«Es hat etwas Surreales»

Kunsthalle-Direktor Fabrice Stroun über Sparvorschläge aus der Politik, sein Haus zu schliessen, die Kritik an seiner Institution und die Pflicht der Kunsthalle, mit ihren Ausstellungen auch Risiken zu wagen.

Fabrice Stroun: «Wir werden keinen Krieg starten. Die Stadt ist zu klein für unsinnige Grabenkämpfe.»

Fabrice Stroun: «Wir werden keinen Krieg starten. Die Stadt ist zu klein für unsinnige Grabenkämpfe.»

(Bild: Adrian Moser)

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Sparvorschlag der Berner Jungfreisinnigen hörten, die Kunsthalle zu schliessen?
Es hat etwas Surreales. Denn die Kunsthalle ist momentan sehr gut unterwegs, wir konnten im letzten Jahr einen substanziellen Publikumszuwachs verzeichnen. Wir sind auch damit beschäftigt, neue Programme für die Kunstvermittlung in Schulen zusammenzustellen. In der Presse werden wir so gut wie seit Jahren nicht mehr wahrgenommen, unsere Ausstellungen erhalten gute bis hervorragende Kritiken.

Werden die Leistungen der Kunsthalle so dramatisch verkannt?
Ich stelle fest, dass in Bezug auf die Aufgabe und die Mission der Kunsthalle viele Fehleinschätzungen kursieren. Ich war einerseits überrascht von der Bösartigkeit der Attacken und andererseits davon, dass wir einiges an Aufklärungsarbeit darüber, was die Kunsthalle eigentlich ist und tut, zu leisten haben.

Was sagen Sie dazu, dass dieser Schliessungsvorschlag auch in Kreisen der Sozialdemokraten auf Anklang und Verständnis stiess?
Das war die grosse Überraschung. Ich hoffe, dass die Stimmen, die wir gehört haben, nicht die Mehrheit bilden in den verschiedenen Parteien. Wir haben nun angefangen, mit Parlamentariern das Gespräch zu suchen. Wenn ich diese Angriffe auf uns hätte kommen sehen, hätte ich einen Gutteil meiner Arbeitszeit dafür aufgewendet, das Gespräch mit den Entscheidungsträgern zu suchen. Ich ging aber bis vor kurzem davon aus, dass ein natürliches Band zwischen Bern und der Kunsthalle besteht. Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, dass man diese Institution so grundsätzlich infrage stellen könnte.

Sie haben sich einige Tage Zeit gelassen für eine Reaktion. Hatte es Ihnen die Sprache verschlagen?
Nein. Dass zehn Tage verstrichen, ehe ich mit einem Statement reagierte, hatte einen anderen Grund. Ich brauchte diese Zeit, um mit Vertretern von anderen Berner Kulturinstitutionen zu sprechen und ihnen zu versichern, dass die Kunsthalle nicht versuchen wird, die eine gegen die andere Kulturinstitution auszuspielen. Wir werden keinen Krieg starten, wir müssen vielmehr zusammenhalten. Die Stadt ist zu klein für unsinnige Grabenkämpfe. Es würde Jahre brauchen, um den Schaden zu reparieren, wenn wir uns in der Berner Kulturszene aufeinander stürzen würden.

Sind Sie nicht gleichwohl frustriert?
Nein, glauben Sie mir, ich bin wirklich gelassen. Wenn ich jetzt hektisch agieren würde, wäre damit niemandem gedient. Wir haben eine Petition lanciert auf unserer Website, die bislang von fast 3000 Personen unterzeichnet worden ist - darunter hat es viele Berner, aber auch viele Freunde der Kunsthalle aus der ganzen Welt.

Ihre eher bescheidenen Deutschkenntnisse . . .
. . . sind natürlich ein grosser Nachteil, das ist mir bewusst geworden, und ich bemühe mich, diesen Makel zu korrigieren. Ich besuche ab Mitte September einen Intensivkurs. Und ich lese auch meine Lieblingscomics, die «X-Men», neuerdings auf Deutsch.

