Ich filme, also bin ich

Handyfilme von Jugendlichen lösen bei Erwachsenen oft negative Assoziationen zu Gewalt, Mobbing oder Pornografie aus. Eine Ausstellung korrigiert diese einseitige Sichtweise.

Spontan filmende Jugendliche machen sich verdächtig: Viele Erwachsene denken an Fälle von Cybermobbing oder Gewaltexzess.

Spontan filmende Jugendliche machen sich verdächtig: Viele Erwachsene denken an Fälle von Cybermobbing oder Gewaltexzess. Bild: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Gruppe Jugendlicher wird nachts auf dem Nachhauseweg von Schneefall überrascht. Einige beginnen ausgelassen auf der Strasse zu tänzeln, andere malen mit ihren Schuhen Figuren in die weisse Leinwand unter ihren Füssen. Und natürlich wird die Szene mit dem Handy ­gefilmt, später noch mit Musik unterlegt und an Freunde und Bekannte verschickt. Eine junge Frau versucht mit ­ihrem Snowboard einen neuen Trick, verliert das Gleichgewicht und stürzt ­lachend in den Schnee. Vielleicht dient die gefilmte Szene dazu, abends die Fehler zu analysieren – oder sie ist einfach ein Dokument, das besagt: Ich war dort, und ich hatte Spass, den ich mit euch ­teilen will.

Das Image ist schlecht

Für Jugendliche sind mit dem Handy aufgenommene digitale Filme heute selbstverständlicher Teil und gleich­zeitig eine kreative Ressource für die Gestaltung des Alltags. Ab dem Jahr 2000 verfügten Handys über eine ­Kamerafunktion, die allerdings zuerst noch limitiert war in ­ihren Möglichkeiten und überdies sehr teuer. Heute ist ein Handy mit eingebauter Kamera Standard, 97 Prozent der 12–19-Jährigen verfügt über ein Smartphone; das Handy als einsatzbereite Kamera kann jederzeit und überall gezückt werden.

Das Handyfilmarchiv mit Files zu Ferien­reminiszenzen, ­Konzertbesuchen oder Partys mit Freunden wird zur bewegten Variante des Fotofilms. Mehrheitlich sind es denn auch Jugendliche, die heute mit dem Handy filmen – wobei es wohl nur eine Frage der Zeit ist, bis diese Praxis zu einem generationenübergreifenden Phänomen wird. Die Vorurteile gegenüber Handyfilmen vonseiten vieler Erwachsener halten sich nach wie vor hartnäckig; sie kreisen um Realitätsverlust, Aggressionssteigerung und Ver­rohung und repetieren meistens Argumentationsmuster, wie man sie etwa aus Diskussionen über die Gefahren der Computergames kennt.

Das Image der Handyfilme ist schlecht: Schnell denkt man an Cyber­mobbing oder an Handy-Slapping – ­Jugendliche greifen grundlos jemanden, dokumentieren den Gewaltakt und stellen den Film später ins Internet oder teilen ihn mit Freunden.

Humor spielt eine zentrale Rolle

Ein von der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste durchgeführtes Forschungsprojekt korrigiert nun dieses Bild, vermittelt fundiertes Wissen und ist die Basis einer interaktiven Ausstellung, die sich ebenso an Jugendliche wie an Erwachsene und Fachleute richtet. Die Studie wertet 300 Filme von ­Jugendlichen aus – teils wurden sie auf der Strasse angesprochen, teils in einer Berufsfachschule.

Die Bedeutung von Handyfilmen bei der Pflege sozialer Beziehungen im ­jugendkulturellen Umfeld steht im Zentrum. Humor spielt laut den ­Forschenden eine wichtige Rolle in den Handyfilmen: Kurz sind sie meist und erzählen oft ­Geschichten, die in der Tradition des Slapsticks stehen.

Szenografisch naheliegend, aber ansprechend umgesetzt sind die über­dimensionierten Hände auf Sockeln mit kleinen eingebauten Monitoren. Man erfährt einiges über die medialen Einflüsse von Youtube-Ästhetik bis zur Nachstellung von Spielfilmszenen mittels einer bewussten Kameraführung. Der ein­dimensionalen Sicht auf die Handyfilme von vielen Erwachsenen – vielleicht auch Folge eines befürchteten ­Kontrollverlusts, da mit neuen Medientechniken noch nicht so vertraut – wird die Perspektive der ­Jugendlichen gegenübergestellt.

Über die Möglichkeiten der Kommunikation und Informationsverbreitung hinaus schafft das Medienformat Handyfilm auch veränderte Möglichkeiten zum Wahrnehmen und Erleben alltäglicher ­Situationen. Sich selber zu spiegeln und in der Gesellschaft zu verorten, ist ebenso ein Faktor wie sich als Performer in Szene zu setzen: Eine individuelle Tanzchoreografie zu einem globalen musikalischen Superhit etwa kann so durchaus auch als Akt der kreativen Selbstermächtigung verstanden werden.

Die Ausstellung im Berner Generationenhaus dauert bis zum 5. November. (Der Bund)

Erstellt: 21.10.2015, 12:21 Uhr

Artikel zum Thema

Der «Bund»-Essaypreis im Livestream

10. «Der Bund»-Essay-Wettbewerb Heute ab 18.30 Uhr an dieser Stelle im Live-Stream: Die Verleihung des «Bund»-Essaypreises, live aus der Dampfzentrale. Mehr...

Handyfilme statt Super 8

Kolumne Beim Espresso erzählt Bruno von seinem Besuch im FCZ-Museum. Mehr...

Vor deiner Nase, Baby

Keine filmenden Fans: Das wünscht sich die Sängerin Kate Bush für ihre ersten Gigs in 35 Jahren. In ihrem Kampf gegen Smartphones an Konzerten ist sie bei weitem nicht allein. Mehr...

Kommentare

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Bienenzüchter: Im spanischen Valencia protestieren Bienenzüchter für einen nachhaltigen und profitablen Sektor. Sie verlangen, dass die Etikettierung klar ist und beklagten den Preiszerfall. (11.Dezember 2018)
(Bild: Kai Foersterling/EPA) Mehr...