Gurlitt-Erbe: Das Chaos im Archiv

«Effizient, transparent, zügig» war das Motto: Doch die ersten freigeschalteten Resultate der Digitalisierung der Gurlitt-Dokumente enttäuschen.

Um Gurlitts Archiv zu bereinigen, braucht es noch viel Arbeit.

Um Gurlitts Archiv zu bereinigen, braucht es noch viel Arbeit.

(Bild: Keystone)

Als die Taskforce im Januar 2015 ihren Bericht zum «Schwabinger Kunstfund» veröffentlichte, wurde sie in den deutschen Medien und von Fachleuten zum Teil heftig kritisiert. Insbesondere wurde der personell gut dotierten Taskforce die magere Ausbeute aus zwei Jahren Arbeit vorgeworfen sowie die Tatsache, wie wenig von den Unterlagen und Dokumenten, die in Gurlitts Wohnsitzen in München und Salzburg sichergestellt worden waren, aufbereitet und für die Provenienzforschung zugänglich gemacht worden ist.

Die Taskforce wurde Ende 2015 aufgelöst, ihre Arbeit wird nun vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg weitergeführt. Im April wurde unter dem Motto «effizient, transparent, zügig» angekündigt, dass nun aktuelle Informationen über die Fortschritte beim Projekt «Provenienzrecherche Gurlitt» einsehbar seien.

Aufgeschaltet wurden die ersten digitalisierten Dokumente nicht auf www.artlost.de, wo die Bilder aus der Gurlitt-Sammlung sowie die Geschäftsbücher einsehbar sind, sondern im Deutschen Bundesarchiv, das nur an drei Standorten, in Berlin, Koblenz und Freiburg, zugänglich ist.

Hält doch der Vertrag, den die Bundesrepublik Deutschland und der Freistaat Bayern mit dem Kunstmuseum Bern abgeschlossen haben, fest, dass sämtliche Unterlagen, die sichergestellt werden konnten, in den Besitz des Bundesarchivs übergehen sollen.

Kaum lesbar digitalisiert

Doch was bis heute dort einsehbar ist, enttäuscht. Das digitalisierte Material verteilt sich auf 10 Kisten, hauptsächlich aus Salzburg. Aufgeschaltet sind zum Beispiel die Fotoalben von Cornelius Gurlitts Vater, dem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, welche etwa historische Schwarzweissaufnahmen von Ausstellungsräumen oder wenige schriftliche Dokumente zeigen.

Was aber für die Provenienzforschung von Bedeutung ist, vor allem die handschriftlichen Anmerkungen auf den Rückseiten der schwarzweissen Bilderkopien, ist in schlechter Qualität digitalisiert.

Gerade diese Notizen, aus denen sich möglicherweise herauslesen liesse, welche Bilder im gleichen Konvolut von Hildebrand Gurlitt angekauft oder verkauft wurden, sind kaum lesbar. Einer vierundvierzigseitigen Dokumentation ist zu entnehmen, was im Archiv einsehbar ist. Doch diese Liste zeigt eine Diskrepanz auf: Nicht alles Erwähnte ist auch einsehbar.

Aufgearbeitet und digitalisiert werden soll der Inhalt von 22 Kisten mit Konvoluten verschiedener Herkunft, die alle gemäss Andrea Baresel-Brand bereits inventarisiert und mit ungefähr 25'000 Dokumenten grösstenteils digitalisiert sind.

Die Kunsthistorikerin war Mitglied der Taskforce Schwabinger Kunstfund und leitet heute am Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste die Provenienzrecherche Gurlitt. Zu ihrem Projektteam gehören sechs Mitarbeiter, drei davon arbeiten Vollzeit, sowie 20 Wissenschaftler.

Damit rund 3500 vorwiegend geschäftliche Dokumente den verschiedenen Werken der Sammlung zugeordnet werden können, soll weiter ein «Findbuch» erstellt werden. Laut Baresel-Brand waren die Unterlagen, die in Gurlitts Wohnung in München sichergestellt wurden, entgegen den Erwartungen keine geordneten Geschäftsablagen.

Rückgabe verzögert sich

Nicht zugänglich sind im Bundesarchiv die privaten Fotos und Briefe. «Da kommt der Persönlichkeitsschutz ins Spiel», sagt Andrea Baresel-Brand. «Unser Ziel ist es aber, für Provenienzforscher, Kunsthistoriker und weitere Interessierte möglichst viele Unterlagen zugänglich zu machen.»

Sie weist darauf hin, dass das Vorgehen ziemlich langwierig sei, weil die Rechte zur Veröffentlichung beim Nachlassverwalter und den beiden Erbprätendenten, dem Kunstmuseum Bern und Uta Werner, lägen. «Die Anfrage, die Geschäftskorrespondenz, die bereits digitalisiert ist, im Bundesarchiv zugänglich zu machen, haben wir schon vor längerer Zeit deponiert», sagt Baresel-Brand.

Wann mit einem Bescheid zu rechnen sei, lasse sich nicht abschätzen. Was die Rückgabe der Bilder betrifft, die noch von der Taskforce als Raubkunst identifiziert wurden, so verzögert sie sich: Noch immer nicht freigegeben sind ein Werk von Pissarro und zwei Zeichnungen von Adolphe Menzel.

Der Anwalt von Uta Werner hatte sich Anfang Februar in einem Brief an den Nachlassverwalter Stephan Brock unter anderem dafür starkgemacht, dass diese Werke unverzüglich und unbürokratisch restituiert würden. Doch bis heute ist nichts passiert. Gemäss Brock dauert das Rückgabeverfahren immer noch an.

Mit Uta Werner und dem Kunstmuseum Bern sei aber besprochen – und so werde auch vorgegangen –, dass, wenn durch die Bundesrepublik Deutschland der Raubkunsthintergrund eines Bildes nachgewiesen werde, der jeweilige Anspruchsteller eindeutig zu identifizieren sei und er seine Ansprüche geltend mache, entsprechende Bilder mit Zustimmung von Kunstmuseum Bern und Uta Werner herausgegeben würden.

Der Bund

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