Zum Hauptinhalt springen

«Er gehorchte brav wie ein Hündchen»

In einer Serie erinnern sich Persönlichkeiten an prägende Begegnungen und Erlebnisse im Haus am Helvetiaplatz. Heute: der Kunsthändler und Auktionator Eberhard W. Kornfeld.

Eberhard Kornfeld während einer Auktion in der Galerie Kornfeld aus dem Jahr 2012.
Eberhard Kornfeld während einer Auktion in der Galerie Kornfeld aus dem Jahr 2012.
Franziska Scheidegger (Archiv)

«Ich kam 1945 von Basel nach Bern, für eine dreijährige Volontariatszeit bei August Klipstein. Im damaligen Restaurant Sonne am Bärenplatz traf sich jeweils am Freitagabend ein Kreis von Kunsthistorikern. Ich lernte dort auch Arnold Rüdlinger kennen und begleitete so die ganze Nachkriegsphase der Kunsthalle. Rüdlinger war noch als Student Max Hugglers zu dessen Nachfolger in der Kunsthalle auserkoren worden. Schon unter Huggler hatte es eine Dynamik in der Kunsthalle gegeben, er stellte in den 1930er-Jahren unter anderem Klee, Kandinsky und Kirchner aus.

***

Die erste Phase Rüdlingers war bescheiden, bis sich ihm die Möglichkeit eröffnete, international zu wirken. Noldi brachte Le Corbusier nach Bern, Chagall oder Léger. Bei vielen Ausstellungen konnte ich schon vor der Vernissage ins Haus und schaute den Künstlern beim Einrichten zu. So lernte ich in der Kunsthalle 1948 auch Alberto Giacometti kennen. Rüdlinger war nach Paris gefahren und wollte eine Ausstellung machen über ‹Jeunes sculpteurs contemporains›. Er stiess dabei auch auf Giacometti, der dann fünf oder sechs Skulpturen in Bern ausstellen durfte. Er war aber in dieser Gruppenausstellung eine Nebenfigur ohne eigenen Raum. Im Archiv der Kunsthalle existiert noch ein Brief, in dem Giacometti leise Kritik übt an dieser Konstellation. Als ich Giacometti zum ersten Mal begegnete, war er in Begleitung einer weisshaarigen Dame; sie stellte sich als seine Mutter heraus. Die erfahrene Künstlerwitwe gab ihrem Sohn dezidiert Instruktionen, wie er seine Werke auf den Sockeln zu platzieren hatte. Er gehorchte brav wie ein Hündchen.

***

Mein erstes Werk kaufte ich 1948, und das hatte auch mit der Kunsthalle zu tun. Arnold Rüdlinger hatte in der Kunsthalle eine Ausstellung ‹Paula Modersohn und die Maler der Brücke› gemacht. Und dort war auch ein Bestand von Kirchner-Arbeiten, die zwar nicht in der Ausstellung figurierten, aber Rüdlinger zum Verkauf anvertraut worden waren. Ich verdiente damals zwar nur 300 Franken im Monat, habe aber dennoch einige Werke gekauft, die zwischen 40 und 60 Franken kosteten – ich habe sie noch heute. Rüdlinger war im Grunde auch der Entdecker der amerikanischen Expressionisten in Paris. Ich verdanke ihm die Entdeckung von Sam Francis, mit dem mich dann eine lebenslange Freundschaft verband. Mehrmals bin ich mit Noldi in den frühen 50er-Jahren nach Paris gereist. Die Kunsthalle hatte einen Camion, mit dem Noldi und der wunderbare Abwart Robert Burri die ganzen Bildertransporte abgewickelt haben.

***

Ich erinnere mich auch an Fahrten mit Noldi im Schlafwagen nach Paris, er hatte immer eine Flasche Chianti bei sich. Ich lag im oberen Bett, er im unteren. Regelmässig ging das Licht an, und ich hörte im Halbschlaf Trinkgeräusche – gluck, gluck, gluck –, dann wurde das Licht wieder gelöscht. Als er 1955 nach Basel an die Kunsthalle ging, war das ein ausgesprochener Verlust für Bern. Er hatte ein einmaliges Netzwerk, internationale Koryphäen gingen damals in Bern ein und aus. Noldi verliess Bern aber beruhigt, weil mit Franz Meyer ein enger Freund von ihm sein Nachfolger wurde. Unter Rüdlinger und Meyer hatte die Kunsthalle Weltniveau, unter Szeemann wurde sie zum Experimentierfeld. Über die Kunsthalle der Gegenwart kann ich nicht viel sagen, das letzte Mal habe ich vielleicht vor fünf Jahren eine Ausstellung besucht. Im Archiv der Kunsthalle arbeite ich noch ab und zu, es gibt dort etwa Briefe von Kirchner im Zusammenhang mit einer Ausstellung 1933, das ist hochinteressant.

***

Aber schauen Sie: Ich bin jetzt 95 Jahre alt. Vor rund zwanzig Jahren habe ich mich von zeitgenössischer Kunst verabschiedet. Ich wage deshalb nicht, mit einem Daumen rauf oder runter die Qualität und die Leistungen der Kunsthalle in der jüngeren Vergangenheit zu beurteilen. In den 1950er-Jahren in Paris sass man bis morgens um vier mit den Künstlern zusammen, und langsam kristallisierte sich durch den Magen heraus, was Qualität hatte. Heute versucht man alles im Kopf zu organisieren, aber das funktioniert nicht. Das Bauchgefühl ist entscheidend. Arnold Rüdlinger hatte diesbezüglich eine unheimliche Begabung.»

Eberhard W. Kornfeld, Jahrgang 1923, über-nahm 1951 die Kunsthandlung Gutekunst und Klipstein und baute sie zum weltbekannten Auktionshaus aus. Bisher erschienen: Thomas Hirschhorn (12. Mai), Paul Nizon (19. Mai), Jobst Wagner (26. Mai).

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch