Geschichte in Quarantäne

Im Kunstmuseum lässt sich die konservatorische Arbeit am Gurlitt-Konvolut verfolgen. Die Massnahmen tun den Bildern, dem Publikum und dem Museum gut.

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Vierzig Tage mussten ankommende Seeleute im Mittelalter warten, bis sie die Republik Ragusa, das heutige Dubrovnik, betreten durften. Man wollte sicher sein, dass sie nicht die Pest in die Stadt brächten. Eine Woche hätte dafür eigentlich genügt. Vierzig Tage waren es vermutlich aus religiösen Gründen. Vierzig Tage dauerte die Sintflut, vierzig Tage dauert die Fastenzeit, vierzig Tage ging Jesus in die Wüste. Daher die Quarantäne, deren Namen wohl von den biblischen vierzig Tagen kommt. Sie hat eben nicht nur einen immunologischen, sondern auch einen ideellen, einen moralischen Sinn.

Ganz ähnlich scheint es dem Kunstmuseum mit seinem Gurlitt-Erbe zu gehen. 220 Bilder sind da, aber sie müssen in Quarantäne. Das hat zuerst tatsächlich sozusagen immunologische Gründe, einige der Werke sind krank, «verletzt», wie Regierungsrat Bernhard Pulver gestern auf der Pressekonferenz sagte. Das Kunstmuseum hat ein ganzes Ausstellungsgeschoss in konservatorische Ateliers verwandelt, in denen das Konvolut in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste Bern untersucht und instand gestellt wird. Vor der Gurlitt-Ausstellung Anfang November kann das Publikum einen Blick in die Werkstätten werfen, entweder bei einer Führung, oder durch ein mit erklärenden Texten ergänztes Schaufenster.

Eine monastische Erfahrung

Die Krankheit der Bilder ist der Aspergillus versicolor. Das ist ein Schimmelpilz, der «Salzburger Schimmel», wie Nathalie Bäschlin, die leitende Konservatorin des Kunstmuseums sagt, weil vor allem in Salzburg gefundene Werke davon befallen sind. Und weil Schimmel ansteckend ist, muss in einem sogenannten Biomonitoring festgestellt werden, ob lebende oder tote Sporen auf und in den Bildern vorhanden sind, bevor sie mit den unbedenklichen Teilen der Sammlung zusammenkommen dürfen. Dann gibt es noch die sichtbaren Verletzungen, offene Brüche, «Fehlstellen» wie Eselsohren oder abgerissene Ecken und «Kontaktmaterialien», Verbrennungen sozusagen, von Klebstoffen zum Beispiel. Weil der grösste Teil der in Bern angekommenen Bilder Arbeiten auf Papier sind, kommen solche Krankheitsbilder besonders häufig vor.

Ein Besuch in den Restaurationsateliers lohnt sich schon nur, um das konzentrierte Beobachten und Einwirken auf die Blätter zu sehen. Die ruhige Beharrlichkeit der Restauratorinnen – «in unserem Beruf geht es leider nie sehr schnell», sagt die für die Papierarbeiten zuständige Dorothea Spitza – hat etwas Monastisches. Wie stille Übersetzerinnen der Geschichte bringen sie die fast vergessenen Bilder in die Gegenwart und leiten mit minimalinvasiven Mitteln den Blick zurück vom Makel zu Motiv.

Keine vergessene Sammlung

Um die ideellen, moralischen «Verletzungen» kümmern sich gleichzeitig die Historikerinnen. «Mustergültig» sei die Zusammenarbeit der hausinternen Abteilungen, sagt die erst kürzlich als Leiterin der Abteilung Provenienzforschung eingestellte Nikola Doll, «mit anderen Häusern nicht zu vergleichen». Es ist eine intensivstationäre Quarantäne mit Resultaten: Der Weg von Otto Muellers Porträt seiner Frau Maschka zum Beispiel lässt sich dank Vermerken auf dem Rahmen, Inventurlisten und den unterdessen zugänglichen Tagebüchern von Cornelius Gurlitt exakt nachzeichnen. Und es zeigt sich: Gurlitts 2012 scheinbar neuentdeckte Sammlung war gar nie ganz vergessen gegangen. Die zum Bestand der sogenannten entarteten Kunst gehörende «Maschka» zum Beispiel wurde 1956 in Hannover ausgestellt und noch in den 1980ern dem Stuttgarter Kunsthändler Roman Norbert Ketterer, Vater der Wichtracher Galeristin Ingeborg Henze-Ketterer, angeboten. Auch im Kandinsky-Werkverzeichnis von Vivian Barnett, das ab 1992 erschien, taucht die Sammlung auf.

An Muellers Gemälde sind Cornelius Gurlitts Spuren vielleicht sogar direkt nachweisbar. Vermutlich hat er, selbst ausgebildeter Restaurator, das Bild mit einer Wachsschicht imprägniert und es auf eine Leinwand dubliert. Mueller malte auf Jute. In dieser Trouvaille verschränken sich die Biografien von Cornelius Gurlitt und seinem Vater Hildebrand. Schon Vater Gurlitt hatte nämlich eine Ölskizze auf Papier von Louis Gurlitt neu aufgezogen und gerahmt, sodass daraus ein Ölgemälde auf Leinwand wurde, das sich teurer verkaufen liess. So wirken die Quarantänemassnahmen des Kunstmuseums der moralischen Last des Gurlitt-Erbes entgegen: Sie sollen nichts verstecken, sondern alles zeigen, die ganze Geschichte dieser Bilder.

«Werkstatt Gurlitt», bis 17. 9., Führungen: www.kunstmuseumbern.ch Anmeldung: vermittlung@kunstmuseumbern.ch

Der Bund

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