Er war der Meister der Vogelperspektive

Georg Gerster bereiste die Erde, um ihre Schönheiten zu dokumentieren. Der Fotoreporter wurde vielfach prämiert und erlebte bei seiner Arbeit so manches Abenteuer.

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Christoph Heim@bazonline

«Eigentlich hättest Du als Pegasus geboren werden müssen», schrieb ihm der Karikaturist und Kinderbuchautor H. U. Steger nach seinem Besuch der Ausstellung «Flug in die Vergangenheit», die 2005 im Landesmuseum in Zürich zu sehen war. Der am 8. Februar verstorbene Fotograf Georg Gerster war ein Pionier der Luftbildfotografie.

Er wurde 1928 in Winterthur geboren und absolvierte ein Studium der Germanistik. In den Fünfzigerjahren arbeitete er als Wissenschaftsjournalist bei der «Weltwoche», später war er als freier Fotograf für die NZZ und das «National Geographic Magazine» tätig. Bekannt wurde Gerster auch mit seinen Plakaten für die alte Swiss Air, mit denen die Fluggesellschaft einst für ihre Destinationen rund um den Globus warb.

Die Schönheit der Verfremdung

Seit 1959 produzierte Gerster regelmässig Bildreportagen und Bildbände. Er bereiste über 100 Länder auf allen Kontinenten und fotografierte archäologische Stätten jeglicher Art: von Stonehenge bis zur Chinesischen Mauer, von den Tempeln von Abu Simbel bis zu aztekischen Kultstätten. Aber auch Gebirge und Wüsten, Küsten und Seen, Agrar- und Industrielandschaften hat er in Flugbildern fotografisch festgehalten. Immer wieder interessierten ihn auch die Auswirkungen von menschlichen Eingriffen in den ökolo­gischen Kreislauf.

Gersters Fotografien sind nicht nur technische Meisterleistungen und präzise Dokumente, sondern öffnen dem Betrachter den Blick für die Schönheit der Erde. Er wusste genau, wann sich die Landschaft in ihrem besten Licht zeigt. So waren die Kon­turen einer flachen Gegend in der Morgensonne besonders gut sichtbar. Bei absoluter Windstille wurde ein See zu einer spiegelnden Oberfläche. Dabei spielte Gerster gekonnt mit dem Verfremdungseffekt, der sich durch die ungewöhnliche Perspektive aus der Luft einstellen konnte. Seine Fotos aus dem Flugzeug vermitteln denn auch oft ein überraschendes und ungewohntes Bild der Erde. Manchmal konnte sein Blick aus der Vogelperspektive sogar überaus rätselhaft und fremdartig sein.

Für seine Ausstellung «Wovon wir leben», die 2003 in Winterthur stattfand, fotografierte er etwa Weizenfelder, Reisplantagen und Weinanbaugebiete auf der ganzen Welt. Dabei wirkten seine Bilder mit ihren geometrischen Figuren und ihrer Buntheit beinahe wie abstrakte Gemälde. Ästethisch überaus reizvoll.

Bewahrung der Erde

Gerster liess die Betrachter seiner Bilderrätsel aber nie im Ungewissen: Mit seinem journalistisch geschulten Fachkommentar löste er sie auf, sodass der Betrachter sich unweigerlich für sein Anliegen interessieren musste: Es ging ihm um die Bewahrung der Erde. Gerne berichtete Gerster auch von den Gefahren, denen er sich bei seinen Reportagen aussetzte.

Im Sudan stieg er einmal zu Beginn seiner Karriere zu einem betrunkenen Piloten ins Flugzeug, der ihn im «Torkelflug» nach Wadi Halfa brachte. Unterwegs boten sich dem Fotografen aber grossartige Motive. Ein andermal musste sein Pilot im kältesten Winter mitten in Ohio landen, weil er die «grosse Schlange», einen auffälligen Flusslauf, nicht fand. Gerster, der nur Halbschuhe und Strassenkleidung für Hawaii trug, bat dann eine Farmerin, deren Haus er halb erfroren nach einem langen Marsch über eisige Schollen erreichte, ihm zu sagen, wo der fragliche Fluss sich befinde.

Gerster erhielt im Jahr 1973 die Goldene Blende in Deutschland und 1976 den Prix Nadar in Paris. Die Stadt Winterthur und der Kanton Zürich haben ihn mit Anerkennungs- und Ehrengaben ausgezeichnet. Nun ist Georg Gerster 90-jährig in Zumikon gestorben.

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