Gurlitt-Erbe endgültig annehmen

Mit der Gurlitt-Doppelausstellung in Bern und Bonn ist erst ein Etappenziel erreicht. Jetzt muss der Bund Farbe bekennen.

Besucher in der Berner Gurlitt-Ausstellung im Kunstmuseum.

Besucher in der Berner Gurlitt-Ausstellung im Kunstmuseum. Bild: Franziska Rothenbühler

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Knapp drei Jahre sind vergangen, seitdem das Kunstmuseum Bern eine Vereinbarung mit der Bundesrepublik Deutschland und dem Freistaat Bayern unterschrieb und damit die rund 1600 Werke umfassende Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt annahm. Die Dramaturgie des Kunstfunds, der eigentlich eine Beschlagnahmung war, wartete in der Folge mit diversen denkwürdigen Wendungen auf, mit medialen Spekulationen über einen milliardenschweren «Nazi-Schatz» und mit prozessfreudigen Verwandten des Verstorbenen sowie Bedarf an historischer Aufarbeitung.

Jetzt hat die Doppelausstellung in Bern und Bonn ihre Tore geöffnet, rund 150 Werke des Gurlitt-Erbes aus dem Konvolut «Entartete Kunst» sind ausgestellt und historisch eingebettet. Während der vergangenen zwei Eröffnungstage mit kostenlosem Eintritt strömten viele Neugierige ins Kunstmuseum, um das Happy End dieser schier unendlichen Geschichte mit eigenen Augen zu sehen.

Nur: Mit der Eröffnung der Ausstellung «Bestandsaufnahme Gurlitt – beschlagnahmt und verkauft» ist nicht die definitive Ziellinie überschritten worden, es wurde vielmehr ein wichtiges Etappenziel erreicht. Über das Erreichen dieser Marke darf man in Bern zweifellos stolz sein, der Stiftungsrat des Kunstmuseums hat sich der Aufgabe, die mit der Aufarbeitung des Falls Gurlitt einhergeht, gestellt und mit der Unterstützung von Stadt und Kanton auch in schwierigen Phasen Rückgrat bewiesen.

Der Fall Gurlitt wirkte auch als Katalysator: Schweizer Museen erforschen ihre Sammlungen seither systematischer, die Bedeutung sauber abgeklärter Provenienzen ist eindeutig gestiegen, Provenienzforschung wird künftig unbestritten eine der Kernaufgaben musealer Arbeit bilden.

Und eine Debatte über die bislang enge Auslegung der Prinzipien des Washingtoner Abkommens ist ebenfalls in Gang gekommen: Die Rückgabepraxis der Schweiz ist immer noch restriktiver als in vielen Nachbarländern und klammert nach wie vor Fluchtgut aus, die verfolgungsbedingte Veräusserung von Kunstwerken in Notlagen.

Chance für eine Profilierung

Der Anwalt Marcel Brülhart, Vizepräsident der Dachstiftung und umsichtiger Verantwortlicher für das Gurlitt-Dossier beim Kunstmuseum, hat kürzlich auf die Frage, ob sich die ganze Anstrengung denn gelohnt habe, geantwortet, das Kunstmuseum habe diese Erbschaft nicht aus Kosten-Nutzen-Überlegungen angenommen, sondern weil es sich der Verantwortung stellen wollte. Und er fügte an, es sei nicht entscheidend, wie viele Werke schliesslich als «sauber» definitiv den Weg nach Bern finden würden.

Ende Jahr wird das beim Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste angegliederte Projekt «Provenienzrecherche Gurlitt» seine Arbeit einstellen. Bern wird viele Zwischenberichte zur Herkunft und zu Provenienzlücken einzelner Werke erhalten, letztlich aber bei mehreren Hundert Werken, wo der Raubkunstverdacht wegen der ungenügenden Quellenlage wahrscheinlich nie gänzlich ausgeräumt werden kann, von Fall zu Fall über die Annahme entscheiden müssen.

Bei seinen Abwägungen wird das Kunstmuseum unter penibelster Beobachtung stehen. Man muss kein Prophet sein, um zu prognostizieren: Im Zweifelsfall wird sich das Kunstmuseum gegen die Übernahme eines Werkes aussprechen. Im Vorwort zum Katalog der Doppelausstellung schreibt Kulturminister Alain Berset, das Gurlitt-Erbe biete dem Kunstmuseum Bern die Gelegenheit, «sich der Geschichte zu stellen und im Umgang mit der NS-Raubkunst beispielhaft voranzugehen».

Hier kommt nun der Bund ins Spiel, der in den vergangenen Jahren durchaus einiges gemacht hat in diesem Bereich – er hat eine Anlaufstelle für Raubkunst geschaffen, er hat via Bundesamt für Kultur unter dem Eindruck des Falls Gurlitt zwei Millionen Franken gesprochen für Provenienzforschungsprojekte in Schweizer Museen und Sammlungen. Ansonsten aber wird meist auf die Eigenverantwortung der Museen und auf die Verhältnismässigkeit verwiesen. Eine Tatsache ist allerdings auch: Die Schweiz war zwischen 1933 und 1945 ein Hauptumschlagplatz für NS-Raubkunst, und in den Schweizer Sammlungen und Museen gibt es nach wie vor betroffene Werke. Es gibt Handlungsbedarf.

Das Gurlitt-Erbe endgültig annehmen hiesse für den Bund: dem Beispiel des Kunstmuseums folgen und diese Erbschaft auch als Chance für die Profilierung des Landes begreifen. Dazu gehört die Schaffung einer unabhängigen Fachstelle zur Überprüfung der Provenienzforschung, mit der das Land sich in diesem Bereich als international führend positionieren könnte. Nur wenn die Forschungsergebnisse der Museen veröffentlicht und glaubwürdig überprüft werden, lässt sich der Gefahr von Klagen durch «Goldgräberanwälte» auch wirksam begegnen.

Dazu gehört auch die ernsthafte Prüfung eines in der neutralen Schweiz domizilierten Schiedsgerichts für Raubkunstfälle weltweit. Das alles würde natürlich Geld kosten, keine Frage. Damit würde die Schweiz jedoch Präsenz zeigen und einen sinnvollen Beitrag leisten zur Pflege des schweizerischen Erscheinungsbildes im Ausland. (Der Bund)

Erstellt: 04.11.2017, 08:38 Uhr

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