Freiheit, noch unvertraut

Kurz, beschwerlich, mystifiziert und unfassbar: Das ist die Zeit der Adoleszenz. Wie sie sich heute anfühlt, dokumentiert der Genfer Fotograf Steeve Iuncker im Lausanner Fotomuseum.

«Tatouage»: Für seine gemäldehaften Fotografien verwendet Steeve Iuncker ein Vierfarben-Kohledruck-Verfahren aus den 1950er-Jahren.

«Tatouage»: Für seine gemäldehaften Fotografien verwendet Steeve Iuncker ein Vierfarben-Kohledruck-Verfahren aus den 1950er-Jahren.

(Bild: Steeve Iuncker)

Strahlende Debütantinnen sucht man vergeblich. Auch Konfirmanden fehlen, genauso wie Aufnahmen von Jungbürgerfeiern. Sie sind abhandengekommen oder hohl geworden, die Rituale, welche einst den Eintritt in die Welt der Erwachsenen markierten. Gern wird sie verklärt, die kurze Zeit der Adoleszenz, noch häufiger wird über ihre Bedeutung gestritten. «Adoleszenz ist die Avantgarde des Individuums», schreibt der Ethno-Analytiker und Adoleszenz-Spezialist Mario Erdheim. Das kreative Potenzial, das sich häufig in dieser Lebensphase voller Widersprüche entwickelt, wird allerdings von der heutigen, auf die Jugend fixierten Gesellschaft meist absorbiert, bevor es richtig gezündet werden kann. Wie sich diese wichtige, diffuse Zeitspanne heute anfühlt, zeigt der Genfer Fotograf Steeve Iuncker in seiner Serie «Se mettre au monde», was in der Ausstellung im Lausanner Fotomuseum Elysée mit «Der eigene Zugang zur Welt» übersetzt wird. Über vier Jahre hinweg, von 2012 bis 2016, fotografierte Iuncker an den unterschiedlichsten Orten. Die meisten der Porträtierten kennt er nicht näher, entstanden sind die Aufnahmen vielmehr bei zufälligen Begegnungen: auf der Strasse, dem Schiessplatz der Notfallstation, im Tattoo-Studio, an der Erotikmesse oder am Open Air. Lauter beiläufige Momente sind festgehalten, an die sich wohl keiner der Fotografierten gross erinnert. Bis auf die Aufnahmen von Konzertpublikum ist auch nirgends die Anwesenheit des Fotografen spürbar. Iuncker ist Zaungast, aber ein hartnäckiger, er weiss um die Flüchtigkeit dieser Lebensphase, die noch unfassbarer geworden ist, seit die meisten Wegmarken verschwunden sind.

«Jeder muss seinen eigenen Zugang zur Welt finden, es gibt keinen vorgezeichneten Weg mehr», zitiert Iuncker denn auch in der Ausstellung den französischen Soziologen David Le Breton. Auslöser für die intensive Recherche war der eigene 16-jährige Sohn, der – so schien es dem Vater – ganz plötzlich erwachsen geworden sei. Und Iuncker sich nicht nur fragen musste, wie so schnell aus dem Kind ein junger Erwachsener geworden sei, sondern auch, ob er ihm als Vater das richtige Rüstzeug für die neue Welt mitgegeben habe.

Feldschützen und Fleischerhaken

Iuncker erinnerte sich an die eigene Jugend. Daran, wie einschneidend jener Moment war, als sein Vater, der im Militär bei den Fallschirmspringern diente, ihm vorgeschlagen habe, auch das Brevet zu machen. Was er dann auch getan habe. Für seine Serie hat Iuncker auch junge Fallschirmspringer aufgesucht. Allerdings zeigt er sie weder beim Absprung, noch in der Luft oder bei der Landung. Er fotografiert sie vielmehr im Flugzeugbauch, zeigt die Anspannung auf den jungen Gesichtern. Zusammen mit den Aufnahmen von jungen Feldschützen und Rekruten sowie einer Taufe sind dies die einzigen ritualhaften Momente in der Ausstellung. Entsprechend erwartungsvoll sind hier denn auch Blick und Haltung, die ein aufkeimendes neues Bewusstsein verraten.

Den übrigen Fotografien fehlt diese Eindeutigkeit; umso stärker wird dafür dort die unbewusste Suche nach einem Zugang zu einer Welt sichtbar, von der man nur vage eine Ahnung hat. Traumwandlerisch ist die Stimmung auf diesen Aufnahmen, alle behaftet von eine Patina seltsamer Entrücktheit. Sichtbar wird da das ganze Ausmass dieses einzigartigen Zustands aus Hemmung und Angst, Trieb und Erwartung. Gleichzeitig unbeholfen und sehr berührend wirken die Versuche mit selbst gewählten, schmerzhaften Mutproben: Arme werden mit Nadeln oder Fleischerhaken durchbohrt, Oberschenkel mit Messern traktiert, und stundenlang wird im Tattoo-Studio gelitten. Eine von viel Verlorenheit durchtränkte Verwegenheit wird da erkennbar, die unter allen Umständen irgendwie ausgehalten werden will. All diese Jugendlichen – ob total trunken am Strand oder erdrückt vor Langeweile mit Handy und Bier in der Hand – sind noch immer von Unschuld gezeichnet: Jesusgleich liegt der junge Mann auf der Bahre der Notfallstation.

Das Geheimnis bleibt

Mit den unscharfen Konturen und den ausgewaschenen Farben wirken die Aufnahmen wie Gemälde. Iuncker fotografierte mit einer Grossbildkamera und verwendet bei der Bildbearbeitung ein Vierfarben-Kohledruck-Verfahren, das in den 1950er-Jahren vom Pariser Atelier Fresson entwickelt worden war.

Bereits für seine viel beachteten Serie «L’instant de ma mort» (2012) setzte Steeve Iuncker diese Technik ein, als er Bestatter und Polizisten begleitete und Tote fotografierte, für die sich keiner interessierte. Sie macht, dass der Augenblick noch flüchtiger wirkt, der Ausschnitt noch zufälliger, vergrössert wird die Distanz, was den Porträtierten mehr Autonomie gewährt: Weder Betrachter noch Fotograf kommen ihnen zu nahe. Auch völlig weggetreten, zum Beispiel im Koma, im Sanitätszelt, bleiben die jungen Menschen auf Steeve Iunckers Fotografien ganz bei sich.

Herausforderung Adoleszenz – dem 47-jährigen Fotografen gelingt es, das ganze Ausmass zu illustrieren, ohne aber ihr Geheimnis zu entschlüsseln. Ein Geheimnis, dem sich der Betrachter mit seinen ganz eigenen Erinnerungen stellen kann: Eine Art Telefonkabine – halb Beichtstuhl, halb Coiffeurhaube – ist in der Ausstellung eingerichtet. Dort kann anonym verraten werden, wie es denn damals genau war, als man bereit war, auf die Sicherheiten der Kindheit zu verzichten und die Ungewissheiten auszuhalten, die eine noch unvertraute Freiheit versprachen.

Aufgeschaltet werden die Bekenntnisse später auf der Webseite des Museums. Bis 28. August. www.elysee.ch

Der Bund

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