In ihrem Statement auf der Kunsthalle-Website stellen Sie aus Ihrer Sicht einige Dinge klar, unter anderm betonen Sie, dass die Kunsthalle kostengünstig arbeite. Warum gehen Sie gleich in die Offensive und verlangen mehr Subventionen?
Das haben wir schon vor diesen Ereignissen getan und waren immer im Gespräch mit der Stadt und den zuständigen Behörden. Es wird immer schwieriger, unsere Aufgabe zu erfüllen mit den aktuellen Mitteln von knapp einer Million Franken im Jahr. Wir haben jetzt seit 13 Jahren keine Subventionserhöhung bekommen, nicht einmal der Teuerungsausgleich wurde uns gewährt. Die Ausstellungskosten haben sich dagegen in dieser Zeit verdreifacht. Wenn von uns gewünscht wird, noch mehr zu leisten, dann ist das einerseits schön, aber dafür brauchen wir mehr Geld.

Im kommenden Herbst entscheidet der Kanton, wie eng die Kooperation zwischen ZPK und Kunstmuseum künftig sein wird. Es gibt Stimmen, die finden, man müsste die Kunsthalle als Ort der Gegenwartskunst in eine solche Lösung einbinden und könnte so Geld sparen. Fühlen Sie sich als Spielball der Kulturpolitik?
Man kann viele Szenarien diskutieren. Aber lassen Sie mich eines klar sagen: Eine Abteilung Gegenwart eines Museums ist nicht dasselbe wie eine Kunsthalle. Es ist nicht die Aufgabe der Kunsthalle, eine Sammlung aufzubauen und somit ein kulturelles Erbe zu pflegen und ihre Ausstellungen in den Kontext einer Sammlung zu stellen. Museen haben auch eine Konservierungspflicht, alles, was dort ankommt, bekommt den Stempel «wertvoll» und «ausstellungswürdig» . . .

. . . diesen «Stempel» gibt es in der Kunsthalle nicht . . .
. . . ich dagegen zeige in der Kunsthalle Künstler und Arbeiten, von denen ich überzeugt bin, dass man sie jetzt zur Diskussion stellen muss. Oft wird mir die Frage gestellt, ob die von mir gezeigten Künstler in zehn Jahren bedeutend und Teil des Kanons sein werden. Ich muss mir diese Frage nicht stellen, weil ich in keinem Museum arbeite. Ich habe aber schon für Museen gearbeitet und kenne mich in deren Logik auch aus. Der Zusammenschluss mit einem Museum kommt für die Kunsthalle wegen ihres Wesens und ihres Auftrags daher nicht infrage.

Kritiker werfen Ihnen vor, das Profil der Kunsthalle leide darunter, dass Sie die Kunsthalle zu stark wie ein Off-Space betreiben würden, also wie einen nicht kommerziellen, unabhängigen Ausstellungsraum für unetablierte zeitgenössische Kunst. Trifft Sie diese Kritik?
Es ist eigenartig: Entweder wirft man uns vor, wir arbeiteten zu sehr wie ein Off-Space und seien zu wenig eine Kunstinstitution, oder man wirft uns umgekehrt vor, zu sehr wie ein Museum zu funktionieren und zu wenig wie ein Off-Space. Mir scheint diese Widersprüchlichkeit ein Indiz dafür zu sein, dass wir mit unserer Ausrichtung nicht allzu schlecht liegen. Keine meiner Ausstellungen könnte in einem Off-Space-Rahmen stattfinden, und das ist nicht nur eine Frage der finanziellen Mittel. Ein Off-Space kann nicht eineinhalb Jahre investieren in eine Ausstellung, so wie wir das machen. Richtig ist, dass wir in der Kunsthalle viele experimentelle Sachen machen und zahlreiche junge Künstler ausstellen. Das ist aber auch die Pflicht der Kunsthalle, hier gewisse Risiken zu wagen.

Die Kunsthalle muss den Spagat schaffen zwischen internationaler Ausrichtung und Berücksichtigung der lokalen Berner Kunstszene . . .
. . . entschuldigen Sie, aber ich glaube, in Bern gibt es mehr als eine Szene, viel mehr sind es verschiedene Netzwerke und Generationen von Kunstschaffenden, die sich an verschiedenen Produktions- und Ausstellungsorten überschneiden. Das ist ein Zeichen der Lebendigkeit dieser Stadt. Ich führe kontinuierlich Gespräche mit verschiedenen Künstlern dieser verschiedenen Berner Szenen. Diese Auseinandersetzungen sind organisch und nehmen viele Formen an: Ich besuche Ateliers und bringe lokale Künstler mit auswärtigen Kunstschaffenden zusammen. Alles entwickelt sich zu seiner Zeit . . .

