«Klee diente ihnen als Reiseführer»

«Meisterkritzler»: Zwei Jahre erforschte Fabienne Eggelhöfer in den USA Klees Einfluss auf die amerikanische Kunst. Jetzt präsentiert die neue Chefkuratorin im Zentrum Paul Klee ihre Erkenntnisse in «10 Americans After Paul Klee».

Fabienne Eggelhöfer vor «Number 9» (1952) von Bradley Walker Tomlin (The Phillips Collection, Washington).

Fabienne Eggelhöfer vor «Number 9» (1952) von Bradley Walker Tomlin (The Phillips Collection, Washington). Bild: Adrian Moser

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Dieses kräftige Grün ist nicht zu übersehen. Es dient als Hintergrundfarbe der Stellwände, auf denen der dokumentarische Teil der Ausstellung «10 Americans. After Paul Klee» mit Fotos und Dokumenten ausgebreitet ist. Normalerweise greifen Kuratoren dafür gerne auf dezente Farbtöne zurück. Nicht so Fabienne Eggelhöfer. «Es war eine intuitive Entscheidung, die rosarote Schrift wirkt dafür etwas ausgleichend.» Die neue Chefkuratorin im Zentrum Paul Klee lacht; nein, eine versteckte Botschaft sei mit der Farbwahl nicht verbunden. «Ich fand einfach, dass Grün zu dieser Zeit passt.» Die Zeit: Das sind die 1940erund 1950er-Jahre in den Vereinigten Staaten, als eine vitale Künstlergeneration auf den Plan trat und eine abstrakte Malerei von grosser formaler Bandbreite schuf – von der an ostasiatischer Kalligrafie geschulten Bilderschrift eines Mark Tobey über die Farbfeldmalerei eines Kenneth Noland bis zur dramatischen Ausdruckskunst des «Action Painting» von Jackson Pollock.

Diese Künstler rezipierten Kubisten und Surrealisten, wollten aber auf keiner europäischen Tradition aufbauen, sondern zu den «Ursprüngen» zurückkehren; sie studierten die Natur, die eigene (indianische) Kunst und strebten eine archaische Bildsprache an. Als «Abstrakte Expressionisten» gingen Adolphe Gottlieb, Theodor Stamos, Norman W. Lewis oder Robert Motherwell – er adelte Klee als «master doodler», «Meisterkritzler» – in die Kunstgeschichte ein.

Jetzt sind sie im Zentrum Paul Klee alle versammelt um den Namensgeber, der selber nie in den USA war und dem sie als Inspirationsquelle doch viel zu verdanken haben – darunter auch William Baziotes mit seinen «Urmeere» evozierenden Unterwasserlandschaften und Bradley Walker Tomlin mit seinen rhythmisch wiederkehrenden, miteinander verflochtenen farbigen Punkten, Strichen und Kreuzen. Sie alle haben Klee rezipiert; allerdings war dies bis jetzt so kaum bekannt. Das wird sich mit dieser wegweisenden Ausstellung gründlich ändern.

Ein Klee-Raum in Washington

«Klee zeigte, das man Kubismus und Surrealismus kombinieren und etwas Eigenes schaffen konnte. Er war wichtig als Freigeist, der alle Kunstströmungen synthetisierte, und wurde damit zum Vorbild für junge Künstler, die etwas Neues machen wollten», sagt Fabienne Eggelhöfer. Oder um es mit einem Wort zu sagen: Er diente ihnen als «Reiseführer». Dieses kurze Fazit ist das Ergebnis umfangreicher Recherchen und einer Spurensuche, die sie quer über den amerikanischen Kontinent führte. Die 43-jährige Kunsthistorikerin, die seit 2007 am Zentrum Paul Klee arbeitet, ging nämlich selber auf Reisen, um eine Lücke in der Forschung zu schliessen. Sie ist diesen bisher kaum erforschten Einflüssen Klees auf die amerikanische Nachkriegskunst im Rahmen eines zweijährigen Aufenthalts in den USA nachgegangen.

Aufgebrochen ist Eggelhöfer mit Vermutungen und Hypothesen. Im Jahr 2006 hatte Josef Helfenstein – heute Direktor des Kunstmuseums Basel – an seiner damaligen Wirkungsstätte in der Menil Collection in Houston die Ausstellung «Klee in Amerika» ausgerichtet. «Diesen Katalog las ich als junge Klee-Forscherin natürlich aufmerksam, er war sozusagen die Ausgangslage für meine Forschungen.» Die Ausstellung thematisierte den Klee-Boom Ende der 1930er-Jahre, nannte Sammler und Galeristen in New York, die darum konkurrierten, Klee in den USA zu vertreten. Einer der Sammler war Duncan Phillips, der in seinen Washingtoner Ausstellungsräumen einen eigenen Klee-Raum mit grosser Magnetwirkung einrichtete. Die Phillips-Collection ist auch der Partner des ZPK; die Ausstellung wird anschliessend in Washington gezeigt.

