Fidels Direktor für Kunstgewerbe

Mit einer Werkschau würdigt das Kunsthaus Interlaken das Schaffen des Fotorealisten Rudolf Häsler (1927–1999).

Die Magie des Realen ist auch an unwirklichen Orten daheim: «Parking de Chicago» (Ausschnitt), 1988, Acryl auf Holz, 30x41 cm.

Die Magie des Realen ist auch an unwirklichen Orten daheim: «Parking de Chicago» (Ausschnitt), 1988, Acryl auf Holz, 30x41 cm.

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Times Square in New York, 1977, eine glitzernde Schaubühne des Kapitalismus. Eine Bleistiftzeichnung auf Papier im Obergeschoss des Kunsthauses Interlaken zeigt mit stupender Detailgenauigkeit Billboards und Werbetafeln an den Fassaden der Gebäude und auf den Dächern. Unterhalb des Neonschriftzugs «Enjoy Coca-Cola» prangt derjenige von «Castro» – gemeint ist indes nicht der kubanische Revolutionsführer, sondern die gleichnamige Tabakmarke.

Und dennoch: Der Betrachter, der die faszinierende Lebensgeschichte des gebürtigen Interlakners Rudolf Häsler (1927–1999) kennt, kommt nicht umhin, hier eine ironische Reminiszenz an den «Máximo Lider» zu vermuten. Der Maler Rudolf Häsler, Sohn eines Postautochauffeurs, aufgewachsen auf dem Bödeli und später als junger Lehrer im Kanton Solothurn tätig, kam 1957 auf die Insel, die wie eine Hängematte in der Karibik liegt. «Ohne die labyrinthischen Wege der Liebe hätte ich Kuba wohl nie gesehen», hat er in seinen 1984 publizierten, vergriffenen Memoiren geschrieben. Häsler hatte 1952 den Lehrerberuf aufgegeben, Malunterricht genommen – unter anderem bei Cuno Amiet – und ausgedehnte Studienreisen durch Südeuropa und Nordafrika unternommen. In seinen Lehr- und Wanderjahren malte er realistisch, in der Tradition des 19. Jahrhunderts – in Interlaken ist aus dieser Zeit etwa das Bild von den steinernen Menhiren im bretonischen Carnac zu sehen. Nichts deutet darauf hin, dass Häsler sich später auf Kuba von der dortigen Volkskunst zu überbordend farbigen, teils fast abstrakten Kompositionen inspirieren lassen wird; und auch sein ab 1970 entwickelter fotorealistischer Stil in der dritten Schaffensphase scheint Mitte der 1950er Lichtjahre entfernt zu sein.

In Ungnade gefallen

1956 lernte Häsler in Granada bei einem befreundeten Maler die Kubanerin María Dolores Soler kennen; in ihrer Heimatstadt Santiago de Cuba wollten sie heiraten. Geplant war ein zweiwöchiger Aufenthalt, zwölf intensive Jahre sollten es schliesslich werden. «Ich war sozusagen im Fallschirm mitten im Zentrum der kubanischen Revolution gelandet», hat Häsler den Moment seiner Ankunft später charakterisiert.

Die Rebellion gegen Diktator Batista nahm in dieser Zeit Züge eines Volksaufstands an, Häsler erlebte den Sturz des Regimes durch Fidel Castros «Bewegung des 26. Juli» – und er liess sich von der ­euphorischen Aufbruchsstimmung anstecken. Er schloss sich einer Gruppe von Künstlern und Architekten an, arbeitete im Nationalinstitut für Kunstgewerbe in Havanna und wurde 1960 zum Direktor des Instituts ernannt. Häsler war damit nach Ernesto Guevara, dessen Arbeitsräume sich zwei Stockwerke unter ihm befanden – Fidel Castro residierte vier Etagen über ihm –, der ranghöchste ausländische Funktionär in der kubanischen Regierung. Häsler war massgeblich am Aufbau einer auf einheimischen Ressourcen basierenden, landesweiten Keramikindustrie beteiligt. Die Annäherung an die Sowjetunion führte in Kuba jedoch bald zu bürokratischer Planwirtschaft und totalitären Tendenzen. Der zunehmend desillusionierte «El Suizo», wie er auch genannt wurde, hielt mit Kritik nicht zurück und weigerte sich, absurde Planforderungen umzusetzen. 1963 fiel er in Ungnade, in einem fabrizierten Lebenslauf wurde ihm SS-Mitgliedschaft in Nazi-Deutschland und Spionagetätigkeit für die USA vorgeworfen. Häsler war eine «Persona non grata», wurde aber nicht verhaftet. Bis zur Ausreise 1969, die mit zahlreichen Demütigungen und Schikanen verbunden war, brachte er die mittlerweile sechsköpfige Familie als privater Keramikproduzent durch – sogar die Regierung kauft wegen der guten Qualität bei ihm «inkognito» ein.