Dieses Jahr wird die Kunsthalle nicht an der Cantonale Berne-Jura teilnehmen, sondern wieder eine eigene Weihnachtsausstellung präsentieren. Ein Bekenntnis zur lokalen Kunstszene?
Die Entscheidung haben wir vor etwas weniger als einem Jahr getroffen. Vielleicht werden wir 2014 wieder an der Cantonale teilnehmen. Die Schweizer Kunstszene ist in den letzten Jahren viel dichter geworden. Viele - gerade die jüngeren - Künstler reisen konstant von einer Stadt zur nächsten. Dabei erleben wir das Aufkommen einer überregionalen, nationalen Szene. Trotz dieser Entwicklung behalten die Städte ihre Identität und ihre eigene Geschichte. Jede Stadt hat ihre verschiedenen Künstlergenerationen und deren Chroniken, die wiederum mit ihrem Netzwerk an Kritikern, Sammlern und Kuratoren verbunden sind. Die Cantonale hat zweifellos ihre Qualitäten, aber ich hatte auch das Gefühl, dass mit diesem Konzept etwa das verloren geht, was eben mit einer bestimmten Stadtidentität zu tun hat.

Im kommenden Winter gibt es die erste Einzelausstellung mit einem Berner Künstler . . .
Wir zeigen eine Retrospektive der grossartigen Poster-Arbeiten von Dirk Bonsma, die ich bereits als 16-Jähriger entdeckt habe. Ich kam als Teenager nach Bern, um zwei Orte zu besuchen, die Reithalle für Punk-Konzerte und die Kunsthalle - das waren meine Anker hier in Bern.

Nochmals grundsätzlich: Wieso soll eine Institution wie die Kunsthalle nicht auch an Zahlen wie den Eintritten oder dem Eigenfinanzierungsgrad gemessen werden?
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das Ziel einer vom Staat finanzierten Kultur nicht Rentabilität sein kann. Wir haben kürzlich eine Retrospektive der amerikanischen Künstlerin Ericka Beckman organisiert. Für diese Ausstellung haben wir viele ihrer Arbeiten aus den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren rekonstruiert. Wir haben extrem viel Zeit und Arbeit in Recherche und Aufarbeitung investiert. Den grössten Teil dieser Kosten haben wir übernommen, somit war es eine der teuersten Ausstellungen im letzten Jahr. Die Ausstellung wird jetzt an weitere internationale Institutionen reisen und von Kunstschaffenden und Kritikern bereits als kunsthistorisch relevant angesehen. Eine solche Ausstellung kann nie mit Rentabilitätskriterien gemessen werden - aber gerade für solche Unternehmungen existiert die Kunsthalle.

10'500 Eintritte im Jahr 2012. Trotz eines Anstiegs von 10 Prozent ist das eine Zahl, die für viele Leute auf einen elitären Zirkel hindeutet.
Vergessen Sie eines nicht: Wir haben hier weder ein Restaurant noch eine Bar oder ein Café. Die Kunsthalle ist also kein Ort für grössere gesellschaftliche Zusammentreffen, sondern ein Vermittlungsort, der dem kritischen Denken und der ästhetischen Auseinandersetzung verpflichtet ist. Als profilierte Institution für zeitgenössische Kunst beteiligt sich die Kunsthalle aktiv an der kulturellen Vielfalt und Ausstrahlung der Stadt Bern und trägt somit auch zu ihrem Wohlstand bei.

Könnte man die Kunsthalle überhaupt schliessen?
Nein. Das Gebäude gehört ja dem Verein. Aber ein Gebäude ohne Inhalt wäre für niemanden interessant. Wenn wir 15 bis 20 Prozent der Subventionen verlieren würden, müssten wir das Haus vier Monate im Jahr schliessen.

Was antworten sie jemandem, der fragt: Warum sollen wir im Sozial- und Pflegebereich Einschnitte akzeptieren und eine Kunsthalle von Subventionskürzungen verschonen?
Die Kunsthalle wurde am Ende des Ersten Weltkrieges gegründet, als die Wirtschaft am Boden lag. Die politische und ökonomische Situation präsentierte sich viel dramatischer als heute. Aber in Bern dachten einige Leute, dass es wichtig sei, einen Ort für zeitgenössische Kunst zu bauen. Sie glaubten fest daran, dass eine solche Institution von unschätzbarem Wert sein würde für die Weltoffenheit und den geistigen Haushalt ihrer Stadt.

Der Bund

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