«Ich habe mich gefragt, was denn mit den Künstlern war», sagt Eggelhöfer. «Welche waren es, und warum fanden sie Klee spannend? Diese Geschichte war noch nicht erzählt worden.» Paul Klee selber erfuhr noch vor seinem Tod 1940 von seinen Erfolgen in den USA. «Er wurde auch eingeladen», sagt Eggelhöfer, «aber er lehnte mit der Begründung ab, er hätte noch viel Arbeit. Wahrscheinlich spielte auch seine sich verschlechternde Gesundheit eine Rolle.»

Prozess statt fertiges Bild

Fabienne Eggelhöfer konnte mit einem Stipendium an der University of Southern California in Los Angeles ein Büro beziehen, sie sichtete Nachlässe, konsultierte Archive in Washington und New York und hielt Vorträge – etwa am legendären Black Mountain College in Ashville, das in den 1930er-Jahren eine Zuflucht für viele emigrierte Künstler aus Europa war. Los Angeles wurde aus mehreren Gründen ihre Ausgangsbasis: «New York lag finanziell nicht drin, und ich wählte auch die Westküste, weil in den 1920er-Jahren Galka Scheyer versucht hatte, die ‹Blauen Vier› in Kalifornien bekannt zu machen.» Neben Klee gehörten Kandinsky, Lyonel Feininger und Alexej von Jawlensky zu diesem Quartett.

Eggelhöfer hat die Ausstellung entlang von vier Aspekten klar gegliedert, die von den «ten americans» bei Klee rezipiert wurden: das bildnerische Schreiben, archaische Zeichen und Symbole, Naturund biomorphe Formen sowie der Gebrauch von Linien und Flächen, die «polyfonen All-over-Rhythmen». Bei den Künstlern ging es Eggelhöfer nicht darum, solche mit deutlichen formalen Analogien zu Klee auszuwählen. Eine Inspiration sei er weniger mit seinen fertigen Bildern gewesen, so Eggelhöfer, als mit der «Prozesshaftigkeit» seiner Arbeit: «Imponiert hat seine Haltung, wie er etwa die ‹écriture automatique› der Surrealisten aufnahm, sie aber in ein strenger kontrolliertes Verfahren einbaute.»

Jackson Pollock etwa wurde über den Betreiber eines New Yorker Druckateliers auf Klee aufmerksam. Stanley William Haytner war ein Klee-Bewunderer und wies Pollock auf Klees spontane Linienentwicklung hin – diese «freie Linie» ebnete den Weg zu Pollocks späteren «Dip Paintings». Während ihres USA-Aufenthalts ist Eggelhöfer weiteren Spuren nachgegangen. «Klees Einfluss im europäischen Kontext haben wir ja im ZPK ausführlich aufgezeigt», sagt sie, aber bei den aussereuropäischen Verbindungen gebe es noch einiges zu entdecken. Sie erwähnt Frida Kahlo und Diego Rivera, die beide Klee gesammelt haben. Und in Hollywood sei auch viel Klee gesammelt worden, etwa von Billy Wilder. «‹Hollywood und Klee›, das wäre doch ein Ausstellungsprojekt», sagt sie. Warten wir ab. Grün ist auch die Farbe der Hoffnung.

Bis 7. Januar 2018. Vernissage: heute, 18 Uhr. Katalog à 33 Franken. www.zpk.org (Der Bund)

Erstellt: 14.09.2017, 07:05 Uhr

Eine Kiste ist eine Kiste

Im Winter 1963 schickte der amerikanische Pop-Art-Künstler Andy Warhol einen seiner Mitarbeiter in den Supermarkt mit dem Auftrag, etwas ganz Gewöhnliches mitzubringen. Dieser schleppte nebst Verpackungen von Del-Monte-Pfirsichen, Kellogg’s Cornflakes und Heinz-Ketchup auch Schachteln von Brillo-Putzseife an. Nach dem Vorbild ebendieser Brillo-Kartons liess Warhol anschliessend von einem Schreiner Hunderte Holzkisten fertigen, die exakt den kartonierten Vorbildern aus dem Hause Brillo entsprachen. Eine Kiste ist eine Kiste. Ausser wenn die Kiste im Museum steht. Dann ist eine Kiste zwar noch immer eine Kiste, vor allem aber ist sie dann Kunst.

Im Kindermuseum Creaviva wurde als interaktive Ergänzung zur Ausstellung «10 Americans After Paul Klee» gemeinsam ein Kunstwerk aus Kartonkisten gebaut. Im Fokus der Ausstellung «Boxes» steht denn auch das Gemeinschaftswerk. «Konzeptkunst ist nicht Sache des Creaviva», sagt Leiter Urs Rietmann. Das Kindermuseum nehme hingegen die Idee Warhols als Steilpass auf für ein Spiel mit Kartons, die für sich alleine noch kein Kunstwerk seien, «in der gelungenen Kombination mit weiteren kartonierten Objekten aber Kunstwerkcharakter bekommen können». Einmal mehr nimmt sich das Kindermuseum Creaviva ein scheinbar bedeutungsloses Objekt vor und überlässt dieses dem Publikum zur heiteren Interaktion.

Bis 15. Januar 2018. Eröffnung: heute, 17 Uhr.

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