Die Idee einer Ausstellung in Inter­laken hat Kurator Heinz Häsler – nicht verwandt mit dem Künstler – schon seit 20 Jahren mit sich herumgetragen. Rudolf Häsler hatte sich nach seiner Ankunft in Europa in der Nähe von Barcelona niedergelassen. Allein, es erwies sich als überaus kompliziert, die Bilder aus Spanien herauszubekommen.

Wieder auf Interesse gestossen

Nachdem der Kunsthändler und Sammler René Brogli von Bromer Kunst in Roggwil etliche Bilder von Häsler und dessen ebenfalls malenden Söhnen Alejandro und Juan Carlos gekauft hatte, war die Realisierung einer Werkschau zusammen mit Leihgaben der Familie einfacher zu bewerkstelligen. Überhaupt scheint Rudolf Häsler 17 Jahre nach seinem Tod in seiner alten Heimat wieder verstärkt ins Bewusstsein zu rücken: Gleich zwei Filmprojekte befassen sich mit ihm. Der Berner Filmemacher Enrique Ros («Meisterträume») widmet sich unter dem Titel «Los Haeslers» der illustren Künstlerfamilie – die Tochter ist eine bekannte Sopranistin, der älteste Sohn ein renommierter Lyriker. Zudem arbeitet der junge Berner Kurator Christian Herren sowohl an einem Filmprojekt über Häsler als auch an einem umfassenden Werkkatalog.

Als Rudolf Häsler Ende der 1960er-Jahre – nachdem der kubanische Traum sich in einen Albtraum verwandelt hatte – mit seiner Familie wieder nach Europa zurückkam war, sah er sich mit einer neuen, von einem omnipräsenten Konsumdenken geprägten Wirklichkeit konfrontiert, die er als «Schlag ins Gesicht» erlebte: «Ich musste den Weg in die Realität suchen», sagte er über diese existenzielle und künstlerische Zäsur. «Ich begann, die optischen Erscheinungsformen zu untersuchen, so genau wie möglich zu beobachten, was sich hier zeigte.» In einer Zeit, als amerikanische Fotorealisten an der Documenta 5 in Kassel erstmals für Furore sorgten, drang Häsler abseits der Hauptachsen des Kunstmarktes tief ein in diese Stilrichtung, deren scheinbar exakter fotografischer Realismus ­etwas von der «Magie des Realen» (so der Titel der Ausstellung) freilegt und ungleich mehrschichtiger und plastischer wirkt als die fotografische Vorlage.

Im Kunsthaus Interlaken sind sie nun versammelt, die Ergebnisse dieser phänomenologischen Studien. Der «Liebhaber des Schwierigen», wie ihn der Kunstkritiker Peter Killer einmal nannte, malte mit Öl auf Leinwand und Acryl auf Holz komplexe Spiegelungen in Schaufenstern, Jugendstil-Bauwerke in Wien, Häuser- und Ladenfronten mit bis in die Details fotorealistisch ausgearbeiteten Fliegengittern oder abgeblätterter Farbe, Schaufensterpuppen, Plakatwände oder das Zusammenspiel von chinesischen Schriftzeichen, Architektur und Glasfassaden. Was für ein grossartiger, die Perfektion anstrebender Handwerker er war, belegen auch die Radierungen, unter anderen Studien von Passanten auf den Ramblas in Barcelona oder Stadtveduten von Solothurn – einige der wenigen Auftragsarbeiten, mit denen Rudolf Häsler seine Einkünfte aufbesserte.

Die Ausstellung im Kunsthaus Interlaken dauert bis zum 15. Mai. (Der Bund)

Erstellt: 02.04.2016, 10:06 Uhr

Rudolf Häsler in den 1990er Jahren zu Hause in Sant Gugat del Vallès. (Bild: zvg)

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