Wai Hui und Pierre-André Bovey) sind im informativen Booklet (Texte Christoph Sramek), Werkbeschreibungen zu finden. Auch Klees Aquarelle und Zeichnungen sind abgebildet, auf die sich die Kompositionen beziehen. Das ermöglicht spannende Vergleiche zwischen den musikalisch-bildnerischen Gestaltungsprozessen.

CD: «Klee-Impressionen – Musik und polyphone Bilder». Ensemble Sortisatio Leipzig. Musikverlag Müller & Schade, Bern 2018. (Der Bund)

Erstellt: 04.10.2018, 06:44 Uhr

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